Airport Weeze: Eine denkbare Ergänzung zu Düsseldorf?

Ein Beitrag aus der Themenreihe: Luftverkehr und Fluglärm.

Seit 2004 leitet der gelernte Wirtschaftsingenieur Ludger van Bebber (52) die Geschicke der Flughafen Niederrhein GmbH. Mit rund zwei Millionen Passagieren pro Jahr ist der Airport Weeze ein kleiner, aber nicht unbedeutender Regionalflughafen in privater Trägerschaft. Weeze ist nur etwa 70 km vom Düsseldorfer Flughafen entfernt. Der drittgrößte Flughafen Deutschlands mit rund 22,5 Mio. Passagieren will seine Betriebserlaubnis erweitern, was heftig diskutiert wird, Weeze könnte eine mögliche Alternative sein.

Herr van Bebber, stellen Sie sich doch bitte mal folgende Situation vor: Sie sitzen ganz gemütlich im Kaminzimmer mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Verkehrsminister Michael Groschek (SPD). Sie dürften als Experte in vertrauter Runde sagen, wie Sie die Zukunft der Luftfahrt gestalten würden. Was wäre Ihre Antwort?

van Bebber: Zunächst würde ich sage, dass der erste wichtige Schritt bereits getan ist, man sitzt im Dialog zusammen.

Ist das so etwas Besonderes?

van Bebber: Ja. Deutschland ist kein Land, in dem große Vorhaben problemlos durchlaufen. Ich denke zum Beispiel an ‚Stuttgart 21‘. Was wir da erlebt haben, war erschreckend. Bei solchen streitigen Bauvorhaben muss man sich im Vorfeld mehr Mühe geben und den Dialog mit allen Parteien, Befürwortern, Gegner, Umweltverbänden, der Wirtschaft und so weiter suchen. Heiner Geißler wurde geholt, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Er hat es dann geschafft, dass überhaupt alle wieder miteinander reden und zu Kompromissen bereit sind.

Ludger van Bebber: „Die Lösung ist ein guter Kompromis.“ Foto: Christoph Bubbe
Ludger van Bebber: „Die Lösung ist ein guter Kompromis.“ Foto: Christoph Bubbe

Bleiben wir beim Luftverkehr. Sie bemängeln also, dass zu wenig kommuniziert wird. Sucht die Politik das Gespräch mit Ihnen?

van Bebber: Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass wir lange gekämpft haben, um überhaupt eine bestandskräftige Genehmigung für den Flughafen Weeze zu bekommen. Dabei war die zentrale Frage nicht, ob wir mehr fliegen, sondern ob wir überhaupt fliegen dürfen? Wir haben fünf Jahre im Gerichtssaal verbracht. Insgesamt hat es fast neun Jahre gedauert, bis wir uns mit allen Klägern und Flughafengegnern einigen konnten. Letztlich haben wir uns mit allen Parteien an einen Tisch gesetzt und eine Konsenslinie ausgehandelt. Im Luftverkehr verweise ich da gerne auf die Niederländer als Vorbild.

Wieso? Was machen die besser?

van Bebber: Um auf ihr schönes Kamingespräch-Beispiel zurückzukommen: Die Niederländer schaffen erstmal Atmosphäre. Dann holen sie im Vorfeld alle Personen an einen Tisch. Der Amsterdamer Flughafen Schiphol ist ähnlich wie Düsseldorf überlastet. Es gab Überlegungen, Schiphol auszubauen. Sogar eine Landebahn im Meer war im Gespräch. Wo wollen Sie in Amsterdam auch sonst mehr Platz schaffen? Es wurde viel diskutiert. Die Niederländer haben sich entschieden, ein nationales Luftverkehrskonzept zu verabschieden und den 60 Kilometer entfernten Regionalflughafen Lelystad zu erweitern. Damit war ein Teil des Drucks von Schiphol weg. Es hieß nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Die Lösung ist ein guter Kompromiss.

Das Beispiel passt natürlich perfekt zu Düsseldorf und Weeze. Düsseldorf hat ja gerade einen Antrag auf Erweiterung der Betriebsgenehmigung gestellt, um noch mehr Starts und Landungen abwickeln zu können. Inwieweit kann Weeze eine Alternative sein? Haben Sie überhaupt noch Kapazitäten?

Auf ein Wort im Flughafen-Café: Die INFORMER-Redaktion traf den Airport-CEO Ludger van Bebber (Mitte) und Flughafensprecher Holger Terhorst (r.). Kein Smalltalk, sondern ein Gespräch über die Faktenlage. Foto: Christoph Bubbe
Auf ein Wort im Flughafen-Café: Die INFORMER-Redaktion traf den Airport-CEO Ludger van Bebber (Mitte) und Flughafensprecher Holger Terhorst (r.). Kein Smalltalk, sondern ein Gespräch über die Faktenlage. Foto: Christoph Bubbe

van Bebber: Wir können problemlos ein bis zwei Millionen Passagiere mehr im Luftverkehr abwickeln. Mit wenigen Terminalerweiterungen wären sogar fünf bis sechs Millionen realistisch. Im Übrigen entlasten wir den Düsseldorfer Flughafen ja schon. Wo kommen unsere Passagiere her? Aus dem Rheinland, dem Ruhrgebiet und den östlichen Niederlanden. Wenn es uns nicht gäbe, würden sie woanders fliegen, vermutlich in Düsseldorf.

Kapazitäten wären also da, aber so einfach ist es in der Realität ja meistens nicht. Derzeit werden in Düsseldorf die Weichen auch für den Wohn- und Wirtschaftsstandort Niederrhein gestellt. Ziel ist die Neuaufstellung des Landesentwicklungsplans (LEP), der ja auch die Verkehrsinfrastruktur für den Luftverkehr festlegt. Was sagen Sie zu den aktuellen Plänen?

van Bebber: Die Fortschreibung ist längst überfällig. Leider basiert die Fortschreibung auf einem völlig veraltetem Luftverkehrskonzept aus dem Jahr 2000. Zusätzlich gibt es jetzt die Vorgabe, dass Weeze sich nur noch im Einklang mit Düsseldorf, Köln und Münster entwickeln können soll. Das ist offensichtlich wettbewerbsverzerrend, es muss für alle die gleichen Chancen geben. Planung ist die gedankliche Vorwegnahme der Zukunft, nicht die historische Betrachtung der Vergangenheit. Also sollte der Entwurf eines LEP auf den Erkenntnissen des Jahres 2016 basieren und nicht mit Daten aus den 90er Jahren.

Selbst wenn einem Ausbau von Weeze zugestimmt wird, haben die Airlines ja auch noch ein Wörtchen mitzureden. Die lassen sich bestimmt nicht einfach von einem zum anderen Flughafen verschieben.

van Bebber: Natürlich lassen sich Airlines nicht wie eine Angel hin- und herschieben. Ryanair ist an unserem Standort hochprofitabel und in der Lage, zwei Millionen Menschen im Jahr zu transportieren. Es gibt Geschäftsmodelle, die funktionieren hier sehr gut, andere nicht.

Was meinen Sie genau?

van Bebber: Ein Geschäftsmann, der seine Maschine verpasst hat und zwei Stunden später fliegen will, wird es hier schwer haben. Die Frage ist, welche Intention verfolgen Sie? Wir erreichen unter anderem die Menschen im Ruhrgebiet und der Rheinschiene. Insbesondere der Verkehr zu den Sonnenzielen nach Spanien und Italien funktioniert sehr gut. Marokko ist bei den Niederländern sehr beliebt. Menschen mit einem privatem Reiseanlaß  vergleichen die Preise und lieben eine überschaubare gute Infrastruktur. Wenn Menschen beruflich fliegen, ist der Preis oftmals nicht das entscheidende Kriterium. Ein Geschäftsmann zahlt auch ohne lange nachzurechnen gerne 50 Euro mehr, wenn er dafür vier Stunden eher wieder abends zuhause  ist. In Düsseldorf haben Sie einfach andere Bedingungen, eine andere Infrastruktur und ein anderes Angebot.

Die großen Flughäfen haben aber auch andere Probleme. In Düsseldorf ist der Fluglärm seit Jahrzehnten ein Dauerthema. Halten Sie lärmabhängige Gebühren, die Airlines zahlen müssen, um den Lärmschutz einzuhalten, für realistisch?

van Bebber: Das passiert in Deutschland und Europa ja bereits an vielen Standorten. Flugzeuge werden klassifiziert, moderne Flotten zahlen geringere Lärmabgaben.

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Zahlen und Fakten: Airport Weeze

  • Eröffnung: 1. Mai 2003
  • Nutzfläche Terminal: 12.795 qm
  • Fläche: 620 ha
  • Kapazität: ca. 3,5 Mio. Passagiere pro Jahr
  • Abfluggates: 11
  • Passagierparkplätze: 7.000
  • Beschäftigte am Standort Flughafen: ca. 1.000
  • Umsatz im Jahr 2015: 22 Mio. Euro
  • Jahresergebniss 2015: 2,2 Mio. Euro Gewinn

[/su_pullquote]Kommen wir noch mal zurück auf das steigende Flugaufkommen. Es gibt Prognosen, dass der Flugverkehr bis 2030 um rund 65 Prozent zunehmen wird. Eigentlich müssten doch alle Regionalflughäfen davon profitieren. Dem ist aber nicht so. Wieso schreiben Sie schwarze Zahlen und andere nicht?

van Bebber: Erstmal freue ich mich über solche Prognosen. Es ist doch immer gut, in einem Markt zu arbeiten, der wächst. Dann gibt es für alle Beteiligten viel mehr Möglichkeiten. Über die Geschäftsmodelle oder Ergebnisse anderer Flughäfen äußere ich mich verständlicherweise nicht.

Dann anders gefragt: Was zeichnet Ihren Flughafen denn aus?

van Bebber: Wir sind sehr modern und sehr gut aufgestellt. In vielen Fällen profitieren wir wohl auch von der Gnade der späten Geburt. Uns gibt es erst seit 2003. Wir sind in einen neuen Markt reingegangen und konnten uns perfekt auf die Bedingungen einstellen. Ryanair hat bei uns mit bis zu sieben Jets eine der größten deutschen Basis-Stationen aufgebaut. Wir haben zudem das Ryanair-Prinzip auch für uns verinnerlicht. Ryanair kann Flüge günstig anbieten, weil diese Fluglinie ständig  an seinen Kosten arbeitet. Das Unternehmen dreht nicht nur hart an der Geldschraube nach außen, sondern auch nach innen. Auch wir prüfen jede Anschaffung, ob sie wirklich nötig ist. Im Prinzip ist es ganz banal: Am Ende müssen die Einnahmen höher als die Ausgaben sein. So wie bei jedem anderen privaten Unternehmen auch, das langfristig erfolgreich sein möchte.

Ein Beitrag von Eva Valentini

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