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Mittwoch, 20. June 2018
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„Man muss schon genau sagen, was man will.“

Seit einem knappen Monat hat die Essener Wohnbau eG einen neuen Technischen Vorstand. Aus Altersgründen hat Dipl.-Ing. Rainer Mertens das leitende Gremium der Wohnungsgenossenschaft verlassen. Nachfolger: Dr.-Ing Janßen – genauer gesagt, Frau Dr.-Ing. Jasmin Janßen. Sind in der Wohnungswirtschaft die Führungspositionen – allem voran im technischen Bereich – meist durch Männer besetzt, nimmt bei der Wohnbau eG mit der gebürtigen Gladbeckerin erstmals eine Frau das Heft in die Hand. Seit 1999 in der Wohnungswirtschaft tätig, weiß sie, was sie tut – und was sie will.

Das Kürzel ‚Ing.‘ ist schon fast ein fester Namensbestandteil der Familie Yildirim. Der Vater Bergbau-Ingenieur, der Bruder Elektro-Ingenieur und Jasmin Janßen, geborene Yildirim, eben promovierte Bau-Ingenieurin. „Unsere Familie hatte schon immer mehr Affinität zu Zahlen als zu Geisteswissenschaften“, sagt die Neue im Vorstand der Wohnbau eG lächelnd. Dass sie aber direkt von der Uni in die Wohnungswirtschaft landete, hätte sie so auch nicht erwartet.

Ende der 90er, als die VEBA noch nicht E.ON hieß und deren Immobilientochter mit Raab Karcher zur Viterra AG verschmolz, sollte dies zum Einstieg in die Wohnungsbranche für Janßen werden. „Das Unternehmen besaß unter anderem einen Bestand von 25.000 Althaus-Wohnungen und strebte eine Bestandsanalyse an“, erinnert sich Janßen, die damals einen Dipl. und keinen Dr. vor dem Namen trug. „Klar, bei so vielen Wohnungen macht man das nicht mal eben nur mit dem eigenen Personal.“ Der Konzern wandte sich auf der Suche nach branchenkompetenten studentischen Mitarbeitern an die Ruhr-Uni Bochum; und zwar genau an die Fakultät, an der auch Jasmin Janßen tätig war. Janßen wurde die Projektleitung übertragen. Doch damit nicht genug: „Mein Lehrstuhl trat an mich heran und fragte, ob ich das Projekt nicht gleich dazu nutzen wolle, zu promovieren.“ Was sich die Bau-Ingenieurin zunächst gar nicht vorstellen konnte, mündete letztlich doch in einer auf drei Jahre befristeten 75-Prozent-Stelle. Daneben arbeitete sie an ihrem Doktortitel und hielt als Gastdozentin Vorträge an der Ruhruniversität. Als die drei Jahre um waren, sprach Janßen mit ihren Vorgesetzten im Konzern – und blieb, nun allerdings in einer Vollzeitanstellung. „Promovieren und gleichzeitig Vollzeit arbeiten, ist hart, aber machbar.“

Das erste Projekt der Wohnbau eG für den neuen Technischen Vorstand: Dr. Jasmin Janßen erklärt INFORMER-Redakteur Lars Riedel, wie eine Gewerbe-Immobilie in Kettwig zu Wohnraum wird. Foto: Christoph Bubbe

Das erste Projekt der Wohnbau eG für den neuen Technischen Vorstand: Dr. Jasmin Janßen erklärt INFORMER-Redakteur Lars Riedel, wie eine Gewerbe-Immobilie in Kettwig zu Wohnraum wird. Foto: Christoph Bubbe

Anerkennung durch gute Arbeit

Diese Art der Zielstrebigkeit passt zu Janßen. „Ich bin jemand, der nicht gern um den heißen Brei redet. Ich bin immer ziemlich direkt, aber dabei auch ehrlich und transparent.“ Ellbogen, um sich in der Männer dominierten Wohnungswirtschaft Gehör zu verschaffen, brauche sie nicht. „Den Respekt bekomme ich durch meine Arbeit. Allerdings muss man schon genau ausdrücken, was man will.“

Sei es die arbeitsintensive Zeit als Doktorandin oder die Einarbeitung der ersten Wochen bei der Wohnbau eG – die mittlerweile am Kemnader See wohnende, zweifache Stiefmama schreckt vor Arbeit nicht zurück. „Ich habe immer viel gearbeitet. So lange nicht die Familie und der Sport zu kurz kommen, ist alles in Ordnung.“ Joggen ist der Ausgleich für die Bau-Ingenieurin. „Mit dem Golfen habe ich auch angefangen. Allerdings mehr meinem Liebsten zur Liebe“, erzählt sie mit einem sympathischen Lächeln. „Ich würde nicht sagen, dass ich wirklich Golf spielen kann, eher, dass es auf dem Grün funktioniert – irgendwie.“

Die Wohnbau eG

Seit 1903 ist die Wohnbau eG in Essen aktiv. Die drei Genossenschaften ‚Essener Spar- und Bauverein‘, ‚Spar- und Bauverein Altendorf‘ und ‚Grundstein‘ schlossen sich zunächst zur ‚Vereinigten Spar- und Baugenossenschaft eGmbH Essen Ruhr‘ zusammen. 1942 wurde diese zwangsweise mit den Genossenschaften ‚Eigene Scholle‘ und ‚Heimatdank‘ verschmolzen zu der ‚GWG Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Essen West‘.

Seit 1990 trägt sie den Namen ‚Wohnbau eG‘. Zu ihrem Bestand gehören etwa 4.650 Wohnungen in 772 Häusern. Mitglieder zählt sie 6.000.

Seit Januar 2016 leitet Claus-Werner Genge die Geschicke der Essener Wohungsgenossenschaft als Kaufmännischer Vorstand. Das Ziel der Wohnbau eG: „Eine gute, sichere und sozial verantwortbare Wohnungsversorgung ihrer Mitglieder.“

Die Vorliebe für schnelle, direkte Entscheidungen

Funktioniert hat auch ihre berufliche Laufbahn in der Wohnungsbranche. Diese führt sie unter anderem in die Regionalgesellschaft zur Deutschen Annington, wo sie für die Wohnungsbestände in Essen und Gelsenkirchen zuständig war. „Diese Station war spannend und extrem lehrreich. Es war ein operatives Geschäft, in dem direkte und schnelle Entscheidungen vor Ort getroffen werden mussten.“ Wie es jedoch häufiger in großen Unternehmen vorkommt, folgte auch hier irgendwann eine Umstrukturierung. Und diese beförderte Janßen aus der Regionalgesellschaft in Gelsenkirchen in eine technische Stabsstelle nach Düsseldorf. Als Prokuristin verantwortete sie hier 52.000 Wohnungen, war für die Wohnraumschaffung und Quartiersentwicklungen verantwortlich. Budget-Entscheidungen, Umbau von Gewerbe-Immobilien zum Wohnraum, Nutzbarkeit von Grundstücken – für Janßen beruflicher Alltag. „Auch Konzernstrukturen sind sehr lehrreich. Aber letztlich muss man in einem Konzern bei Entscheidungen immer die vorgegebenen Abstimmungswege einhalten.“ Janßen wünschte sich die schnellen und direkten Entscheidungen, die kurzen Wege zurück, wie sie sie aus ihrer Zeit bei der Regionalgesellschaft erlebt hatte – und fand sie schließlich bei der Wohnbau eG. „Es war eine Stellenausschreibung im Internet. Eigentlich hatte ich gar nicht ernsthaft gesucht, nur immer wieder mal geguckt.“ Doch das Angebot der Essener Wohnungsgenossenschaft schien ihr wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zu passen. „Schon jetzt, in der kurzen Zeit, die ich erst hier bin, habe ich erlebt, wie schnell Entscheidungen tatsächlich getroffen werden können, wie kurz die Schnittstellen sind und wie konstruktiv hier auch mit Verbesserungsvorschlägen umgegangen wird“, resümiert sie ihre ersten Wochen im Amt. Und definiert dabei auch ihren eigenen Anspruch: Nah dran zu sein am Geschehen. Mit ihrem Vorgänger bereist sie die Wohnquartiere und partizipiert von den Kenntnissen ihres Technischen Leiters. „Wenn ein Straßenname fällt, will ich sofort parat haben, um welches Objekt es geht.“ Wie viele Wohneinheiten, wie die Gegebenheiten vor Ort sind und vor allen was zu tun ist – alles Informationen, die Janßen für sich direkt im Kopf abrufen können will. „Dafür werde ich noch ein bisschen brauchen, aber mit dem direkten und intensiven Austausch, den ich hier erlebe, sollte das kein Problem sein“, davon ist die promovierte Bau-Ingenieurin überzeugt, denn: „Auch als Frau in der Wohnungswirtschaft werde ich meinen Mann stehen.“

Ein Beitrag von Lars Riedel

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