Ein Projekt, für das man Herz braucht

Ines Junkmann und Peter Brill vom Wünschewagen-Team des ASB Ruhr. Foto: Christoph Bubbe
Ines Junkmann und Peter Brill vom Wünschewagen-Team des ASB Ruhr. Foto: Christoph Bubbe

Es war ein Versuch des ASB Ruhr, wie es ihn in Deutschland noch nicht gab: Ein Wünschewagen, der die letzte Lebenswünsche todkranker Menschen erfüllt. In Essen geboren, hat die Idee soviel Fahrt aufgenommen, dass auch andere Verbände der Arbeiter-Samariter deutschlandweit sagen: „Das wollen wir auch.“ Demnächst wird es in zwölf Bundesländern einen Wünschewagen nach Essener Konzept geben.

Foto: Christoph Bubbe
Foto: Christoph Bubbe

Frau Jungmann, Sie sind haupt- wie auch ehrenamtlich beim Wünschewagen aktiv. Wie alt sind die Menschen in der Regel, denen Sie ihre letzten Wünsche erfüllen? Und vor allem: Was sind das für Wünsche?
Ines Jungmann: Das Alter spielt keine Rolle. Wir fahren Kinder, wir fahren hochaltrige Menschen. Es ist ganz egal, wen wir vor uns haben, so lange wir den Wunsch erfüllen können. Wir hatten erst letztens den Wunsch einer Frau, noch einmal nicht ans, sondern ins Meer. Ich habe lange recherchiert und schließlich einen Schwimmrollstuhl an einem holländischen Strand gefunden. Möglich ist erst einmal alles.

Mit einem schwerstkranken Menschen ins Wasser – haben Sie keine Angst davor, dass Ihnen der Passagier bei der Ausfahrt verstirbt?
Jungmann: Es sind viele Wünsche dabei, viele Fahrten, die sich sicherlich kaum jemand zutrauen würde. Ja, natürlich können diese Menschen auf der Fahrt sterben. Und das dürfen sie bei uns auch. Das ist eben der ganz große Unterschied: Der Tod wird bei uns nicht totgeschwiegen. Im Vorfeld geben die Menschen unter anderem auch an, ob sie gegebenenfalls bei ihrer Wunschfahrt reanimiert werden wollen oder nicht. Und ca. 80 % unserer Fahrgäste geben an, dass sie es nicht wollen. Das heißt: Sie dürfen auch sterben, wenn es so sein sollte – ob am Meer, beim Fußballspiel, im Schwimmbad oder wo auch immer.

Wenn sich aber jemand gegen das Sterben ausgesprochen hat oder generell wenn etwas passiert, wie können Sie dann in Notsituationen reagieren?

Foto: Christoph Bubbe
Foto: Christoph Bubbe

Jungmann: Unser Wagen ist ein umgebauter Krankenwagen, der alles hat, was auch ein solcher braucht. Der sieht nur mit Absicht ganz anders aus, damit auch klar ist, es ist keine Krankenfahrt. Und wir sprechen auch nicht von Patienten. Bei uns ist es ein Fahrgast, dem wir einen Wunsch erfüllen. Alles Medizinische, von Sauerstoff bis Absaug, ist da, nur versteckt. Man sieht es nicht. Außerdem gehören ein ausgebildeter Rettungssanitäter und eine Pflegekraft an Bord zu den Mindestanforderungen einer solchen Fahrt. Auf Wunsch ist auch eine Begleitperson dabei. Übrigens: All diese Menschen, die das machen, sind Ehrenamtler.

Herr Brill, Sie engagieren sich seit 2015 ehrenamtlich als Begleitperson. Wie gehen Sie dabei mit den Menschen um?
Peter Brill: Ich finde es ganz wichtig, die Person da abzuholen, wo sie ist. Sie soll einfach das Gefühl haben, dass sie erzählen kann, ohne bewertet zu werden oder dumme Ratschläge zu bekommen. Das ist mir wichtig. Und diesen Gesprächsfaden nehme ich dann auf, höre zu, bin da und entwickle das Gespräch weiter.

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So helfen Sie, Wünsche zu erfüllen

Der ASB Wünschewagen finanziert sich maßgeblich über Spenden. Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen, richten Sie Ihre Spende nach freiem Ermessen an folgendes Konto:

Bank für Sozialwirtschaft Kontoinhaber: ASB Regionalverband Ruhr e. V. IBAN: DE79 3702 0500 0007 2708 00 BIC: BFSWDE33XXX Betreff: Artikel INFORMER Wünschewagen[/su_pullquote]Besonders schwer mag man sich das bei Kindern vorstellen, denen Sie einen letzten Wunsch erfüllen.
Brill: Ich habe kürzlich ein Mädchen begleitet. Dieses Mädchen hat nie Muskeln entwickelt. Sie hatte 24 Stunden häusliche Betreuung, wurde künstlich ernährt, hatte einen Katheder. Und sie wird an dieser Krankheit sterben. Mit ihr war ich im Wuppertaler Zoo. Da gab es den Tod nicht. Er ist nicht das Thema, sondern: „Oh, da ist der Eisbär. Da der Affe.“ Gerade Kinder gehen voll in ihrem Wunsch auf.

Was war denn für Sie persönlich ein besonderer Moment auf einer Ihrer Fahrten?
Brill: Das war ein über 6o-jähriger Herr, der den Wunsch hatte, den A380 zu sehen. Die Wunschanfrage kam ganz, ganz kurzfristig, weil es ihm schon so schlecht ging. Also wollten wir ihn auf die Besucherplattform des Düsseldorfer Flughafens bringen. Tatsächlich bekamen wir aber die Sondergenehmigung, mit dem Wünschewagen aufs Rollfeld zu fahren. Damit hat niemand gerechnet. Und dann kam der dicke A380 runter und wir fuhren, begleitet durch die Feuerwehr, hinterher und kamen unter den Flügeln zum Stehen. Dieser Mann, unser Fahrgast, hatte eine Ausstrahlung plötzlich. Man hat so richtig das Lächeln gesehen. Es war eine Zufriedenheit, eine innere Ruhe, die ich unglaublich beeindruckend fand.

Ein Interview von Lars Riedel

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