Mit Protonen gegen den Krebs

Prof. Beate Timmermann, Ärztliche Leiterin am WPE, und der 500. Patient, Frank Mark aus Baden-Würtemberg. Nachdem der Prostatakrebs bei ihm zurückkehrte, hat er sich für die Behandlung am Westdeutschen Protonentherapiezentrum Essen entschieden. Foto: UK Essen (Timmermann, Mark), INFORMER Bildproduktion (Behandlungsraum WPE)
Prof. Beate Timmermann, Ärztliche Leiterin am WPE, und der 500. Patient, Frank Mark aus Baden-Würtemberg. Nachdem der Prostatakrebs bei ihm zurückkehrte, hat er sich für die Behandlung am Westdeutschen Protonentherapiezentrum Essen entschieden. Foto: UK Essen (Timmermann, Mark), INFORMER Bildproduktion (Behandlungsraum WPE)

Im Westdeutschen Protonentherapiezentrum Essen (WPE) am Universitätsklinikum Essen (UK Essen) wurde im September der 500. Patient erfolgreich behandelt: Bei Frank Mark (67) aus der Nähe von Stuttgart stellten Ärzte Mitte 2009 einen erhöhten PSA-Wert fest, der auf eine Erkrankung der Prostata hindeuten kann. Weitere Untersuchungen ergaben: Frank Mark leidet unter einem Prostatakarzinom. Nach einer eigenen umfangreichen Recherche und der Empfehlung seines Urologen entschied sich Mark zu einer Protonentherapie am WPE.

„Wir haben 2013 mit Behandlungen angefangen und dann in jedem Jahr einen Behandlungsraum in Betrieb genommen“, so Dr. Felicitas Guntrum, Oberärztin am WPE. „Dieses Jahr modernisieren wir sogar erneut einen der Räume. Denn die Anlage wird ständig weiterentwickelt.“ So wurden im Laufe der letzten Jahre am WPE auch verschiedene Funktionen in Betrieb genommen: unterschiedliche Formen der Protonen-Anwendung, Modalitäten zur bildgestützen Hochpräzisions-Protonentherapie und ein neues Therapie-Planungssystem, mit dem die Experten die Präzision, die Sicherheit und die Dosisplanung weiter optimieren konnten. „Parallel zu dieser technischen Entwicklung haben wir auch den klinischen Umfang gesteigert. Wir haben mit der Behandlung von Hirntumoren, Tumoren im Bereich der Wirbelsäule und des Beckens angefangen.Ein Schwerpunkt ist dabei die Behandlung von Kindern. Hier sind wir mittlerweile das größte Zentrum Europas. Zusätzlich haben wir HNO-Tumore sowie Sarkome in das Behandlungsprogramm aufgenommen und haben auch viele Prostatakarzinome behandelt.“

Durch Eigenrecherche zur Protonentherapie

Beim Prostatakarzinom gibt es grundsätzlich viele unterschiedliche Möglichkeiten der Behandlung. „Und diese haben auch unterschiedliche Risikoprofile“, so Dr. Guntrum. „Die Wirksamkeit ist bei vielen dieser Therapien eigentlich ähnlich gut. Es kommt mehr darauf an, welche Nebenwirkungen für den Patienten am relevantesten sind.“ Daher werden gerade beim Prostatkar­zinom vom Patienten ganz individuelle Entscheidungen getroffen. Die Protonentherapie ist dabei noch relativ neu. „Diese Behandlungsmöglichkeit wird erst seit 2009 in Deutschland angewendet“, erläutert die Expertin. Viele Patienten wissen daher noch nicht, dass es diese Behandlungsoption überhaupt gibt. „Selbst viele Ärzte scheinen die Protonentherapie noch nicht richtig ‚auf dem Schirm‘ zu haben“, schildert WPE-Patient Frank Mark seine Einschätzung. Auch Mark rieten die Ärzte anfangs zu einer Ultraschall-Therapie, die zunächst auch Erfolg hatte: „Mein PSA-Wert sank auf null, die jährliche Überprüfung ergab zunächst keine Auffälligkeiten.“ Ende 2015 dann der Rückschlag: „Bei der Kontrolle mittels MRT wurde wieder eine verdächtige Stelle identifiziert. Eine genauere Untersuchung ergab, dass der Krebs zurück war.“

Der 67-Jährige sprach daraufhin mit vielen Experten und startete eine umfangreiche Recherche im Internet und bei Patientenverbänden. Dabei stieß er auf die Protonentherapie, die sehr gute Bewertungen von Ärzten und Patienten bekommen hatte und deren Nebenwirkungen gering sein sollen. „Nach einer Rücksprache mit meinem Urologen habe ich mich dann an das WPE gewandt“, erzählt Mark. Als gelerntem Elektroingenieur sei ihm diese Entscheidung leicht gefallen: „Ich habe mir die Konstruktion der Anlage im Vorfeld ein bisschen genauer angesehen und war beeindruckt, insbesondere von der Präzision der Bestrahlung.“

[su_box title=“Leser fragen, Experten antworten – Lesertelefon zum Thema am 25. Oktober 2016″ box_color=“#2208d9″]Sie haben Fragen rund um die Protonentherapie und die Behandlung am WPE? Am 25.10. beantworten ihnen drei Experten des Westdeutschen Protonentherapiezentrums Essen diese gerne persönlich von 16 bis 18 Uhr. Die INFORMER-Telefonaktion zum Thema unter der Rufnummer 02 01 / 7 23 - 66 00.

felicitas_guntrumsolveig_schulzdirk_geismar

Oberärztin Dr. med. Felicitas Guntrum
Schwerpunkte: Hirntumore, Prostatakarzinom, Lymphome, gynäkologische Tumoren

Oberärztin Dr. med. Solveig Schulz
Schwerpunkte: Lymphome, Hirntumoren, Sarkome

von 16 – 17.00 Uhr zusätzlich dabei:
Oberarzt Dr. med. Dirk Geismar
Schwerpunkte: Sarkome, Prostata Karzinom, Hirntumore, Bestrahlungsplanung[/su_box]

„Herr Mark ist ein Beispiel, wie es bei Patienten mit einem Prostatakarzinom nicht untypisch ist. Sie hören sich um, sie recherchieren selbst verschiedene Behandlungsmethoden und reden auch mit sehr aktiven Selbsthilfe-Organisationen“,  erklärt Prof. Beate Timmermann. Die Ärztliche Leiterin des WPE plante gemeinsam mit Dr. Guntrum die 37 Bestrahlungssitzungen im Zeitraum von siebeneinhalb Wochen. Jede einzelne dauerte rund 30 Minuten. Das Prostatakarzinom ist ein langsam wachsender Tumor. Somit bleibt auch die Zeit, von der Tumorausdehnung und dem Tumorstadium ausgehend die geeignete Behandlungsmethode zu finden, die auch zu den eigenen Bedürfnissen passt. „Es gibt Menschen, die wollen den Tumor einfach ‚nur‘ weg haben – schnell und radikal – und bevorzugen daher die Operation“, erklärt Prof. Timmermann. „Wiederum andere lassen sich Zeit und überlegen sehr genau. So wie Herr Mark, der alles ausgelotet hat, was für ihn in Frage kommt.“

Präzision statt ‚Kreuzfeuer‘

Bei allen modernen Strahlentherapie-Techniken gilt es, die hohen Dosen, die zur Behandlung eines Tumors nötig sind, nur in die Tumorregion zu bringen und möglichst wenig in die Umgebung. „Mit Protonen können wir sehr präzise die hohe Dosis auf die Prostata und falls durch das Stadium des Karzinoms nötig auf die nähere Umgebung konzentrieren“, so Prof. Timmermann. „Wenn man mit anderen Techniken bestrahlt, muss man dies in der Regel von vielen unterschiedlichen Richtungen tun – quasi eine Art ‚Kreuzfeuer‘ durchs Becken. So wird dann eine größere Region durch die Ein- und Austrittsdosis mitbelastet – zum Beipiel der Darm oder auch die Harnblase. Bei der Bestrahlung mittels Protonen haben wir eine geringere Verstreuung der Dosis in der näheren Umgebung – selbst bei der empfindlichen Lage der Prostata.“

Und die Entwicklung im Kampf gegen den Krebs geht weiter. „Was wir explizit am WPE bisher ausgeklammert haben, wollen wir im nächsten Jahr gemeinsam mit weiteren Experten des UK Essen beginnen: die Behandlung von sogenannten beweglichen Tumoren“, sagt Prof. Timmermann. Es gibt Tumore in Körperregionen, die natürlicherweise der Bewegung unterliegen. Das beste Beispiel dafür ist der Lungentumor. „Er bewegt sich in der Atemexkursion durch das Heben und Senken des Brustkorbs. Die Behandlung dieses Tumors kann man nur durchführen, wenn man einen Mechanismus hat, um der Bewegung zu folgen und nur in bestimmten Atemphasen zu behandeln.“

Derweil hofft Frank Mark sein Prostatakarzinom endgültig besiegt zu haben. Die Aussichten dafür stehen gut.  Denn die Heilungschance liegt bei 85 Prozent.

Ein Beitrag von Lars Riedel

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.