„Ich habe ganz viele Melodien im Kopf.“

Mit ihren eigenen Werken trat die 19-jährige Sophia Crüsemann schon bei ‚Essen.Original.‘ auf. Foto: Christoph Bubbe
Mit ihren eigenen Werken trat die 19-jährige Sophia Crüsemann schon bei ‚Essen.Original.‘ auf. Foto: Christoph Bubbe

Sie ist 19 Jahre jung, Schülerin der Freien Waldorfschule Essen, spielt Bratsche und Klavier. Und sie komponiert eigene Stücke für Orchester. Damit hat Sophia Crüsemann schon am Wettbewerb Jugend musiziert teilgenommen. Auch mit Blixa Bargeld – Frontmann der Band ‚Einstürzende Neubauten‘ und Gründungsmitglied und Gitarrist bei ‚Nick Cave and the Bad Seeds‘ – ist sie bereits aufgetreten. Beim diesjährigen Essen.Original. stand sie mit ihren Eigenkompositionen gemeinsam mit dem Ensemble Essener Solisten auf der Bühne am Kennedyplatz. Wir trafen das junge Musiktalent zum Interview.

Sophia, wie kam es dazu, dass Du auf einmal auf der Bühne von ‚Essen.Original.‘ standest?
Sophia: Ich habe ein bestimmtes Thema gehabt. Es ging um Flüchtlinge und ich habe dazu vier Stücke geschrieben. Und ich hatte dazu ein Programm. Das habe ich bei Essen Marketing eingeschickt und dort fand man es scheinbar gut.

Das heißt, Du schreibst Deine Stücke komplett selbst?
Sophia: Genau. Ich habe die drei Stücke fürs Orchester komponiert und beim vierten – für Orchester und Gesang – auch selbst den Text geschrieben.

Du bist 19 Jahre jung. Songtexte okay, aber wie kommt man als 19-Jährige auf die Idee, Songs für die Klassik zu komponieren?
Sophia: Es ist auch keine Klassik. Es ist das, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe. Ich habe mit Bratsche und Klavier angefangen und bin dann auf Jazzgesang umgestiegen. Und dadurch habe ich zur klassischen Musik als auch zu Jazz, Rock und Pop einen Draht. Und das verbinde ich alles. Man kann also nicht sagen, dass die Stücke, die ich geschrieben habe, klassisch sind. Aber auch nicht, dass es Jazz oder Pop ist. Es ist alles miteinander verknüpft und verarbeitet.

„Mama, ich schreibe jetzt ein Orchesterstück.“

Aber wie entsteht aus diesem Mix schließlich eine Komposition?
Sophia: Mir gehen ganz viele Melodien durch den Kopf. Und die verbinde ich … ich kann‘s gar nicht genau erklären. Ich habe immer so Momente, in denen ich Ideen habe. Die schreibe ich dann auf. Ja, und dann ist das Stück fertig. Also das dauert schon länger, als es jetzt klingt. Aber letztlich ist das der Weg, wie meine Kompositionen entstehen.

„Mir gehen ganz viele Melodien durch den Kopf. Und die verbinde ich … ich kann's gar nicht genau erklären“, sagt Sophia Crüsemann. Im Gespräch mit INFORMER-Redakteur fehlten der 19-Jährigen schon mal die Worte. Aber es war auch ihr erstes Interview. Ihre Eigenkompositionen sprechen für sich. Foto: Christoph Bubbe
„Mir gehen ganz viele Melodien durch den Kopf. Und die verbinde ich … ich kann’s gar nicht genau erklären“, sagt Sophia Crüsemann. Im Gespräch mit INFORMER-Redakteur fehlten der 19-Jährigen schon mal die Worte. Aber es war auch ihr erstes Interview. Ihre Eigenkompositionen sprechen für sich. Foto: Christoph Bubbe

Wenn ich morgens unter der Dusche stehe, gehen mir auch Melodien durch den Kopf. Aber daraus wird keine eigene Komposition. Wie bist Du überhaupt auf diese Idee gekommen, aus diesen Melodien Songs zu komponieren?
Sophia: Interessante Frage. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Erstmals habe ich etwas für eine kleine Besetzung geschrieben. Dann sagte ich meiner Mutter: „So Mama, ich schreibe jetzt ein Orchesterstück.“ Sie war schon etwas überrascht. Sie hat sich nicht vorstellen können, wie ich das auf einmal so aus dem Nichts machen wollte. Aber ich sagte: „Ich mach‘ das jetzt und bin selbst gespannt, was dabei rauskommt.“ Und scheinbar war das gut. ‚Brainstorm‘ war mein erstes Stück, das auch auf Essen.Original. gespielt wurde. Komposition fand ich schon immer interessant, weil ich nicht jemand bin, der gerne etwas nachspielt. Deshalb bin ich auch von Klassik auf Jazz umgestiegen. Durch die Improvisation im Jazz komponiert man irgendwie ja auch schon spontan neue Elemente in ein bestehendes Stück hinein. Und ich finde es spannend, selbst etwas ganz Neues zu kreieren. Das habe ich mir zum Ziel gesetzt und mit diesem Ziel vor Augen habe ich begonnen, meine eigenen Stücke zu komponieren. Und dadurch, dass ich mich  vielen Instrumenten verbunden fühle, binde ich sie auch einfach alle mit ein.

In Deinen Stücken geht es um das Thema ‚Flüchtlinge‘ – ein recht schweres, hartes Thema. Wie bist Du darauf gekommen?
Sophia: Ich habe meine Sommerferien 2014 auf der griechischen Insel Kos verbracht. Als wir dort angekommen sind, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, haben wir die Massen an Flüchtlingen am Straßenrand gesehen. Und als wir dort mit unseren Koffern vorbeigelaufen sind … ich kann mich wirklich noch sehr gut auch an die Blicke erinnern. Was diese Menschen alles durchgemacht und durchlebt haben müssen – das hat mich so stark mitgenommen, dass ich überlegt habe, das, was ich in ihren Blicken erlebt hatte, in Musik zu verpacken. In ihrer Heimat hatten diese Menschen keinen Boden unter ihren Füßen. Sie haben alles zurückgelassen, zum Teil auch ihre Familien, und sind mit dem Boot übers Mittelmeer gekommen. Davon handelt z. B. mein Stück ‚Boatpeople‘. Und jetzt, in Europa angekommen, haben sie immer noch keinen Boden unter ihren Füßen – weshalb ich meinem dritten Stück auch den deutschen Titel ‚Bodenlos‘ gegeben habe.

Erstmal musikalische Schaffenspause. Dann geht‘s beim Kulturpfadfest weiter.

Also sehr politisch das Ganze.
Sophia: Um Politik müssen sich die Leute kümmern, die mehr Ahnung von Politik haben als ich. Ich habe die Stücke geschrieben, damit die Menschen nicht mehr übereinander, sondern miteinander reden. Sie sollen zum Denken anregen.

Apropos denken: Denken wir an die Zukunft. Wie geht es für Dich musikalisch weiter?
Sophia: Erst einmal gar nicht. Ich habe mir jedenfalls ganz fest vorgenommen, vorerst nicht zu komponieren. Ich muss mich auf mein Abitur konzentrieren und mich für die Aufnahmeprüfungen an den Universitäten vorbereiten, damit ich im nächsten Jahr auch wirklich Jazzgesang studieren kann und nicht noch aufs Studium warten muss. Aber die nächste Gelegenheit, mich live zu sehen, wird auf dem Kulturpfadfest am 9.6.2017 in Essen sein. Es handelt sich dabei um eine Kunst- und Musikperformance auf dem Kennedyplatz zugunsten der Caritas-Flüchtlingshilfe.

Das Interview führte Lars Riedel

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus ,

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.