Der ‚Lohengrin‘ und die Widersprüchlichkeit Wagners

Tatjana Gürbaca an ihrem Regie-Pult im Aalto-Theater: „Das Tolle an Opernregie ist, dass sich Text und Musik sehr oft widersprechen.“ Foto: Christoph Bubbe / Montage: Lars Riedel
Tatjana Gürbaca an ihrem Regie-Pult im Aalto-Theater: „Das Tolle an Opernregie ist, dass sich Text und Musik sehr oft widersprechen.“ Foto: Christoph Bubbe / Montage: Lars Riedel

Wagner fasziniert – und schreckt gleichzeitig auch viele ab. Der Komponist war Antisemit, der ‚Lohengrin‘ des Führers Lieblingsoper. Für Regisseurin Tatjana Gürbaca steht fest: Wagner der Komponist war sehr viel klüger als Wagner der Mensch. Sie inszeniert den ‚Lohengrin‘ am Aalto-Theater, der am 04. Dezember seine Premiere feiert.

Am Essener Aalto-Theater ist man stolz auf die große Wagner-Tradition des Hauses. Dass Richard Wagner ein großer Komponist war, ist unbestritten. Dass er ein großer Antisemit war allerdings ebenso. Wagner war Hitlers Lieblingskomponist. Er hetzte gegen Juden und wurde zum Vorreiter des modernen Antisemitismus. Die Neuproduktion des ‚Lohengrin‘ am Aalto – ausgerechnet Hitlers liebste Wagner-Oper – ist daher nicht ganz unheikel. Dessen ist sich auch Opern-Regisseurin Tatjana Gürbaca durchaus bewusst. Doch in seinen Werken spiegle sich ein interessanter Widerspruch zu der eigenen ideologischen Geisteshaltung des Komponisten wider.

Frau Gürbaca, was erwartet die Besucher Ihres ‚Lohengrin‘ am Aalto-Theater?
Gürbaca: Ganz große Oper. Viel Emotion. Große Chöre. ‚Lohengrin‘ ist ja eine Chor-Oper. Die Chöre sind wahnsinnig präsent. Es erwartet sie eine dicht gestrickte Handlung zwischen den Protagonisten; eine politische Geschichte, aber auch eine Liebesgeschichte.

Proben-Pause: Die Opern-Regisseurin trifft sich mit INFORMER-Redakteur Lars Riedel zum Interview in der Aalto-Foyer. Foto: Christoph Bubbe
Proben-Pause: Die Opern-Regisseurin trifft sich mit INFORMER-Redakteur Lars Riedel zum Interview in der Aalto-Foyer. Foto: Christoph Bubbe

Was macht das Stück denn so politisch?
Gürbaca: Wenn man es sich genau anschaut, dann wundert man sich, wie wahnsinnig modern es ist. Wagners ‚Lohengrin‘ sind eigentlich drei Geschichten in einer. Und am äußersten Rand der Handlung geht es um die Einigung des Deutschen Reiches. Wir sehen ein Volk, die Brabanter, die sich in der Übergangsphase befinden. Sie wissen nicht, wohin es gehen soll. Und das ist genau unsere Zeit. Auch wir stehen davor, dass wir Europa endlich mal zu einem Gebilde schweißen möchten. Dazu gibt es natürlich viele Meinungen und auch Ratlosigkeiten. Es gibt Strömungen und Gegenströmungen. Und teilweise auch Politiker, bei denen man das Gefühl hat, dass sie nicht wirklich Visionen haben, sondern auf die Dinge, die kommen, eher mit einem Pragmatismus reagieren. Und auch im ‚Lohengrin‘ sieht man einen König, König Heinrich, der sich genau so verhält. Man hat das Gefühl, das Volk, das Wagner hier schildert, das hat eigentlich Sehnsucht nach Emotionen, nach Pathos. Es ist sehr wundergläubig und wartet darauf, dass jemand kommt mit einem Charisma, der ihnen irgendwie einen Weg zeigt. Und das ist dann ‚Lohengrin‘.

Also der Gralsbringer.
Gürbaca: Genau. Es gibt keine Lösung, deswegen hat man Sehnsucht nach Erlösung.

Die Geschlossenheit der Wagner-Welt

Woher kommt Ihre ganze Faszination als Regisseurin für Wagner?
Gürbaca: Schon sehr früh habe ich angefangen, überhaupt in die Oper zu gehen. Meine erste Oper habe ich gesehen mit drei, meinen ersten Wagner mit neun. Gut, damals war mir das alles viel zu lang und zu fremd. Als Neunjährige habe ich das überhaupt alles nicht verstanden. Aber irgendwie hat mich das doch fasziniert; die Geschlossenheit dieser Welt und natürlich auch die Musik an sich. Früh habe ich dann angefangen, den Ring für mich zu entdecken. Und je mehr man da einsteigt, desto interessanter wird‘s auch. Es hat dann recht lange gedauert, bis mir mein erster Wagner als Regisseurin angeboten wurde. Als ich dann dran war, habe ich festgestellt: Diese Opern sind unglaublich dankbar zu inszenieren. Bei Verdi beispielsweise – auch ein Komponist, den ich sehr liebe – findet alles im Drei-Minuten-Rhythmus statt. Das heißt, man muss ziemlich effizient sein. Da muss man die Hälfte der Ideen, die man hat, wegschneiden. Wagner nimmt sich mehr Zeit. Bei Wagner kann man das alles ausbreiten und erzählen. Wenn man Wagner nur liest, hört oder am Klavier spielt, dann kann es passieren, dass einem bestimmte Stellen extrem lang vorkommen. Aber wenn man ihn umsetzt, stellt man immer fest, dass kein überflüssiges Wort drin ist.

Richard Wagner
Richard Wagner

Gerade politisch ist Wagner aber auch ein heikles Thema…
Gürbaca: Oh ja, absolut.

… Wagner hat auch viele Gegner und Kritiker. Nietzsche ist wohl der bekannteste. Wie sehen Sie das?
Gürbaca: Wir wissen über Wagners Schriften, dass er ein ganz schlimmer Antisemit war. Und das ist problematisch, keine Frage. Das muss man mit Vorsicht genießen. Und wir wissen natürlich auch, was mit Wagner in der Rezeptionsgeschichte passiert ist. Gerade ‚Lohengrin‘ war ja Hitlers Lieblingsoper. Trotzdem glaube ich, wenn man sich die Stücke anguckt: Wagner der Komponist ist sehr viel klüger als Wagner der Mensch. Ich weiß gar nicht, ob ihm selbst immer so bewusst war, was ihm da passierte, wenn er Musik geschrieben hat. Die vermeintlichen Übeltäter in seinen Stücken sind häufig sehr liebevoll und genau geschildert. Zum Beispiel die Figur der Ortrud im ‚Lohengrin‘: Sie wird oft als die böse Hexe inszeniert und als das böse Weib aufgefasst. Wagner selbst schreibt, sie sei eine Reaktionärin. Doch gleichzeitig ordnet er ihr die Tonart fis-Moll zu. Und die Harmonien sind bei ihr mit am kompliziertesten, am fortgeschrittensten. Also eigentlich ist Ortrud nicht die Reaktionärin, sondern die fortschrittlichste Figur im ‚Lohengrin‘ – und die interessanteste.

Und diese Sicht übertragen Sie auch auf die Aalto-Bühne?
Gürbaca: Natürlich. Das Tolle an Opernregie ist ja, dass sich Text und Musik sehr oft widersprechen bzw. die Musik den Tonfall macht. Und die Aufgabe von uns Regisseuren ist dann, aus diesen widersprüchlichen zwei Elementen die dritte Ebene zu gewinnen. Und das macht extrem Spaß.

Sie wurden für Ihren ‚Parsifal‘ in Antwerpen 2013 von der ‚Opernwelt‘ zur Regisseurin des Jahres gekürt und 2014 in London mit dem International Opera Award in der Kategorie ‚Beste Opernproduktion‘ ausgezeichnet. War der ‚Parsifal‘ Ihre erste Wagner-Produktion als Regisseurin?
Gürbaca: Nein, das war der ‚Holländer‘ in Berlin. Aber den ‚Parsifal‘ machen zu dürfen, war für mich wirklich das große Glück – an diesem Haus in Antwerpen, wo der Intendant Aviel Cahn den Regisseuren viel Raum gibt und die Möglichkeit, mit wirklich tollen Leuten zu arbeiten. Erst kürzlich vor dem ‚Lohengrin‘ habe ich in Antwerpen auch wieder den ‚fliegenden Holländer‘ inszeniert. Aber auch hier in Essen haben wir das Glück, eine ganz, ganz tolle Besetzung zu haben. Wir haben Sänger, die sind jung, spielfreudig und intelligent. Sie bringen alles mit, was man für diese Rollen im ‚Lohengrin‘ braucht. Sie haben die Stimmen, aber auch noch sehr viel mehr darüber hinaus … (strahlt) … und der Chor ist einfach wunderbar.

Wagner – ein Aufklärer?

Wagners ‚Parsifal‘ in Antwerpen, der ‚Lohengrin‘ in Essen und beide Stücke eint das Gralsmotiv. Ihre Arbeit hier am Aalto für Sie eine Art logische Fortsetzung?
Gürbaca (lächelt): Ich dachte zunächst, dass es das nicht sei. Aber tatsächlich ist es so. Lohengrin ist der Sohn des Parsifal. Und man stellt sich permanent die Frage: Wer ist dieser Lohengrin? Woher kommt er? Und was stimmt mit ihm eigentlich nicht, was ist das Problem dieser Figur? Er verspricht ja irgendwie Liebe für alle, also die ganz große Utopie kommt mit ihm in diese Gesellschaft rein. Und dann in der Szene im Brautgemach geht es zwischen ihm und Elsa dann doch schief. Man hat das Gefühl, er ist nicht in der Lage zu individueller Liebe, nur eine Person so nah an sich ran zu lassen. Da hilft es mir, dass ich mich mit dem ‚Parsifal‘ schon so intensiv auseinandergesetzt habe. In diesem Stück erlebt man auch eine Welt von Männern, die die Frauen komplett ausschließen und mit persönlicher Liebe so gar nicht umgehen können. Als würde es sich gegenseitig ausschließen, so als Prinzip: Liebe für alle bedeutet, dass ich mich nicht auf eine einzelne Person alleine konzentrieren darf. Da kann man sich natürlich auch fragen: Wie ist dieser Lohengrin eigentlich erzogen worden in dieser Gralsrittergesellschaft? Was hat er erlebt, wie ist er dort aufgewachsen?

Kann man mit Wagner also vielleicht sogar aufklären?
Gürbaca: Ja, ich glaube schon, dass man mit Wagner auch aufklären kann. Was er auf jeden Fall zeigt, ist ein König, der keine Antworten hat auf die Fragen des Landes und der Menschen. Er zeigt – was, glaube ich, zeitlos ist und wir auch in unserer Zeit sehr starkt wiederfinden –, dass es eine wahnsinnige Sehnsucht gibt bei den Menschen nach Emotionen und nach Pathos und nach dem Gefühl, aufgehoben zu sein. Das ist natürlich ambivalent, das birgt auch Gefahren. Und eine Gefahr ist sicher, die auch in diesem Stück eintritt, dass sich dieses Volk, das eben so wundergläubig ist, dem charismatischen, ich sag‘ mal Führer ergibt. Die ganze Oper handelt aber auch davon, dass dieses Mädchen Elsa erwachsen wird und an den Punkt kommt, an dem sie sich die Frage stellen muss: Wer bist du eigentlich und woher kommst du? Und sie entscheidet für sich selber, dass sie jetzt nicht mehr in dieser absoluten Hingabe und diesem absoluten Vertrauen verharren darf. Und man sieht sehr schön in diesem Stück, wie die Menschen alle aneinander scheitern. Jeder will das Beste und auch das Beste für das Land. Aber sie arbeiten nicht zusammen, sondern gegeneinander. Und das führt dazu, dass am Ende alles in alle Richtungen fliegt. Also ich finde schon, dass man mit Wagner auch aufklären kann – (lacht) und nicht nur benebeln.

Das Interview führte Lars Riedel

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus ,
Allgemein

Gutes tun mit bester Laune

Brost-Vorstand zog beim Stiftungstag auf Zeche Zollverein eine überaus positive Bilanz der geförderten Projekte 2018  Die Sonne senkte

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.