Sozialpädagogin Carolin Lauer leitet die Jugend­wohngruppe des ASB für junge männliche Flüchtlinge. Foto: Christoph Bubbe
Sozialpädagogin Carolin Lauer leitet die Jugend­wohngruppe des ASB für junge männliche Flüchtlinge. Foto: Christoph Bubbe

Im Jahr 2015 hat die Stadt Essen rund 4.600 Flüchtlinge aufgenommen. Bis August 2016 zusätzlich knapp 3.700. Es war eine echte Herausforderung für unsere Ruhrmetropole. Und es wird auch weiterhin eine sein. Denn nun muss sie folgen, die Integration derer, die bleiben werden. Ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der Jahre, vielleicht Jahrzehnte benötigen wird. Zwei Essener Pilot-Projekte stellen sich dieser Aufgabe. Gemeinsam mit den Flüchtlingen. Es geht nicht um die Erstversorgung in Essen ‚Gestrandeter‘. Es geht um berufliche Perspektiven und die Chance, Teil unserer Gesellschaft zu werden.

Die Integration jener, die bleiben werden: Eine Aufgabe, der man sich in Essen stellt.

Ein Beitrag von Lars Riedel

Die Universitätsmedizin Essen, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, JobCenter Essen, Neue Arbeit der Diakonie Essen und der DRK-Schwesternschaft Essen sind mit einem neuartigen Projekt gestartet, das Flüchtlinge beruflich in das Gesundheitswesen integrieren soll. Derweil bereitet der Arbeiter-Samariter-Bund Ruhr (ASB), junge unbegleitete Männer in einer alten Villa in der Brachtstraße generell auf das Leben in ihrer neuen Heimat Deutschland vor. Die Jugendwohngruppe für junge Geflüchtete ab 18 Jahren ist ebenfalls ein Pilotprojekt. Ganz wichtig, da sind sich alle einig: Die Geflüchteten brauchen Strukturen, um sich hier zurechtzufinden und Teil unserer Gesellschaft zu werden. Und dazu braucht es Zeit. „Bei der Integration kann man nicht auf dem Punkt genau seine Lorbeeren ernten. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Und der braucht Zeit“, sagt Carolin Lauer, Leiterin der ASB-Wohngruppe in Bredeney.

Strukturen lernen.

Leiterin Carolin Lauer im Gemeinschaftsraum der ASB-Wohngruppe. Foto: Christoph Bubbe
Leiterin Carolin Lauer im Gemeinschaftsraum der ASB-Wohngruppe. Foto: Christoph Bubbe

Eine alte Villa im Essener Süden – das Zuhause einer etwas anderen WG. Ihre Bewohner sind allesamt junge Geflüchtete. Und alle sind Männer. Hier – nicht im Essener Norden, sondern mitten in Bredeney – leben sie. Und hier lernen sie. Unter anderem, was es heißt, Teil einer Solidargemeinschaft zu sein. Die Jugendwohngruppe ins Leben gerufen hat der Arbeiter-Samariter-Bund Ruhr. Geleitet wird sie von einer Frau. Sozialpädagogin Carolin Lauer hat Erfahrung mit Flüchtlingen. Vor der ASB-Jugendwohngruppe leitete sie bereits eine Landesunterkunft. Integration, sagt sie, brauche Zeit. „Vielleicht ist es auch deshalb ein eher unbeliebtes Thema.“

Frau Lauer, wer genau wohnt in der Einrichtung des ASB? Und warum?
Lauer: Wir kümmern uns um volljährige junge Männer oder solche, die es in den nächsten Monaten werden – also um diejenigen, die vor ca. acht oder neun Monaten als unbegleitetete Minderjährige nach Deutschland gekommen sind und eine gute Chance auf ein Bleiberecht haben. Niemand flüchtet aus Spaß. Das trifft besonders auf diese Jungs zu. Allein drei der acht derzeitigen Bewohner werden von dem herrschenden Regime in ihrer Heimat namentlich gesucht und sind in ihrem Leben bedroht. Wir versuchen, diesen Jungs Strukturen an die Hand zu geben, an denen sie sich orientieren können. Bei uns geht es um Verselbständigung, um Eigenverantwortung  und Selbstmanagement. Wenn man in eine fremde Kultur kommt, dann muss man viel mehr lernen als nur die Sprache. Es geht um Umgangsformen. Es geht darum, Systeme zu verstehen – etwa das deutsche Schulsystem –,
aber auch kleinere, vermeintlich banale Dinge. Eine Waschmaschine z. B. erschließt sich einem Menschen, der vielleicht sein Leben lang in einem Fluss gewaschen hat, nicht ohne weiteres. Um all diese Dinge kümmern wir uns – von „Muss ich von meinen Lehrern Schläge erwarten, wenn ich krank zuhause bleibe?“ über „Wie spreche ich ein Mädchen an, das mir gefällt?“ bis „Wie lang müssen Spaghetti kochen?“

Für das Interview sprach Informer-Redakteur Lars Riedel mit Carolin Lauer (r.) und Maria Catharina Madaffari (l.), zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim ASB. Foto: Christoph Bubbe
Für das Interview sprach Informer-Redakteur Lars Riedel mit Carolin Lauer (r.) und Maria Catharina Madaffari (l.), zuständig für Öffentlichkeitsarbeit beim ASB. Foto: Christoph Bubbe

Das deutsche Schulsystem – Ihre Bewohner sind aber doch nicht mehr schulpflichtig.
Lauer (lächelt): Das stimmt. Aber zum Glück kann man ja auch noch ab dem 18. Lebensjahr die Schule besuchen. Und davon machen die Jungs auch Gebrauch. Für alle ist es ganz wichtig, Deutsch zu lernen. Alle möchten gerne studieren oder eine Ausbildung machen. Teilweise haben sie schon in ihren Herkunftsländern die Schule besucht. Andere wiederum nicht, möchten jetzt aber die Chance nutzen, sich zu bilden. Wir führen Gespräche mit den jungen Männern, die bei uns einziehen wollen. Dabei stellen wir auch die Frage: „Besuchst Du bereits eine Schule und möchtest Du sie auch weiterhin besuchen?“ Und wenn – weil man die Schule schwänzt oder sich nicht gut benimmt – eine Entschulung ansteht, muss man auch bei uns ausziehen. Es ist Teil der Mitwirkungspflicht. Wir helfen gerne, aber alles immer nur mit dem Bewohner und nicht für ihn. Wenn wir jemanden haben, der meint, er könnte sich bevorteilen auf unsere Kosten oder der seiner Mitbewohner, dann gucken wir uns das sehr genau an. Häufig steckt hinter so einem Verhalten auch das Bedürfnis nach Geborgenheit. Ist aber auf längere Sicht kein Mitwirkungswille vorhanden, endet auch unsere Hilfe. Wir tun alles, was in unserer Macht steht – aber nicht ohne Mitwirken des Bewohners.

Wie kommen die jungen Männer zu Ihnen?
Lauer: Beim Jugendamt gibt es einen Fachbereich für unbegleitete minderjährige Flüchtende, deren Sachbearbeiter sich überlegen, wer auf unser Konzept passen könnte. Für uns steht eine erfolgreiche Bildungsvita im Mittelpunkt, also die schulische bzw. die berufliche Orientierung und auch die spätere Etablierung in den Arbeitsmarkt. Entsprechend schlägt das Jugendamt potenzielle Bewohner vor. Die kommen uns besuchen, bekommen eine Führung durchs Haus und unser Konzept erklärt. Und dann führen wir erst einmal ein kleines Gespräch. Wer ich bin, wer die Kollegen sind, wer bei uns bereits wohnt, woher die anderen Bewohner kommen und ähnliches. In diesem Gespräch frage ich dann auch einiges ab, z. B. auf welche Schule der junge Mann geht. Daran merke ich meistens auch schon, wieviel Auseinandersetzung mit diesem Thema wirklich stattfindet. Weiß derjenige etwa schon gar nicht, wie seine Schule heißt, kann man sich schon vorstellen, dass es nicht viel Auseinandersetzung ist. Außerdem interessiert mich natürlich auch das Level der deutschen Sprache, die Gesinnung und was ich von der Betreuung aus der letzten Einrichtung erfahre. Und auch die Fluchtgeschichte und mit welchen Vorerfahrungen und Erwartungen er zu uns kommt, ist für mich interessant. Meistens findet auch noch ein kurzes Kennenlernen mit den anderen Mitarbeitern statt. Danach setzen wir uns dann zusammen und besprechen den jungen Mann.

In der Essküche der Jugendwohngruppe wird nicht nur gekocht. Hier spielt sich ein großer Teil des gesellschaftlichen Miteinanders ab. Foto: Christoph Bubbe
In der Essküche der Jugendwohngruppe wird nicht nur gekocht. Hier spielt sich ein großer
Teil des gesellschaftlichen Miteinanders ab. Foto: Christoph Bubbe

Jemanden „besprechen“ ist eine Sache. Ihn nachher zu betreuen eine andere, oder?
Lauer: Basis einer sinnvollen Betreuung ist die Verständigung – und auch das Aufbringen von gegenseitigem Verständnis. Wir haben ein multiprofessionelles Team zusammengestellt, das sich aus Sprach- und Kulturmittlern, aus Erziehern und Psychologen zusammensetzt. Und ich selbst bin Sozialpädagogin.

Sozialpädagogin, nicht -pädagoge. Die Leitung obliegt einer Frau und die Bewohner sind meist junge Muslime – ein Problem?
Lauer (lächelt): Ich habe ja sogar ein rein männliches Kollegium. Ich bin die einzige Frau in der gesamten Einrichtung. Aber das ist kein Thema. Das hängt auch damit zusammen, dass die Kollegen Toleranz vorleben. Arabische Kulturen sind hierarchischer. Da geht es vor allem nach dem Alter. Und der Mann hat klassischerweise in dieser patriachalen Ordnung eher etwas zu sagen. Das bedeutet: Der älteste Mann hat das Sagen, ob er recht hat oder nicht. Jetzt kommen die Jungs nach Deutschland und hier hat auf einmal eine junge Frau das ‚Kommando‘. Ich habe einen Kollegen, der ist fünfzig – und dem sage ich dann etwas. Das ist für die Jungs schon erst einmal ein ‚Huch!‘-Moment. Dann gucken sie sich das aber an und sehen, dass der Kollege und ich freundschaftlich miteinander umgehen. Aber ich bin die Leitung. Sie sehen, dass sich mit gegenseitigem Respekt begegnet wird, aber auch, dass, wenn ich etwas sage, es auch gemacht wird. Und dann ist es auch überhaupt kein Thema mehr, ob ich eine Frau bin oder nicht. Natürlich wird auch Kritik an mir geübt. Doch selbst dann hilft es, dass die Jungs mich fachlich kompetent erleben. Es ist einfach ganz viel Vertrauensarbeit, die wir leisten. Und wir erleben unsere Bewohner als unglaublich dankbar dafür.

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