Integration braucht Zeit – Teil II: Perspektiven schaffen

„Wir wollten Ärzte werden. Dann kam der Krieg.“ Mydia Hasso (2.v.r.) und Farhad Esmaily (r.) haben nun die Chance, Berufspraxis am UK Essen zu sammeln. Foto: Christoph Bubbe
„Wir wollten Ärzte werden. Dann kam der Krieg.“ Mydia Hasso (2.v.r.) und Farhad Esmaily (r.) haben nun die Chance, Berufspraxis am UK Essen zu sammeln. Foto: Christoph Bubbe

Im Jahr 2015 hat die Stadt Essen rund 4.600 Flüchtlinge aufgenommen. Bis August 2016 zusätzlich knapp 3.700 – darunter auch die Syrerin Mydia Hasso und der Afghane Farhad Esmaily. Es war eine echte Herausforderung für unsere Ruhrmetropole. Und es wird auch weiterhin eine sein. Denn nun muss sie folgen, die Integration derer, die bleiben werden. Ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der Jahre, vielleicht Jahrzehnte benötigen wird. Zwei Essener Pilot-Projekte stellen sich dieser Aufgabe. Gemeinsam mit den Flüchtlingen. Es geht nicht um die Erstversorgung in Essen ‚Gestrandeter‘. Es geht um berufliche Perspektiven und die Chance, Teil unserer Gesellschaft zu werden.

Die Integration jener, die bleiben werden: Eine Aufgabe, der man sich in Essen stellt.

Ein Beitrag von Lars Riedel

Die Universitätsmedizin Essen, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, JobCenter Essen, Neue Arbeit der Diakonie Essen und der DRK-Schwesternschaft Essen sind mit einem neuartigen Projekt gestartet, das Flüchtlinge beruflich in das Gesundheitswesen integrieren soll. Derweil bereitet der Arbeiter-Samariter-Bund Ruhr (ASB), junge unbegleitete Männer in einer alten Villa in der Brachtstraße generell auf das Leben in ihrer neuen Heimat Deutschland vor. Die Jugendwohngruppe für junge Geflüchtete ab 18 Jahren ist ebenfalls ein Pilotprojekt. Ganz wichtig, da sind sich alle einig: Die Geflüchteten brauchen Strukturen, um sich hier zurechtzufinden und Teil unserer Gesellschaft zu werden. Und dazu braucht es Zeit. „Bei der Integration kann man nicht auf dem Punkt genau seine Lorbeeren ernten. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess. Und der braucht Zeit“, sagt Carolin Lauer, Leiterin der ASB-Wohngruppe in Bredeney.

Perspektiven schaffen.

Mydia Hasso (r.) schlug sich allein aus Syrien nach Deutschland durch. Farhad Esmaily (l.) kam mit seiner Familie aus Afghanistan. Am UK Essen arbeiten sie an einer beruflichen Perspektive im Gesundheitswesen. Ein Integrationsprojekt macht dies möglich. Foto: Christoph Bubbe
Mydia Hasso (r.) schlug sich allein aus Syrien nach Deutschland durch. Farhad Esmaily (l.) kam mit seiner Familie aus Afghanistan. Am UK Essen arbeiten sie an einer beruflichen Perspektive im Gesundheitswesen. Ein Integrationsprojekt macht dies möglich. Foto: Christoph Bubbe

In Deutschland existieren bisher nur wenige Ansätze zur Integration von Flüchtlingen in das Berufsfeld Gesundheitswesen. Einen Ansatz bietet seit Oktober 2016 das Essener Universitätsklinikum. Am UK Essen durchlaufen die Interessenten über eine Dauer von 18 Monaten eine berufsbezogene sprachliche Schulung und sollen begleitende Praxiserfahrungen im Krankenhausalltag zur beruflichen Orientierung sammeln – zum Beispiel durch einen Pflegehelferkurs. Ziel ist es, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine Ausbildung und damit den Arbeitsmarkt im Gesundheitswesen zu qualifizieren.

25 Flüchtlinge haben nun zunächst mit einem sechsmonatigen Kurs zum Erwerb der deutschen Sprache begonnen. Für den praxisbezogenen Spracherwerb und zur ersten Berufserkundung hospitieren die Teilnehmer halbtägig im Pflegedienst des UK Essen. Durch Mitarbeit auf den Stationen soll eine erste Orientierung zum Berufsbild Pflege vermittelt werden. Zur Zwischenqualifikation erfolgt im Anschluss ein zweimonatiger Pflegehelferkurs. Abgerundet wird das Projekt durch einen abschließenden Kurs über einen Zeitraum von neun Monaten: In diesem sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das C1-Sprachniveau erreichen und gleichzeitig mit Hilfe von Vollzeitpraktika auf den Stationen und anderen Arbeitsfeldern im UK Essen und deren Tochterunternehmen eine berufliche Orientierung erhalten. „Mit Hilfe dieses ganzheitlichen Integrationskonzeptes wollen wir möglichst viele Teilnehmer für eine Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt qualifizieren“, so Ingo Neupert, Projektleiter und stellvertretender Leiter des Sozialdienstes am UK Essen. „Denn Arbeit ist eine Grundvoraussetzung für gelungene Integration.“ Mydia Hasso und Farhad Esmaily sind zwei der Teilnehmer.

Von Syrien und Afghanistan nach Deutschland – kein leichter Weg. Foto: Christoph Bubbe
Von Syrien und Afghanistan nach Deutschland – kein leichter Weg. Foto: Christoph Bubbe

Die Geschichte von Farhad Esmaily beginnt in Afghanistan. Im Alter von fünf Jahren zieht Farhad mit seiner Familie von Kandahar nach Herat. „In dieser Region sind die Menschen offener, nicht so streng“, sagt er. Dort ist es dem heute 23-Jährigen auch möglich, die Schule zu besuchen – immerhin bis Klasse 10. Doch die Situation in seiner Heimat stabilisiert sich nur langsam. Sicher fühlen können sich selbst die Menschen in Herat nicht. Zukunftsperspektiven gibt es kaum. Dabei wollte Farhad immer studieren und Arzt werden. Wenn das nicht klappt, dann zumindest in der Krankenpflege arbeiten. „Mein Vater hat sich lange Zeit für die Entscheidung gelassen“, erinnert sich Farhad Esmaily. Doch am Ende steht der Entschluss fest: Flucht. Über den Iran schlägt sich die Familie bis zur Türkei durch. Von dort aus geht es mit einem kleinen Boot weiter nach Griechenland und nach einiger Zeit weiter nach Deutschland.

Anders sah es bei Mydia Hasso aus. Als 17-Jährige kam sie allein nach Deutschland. „In Syrien bin ich bis zur 11. Klasse zur Schule gegangen. Dann wurde es schlimmer. Es gab private Probleme.“ Welche das waren, darüber schweigt Mydia. Doch die Verunsicherung ist ihr noch immer anzumerken. „Mein Vater sagte, du musst raus aus Syrien. Deutschland, Dänemark oder wohin auch immer – Hauptsache weg von hier.“ Bis in die Türkei begleitete sie ihr Vater. Danach reiste er zurück nach Hause, in der Nähe von Aleppo. Seine Tochter schlug sich nach Griechenland durch. Nach sieben Monaten dort ging es mit dem Flugzeug nach Polen und von dort weiter nach Berlin. Angekommen war Mydia damit aber noch lange nicht. Zunächst in einem Asylheim untergebracht kam die junge Syrerin in ein Frauenhaus. „Eine eigene Wohnung zu finden, war nicht einfach.“ Für sie ging es quer durch die Republik. München, Hamburg, Wesel – und seit zehn Monaten wohnt sie nun in Essen.

In einem Pressetermin erfuhr der INFORMER von dem frisch gestarteten Projekt am UK Essen. Das Interesse war geweckt. Herausgeber Ralf Schönfeldt (l.) und Redakteur Lars Riedel (vorne) trafen sich noch einmal mit Mydia Hasso und Farhad Esmaily in kleiner Runde, um ihre persönliche Geschichte zu erfahren. Foto: Christoph Bubbe
In einem Pressetermin erfuhr der INFORMER von dem frisch gestarteten Projekt am UK Essen. Das Interesse war geweckt. Herausgeber Ralf Schönfeldt (l.) und Redakteur Lars Riedel (vorne) trafen sich noch einmal mit Mydia Hasso und Farhad Esmaily in kleiner Runde, um ihre persönliche Geschichte zu erfahren. Foto: Christoph Bubbe

Als sie klein war, sagt Mydia, wollte sie gerne Kinderärztin werden oder vielleicht auch Kindergärtnerin. „Hauptsache mit Kindern arbeiten und Menschen helfen.“ Mit dem Projekt am UK Essen haben Mydia Hasso und Farhad Esmaily nun die Möglichkeit, einen wichtigen Schritt in ihre berufliche Zukunft zu machen, da sind sich beide einig. Nur wo diese Zukunft sein wird, darin scheiden sich die Geister. Frahad hat mit seiner Familie in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Das wünscht sich Mydias Vater für seine Tochter auch, doch: „Wenn die Situation in Syrien wieder okay ist – vielleicht in einem, vielleicht auch erst in zehn Jahren – will ich wieder zurück. Meine Familie fehlt mir.“ 

Diesen Beitrag teilen

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.