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Mittwoch, 13. December 2017
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Sie kann einfach nicht „Nein“ sagen

Stephanie Schönfeld in "Der gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht. Inszenierung: Moritz Peters | Foto: Birgit Hupfeld

„Stell Dir vor, die Götter kommen, und keinen kümmert‘s …“, so ergeht es den drei himmlischen Abgesandten in Bertolt Brechts Parabelstück ‚Der gute Mensch von Sezuan‘, das ab dem 26. Januar erstmals wieder im Essener Grillo-Theater zu sehen ist. Denn als sie die Provinz Sezuan besuchen, um den Zustand der Welt zu überprüfen, schlägt ihnen zunächst pure Ignoranz entgegen.

Dabei sind sie doch auf der Suche nach guten Menschen, die trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse die göttlichen Gebote befolgen. Doch das interessiert die Einheimischen herzlich wenig, dem Wasserverkäufer Wang fällt es sogar schwer, überhaupt eine Bleibe für die hohen Gäste zu finden.

Einzig die Prostituierte Shen Te erklärt sich bereit, den Göttern Obdach zu gewähren. Zum Dank erhält sie, der einzige gute Mensch des Dorfes, ein großzügiges Startkapital. Kurz darauf eröffnet die nun Ex-Prostituierte einen kleinen Tabakladen. Damit fangen ihre Probleme allerdings erst an, denn Shen Te ist eben nicht nur Göttern gegenüber spendabel. Auch dreiste Schnorrer, überteuerte Handwerker und die hals­abschneiderische Vermieterin haben leichtes Spiel mit ihr. Sie kann einfach nicht „Nein“ sagen, und schnell wird es finanziell eng für sie und den kleinen Laden.

Da erscheint als Retter in der Not Shui Ta, der angebliche Vetter Shen Tes, der sich im Gegensatz zu ihr hervorragend nicht nur auf das „Nein“, sondern auch auf das „Ja“ des Wirtschaftens versteht. Was die Leute nicht erkennen: Shui Ta ist die verkleidete Shen Te selbst. Ausgestattet mit Durchsetzungsvermögen, Skrupellosigkeit und dem sicheren Instinkt für den eigenen Vorteil macht der ‚Vetter‘ reinen Tisch …

Bertolt Brechts 1943 uraufgeführte Parabel über die Schizophrenie des Menschen im Alltag kapitalistischer Konkurrenz ist heute ungebrochene Realität. So fragt sich Shen Te: „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“ Dieser Frage kann man im Grillo-Theater ab 14 Euro nachgehen.

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