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Donnerstag, 24. May 2018
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Wie die SPD sich einen zweiten Fall Hinz ersparte

Stephan Leifeld (SPD) im Gespräch mit den INFORMER-Redakteuren Jöran Steinsiek und Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Nach der Lebenslauf-Affäre um die frühere Bundestagsabgeordnete Petra Hinz hat die SPD nun einen neuen Kandidaten im Wahlkreis 120 aufgestellt. Am Ende setzte sich Dr. Gereon Wolters, ein Bochumer Jura-Professor mit münsteraner Wurzeln, gegen ursprünglich zehn Mitbewerber durch. Neben ihm war zuletzt einzig noch Margret Schulte im Rennen, die frühere Leiterin der Verbraucherzentrale Essen. Sie ist nunmehr im Ruhestand. Alle anderen Bewerber hatten zuvor das Handtuch geworfen, so auch Stephan Leifeld. Überraschend zog der Schermbecker seine Kandidatur kurz vorm Wahl-Parteitag der Essener SPD zurück. Doch offenkundig nicht aus freien Stücken. 

Mit einer kurzen und knappen Presse-info zum Verzicht Leifelds speisten die Essener Sozialdemokraten die örtlichen Medien erfolgreich ab. Dass der Bewerber gar nicht so freiwillig aus dem Rennen ging, wie es die SPD der Öffentlichkeit weismachen wollte, hat der INFORMER indessen exklusiv aus gut informierten Kreisen erfahren. Was einst Petra Hinz zu Fall brachte, sorgte dafür, dass Leifeld ebenfalls ins Stolpern geriet und schlussendlich aufgab – der eigene Lebenslauf. Der, so stellte die Parteiführung bei näherer Betrachtung fest, enthielt einige Ungereimtheiten. Und manche Angabe, über deren Wahrheitsgehalt parteiintern durchaus debattiert wurde. Ohne viel Aufsehen zog die Führungsriege dem Vernehmen nach kurz vor dem Parteitag die Reißleine. Und brachte Leifeld noch gerade eben von seiner Kandidatur ab. Wir sprachen kurz nach seinem Rückzieher mit Stephan Leifeld über die Hintergründe. Und erfuhren einiges, was der SPD noch schlaflose Wahlkampfnächte bescheren dürfte. 

Stephan Leifeld (SPD) im Gespräch mit den INFORMER-Redakteuren Jöran Steinsiek (l.) und Pascal Hesse.

Stephan Leifeld (SPD) im Gespräch mit den INFORMER-Redakteuren Jöran Steinsiek (l.) und Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Dass er im Lebenslauf getrickst haben soll, bestreitet Leifeld. „Zum Teil habe ich manche Sachen missverständlich rübergebracht, zum Teil ist auch gewühlt worden in meinem früheren privaten Umfeld“, so der Sozialdemokrat. In seinem Lebenslauf, den die Parteiführung nach dem Hinz-Skandal offenbar ohne vorherige Überprüfung an die Mitglieder und die Medien verschickt hatte, gibt er an, Lehrer zu sein – seit 2005 für Deutsch, Englisch, Geschichte’ am ‚Bergischen Internat, Velbert’, einem privaten Internat mit gymnasialer Oberstufe. Im INFORMER-Gespräch rudert er dann jedoch rasch zurück: „An der gymnasialen Oberstufe habe ich nie unterrichtet.“ Ebenso gibt Leifeld in seiner Vita an, an zwei Hauptschulen als Lehrer für Englisch, Geschichte und Erdkunde, Sport, Schwimmen und Judo tätig zu sein. Von einem mehrjährigen Studium der Kommunikationswissenschaften / Psychologie ist in seiner Vita zwar die Rede, nicht aber von einem Hochschulabschluss. Den brauche er nicht, um als Lehrer tätig zu sein, verdeutlicht Leifeld.

Bei weiteren von ihm gemachten Angaben verstrickt sich der Ex-Bewerber in Widersprüche, betont im Gespräch aber: „Meine Zeugnisse kann ich zeigen, kein Problem.“ Wir verzichten. Denn ähnliche Versprechungen habe er bereits gegenüber dem Parteivorstand gemacht, so berichten unsere Quellen, die entscheidenden Dokumente aber nicht vorweisen können. In seiner Vita bezeichnet sich Leifeld weiter als „Mitgründer der World Judo Federation“ und „Mitgründer der World Jiu-Jitsu Federation“, als internationalen Judo-Kampfrichter für diverse Verbände und Präsidenten der Deutschen Judo Föde-ration. Auffallend ist, dass die ‚Deutsche Judo Föderation’ an Leifelds privatem Wohnsitz unterkommt und laut Internetseite seit Jahren inaktiv ist. Wer Leifeld im Internet recherchiert, findet zudem Informationen über einen vermeintlichen Zwist zwischen ihm und dem ‚Deutschen Dan-Kollegium’. In einem Forum heißt es, ihm sei 2007 fristlos gekündigt worden, mitunter wegen fehlender Nachweise seiner Qualifikation. Er habe einen neuen, konkurrierenden Verband gegründet. Bestätigen konnte der Redaktion die im Raum stehenden Vorwürfe jedoch niemand. Ein Rückruf seitens des ‚Deutschen Dan-Kollegiums’ erfolgte vor Redaktionsschluss nicht. Innerhalb der SPD-Führung seien ähnliche Internetfunde aber bekannt gewesen.

Hat zumindest juristisch nichts zu befürchten: Petra Hinz (Foto: Steinsiek/INFORMER)

Sie stolperte im Bundestagswahlkreis 120 über ihren Lebenslauf: die frühere Abgeordnete Petra Hinz. Foto: Jöran Steinsiek

Bei der SPD in Wesel hat sich Leifeld im Sommer 2016 überdies ebenso um ein Bundestagsmandat beworben, als Nachfolger Hans-Ulrich Krügers. Dort war er einer von vier Bewerbern. Seine in Wesel eingereichte Vita, so ist aus der Partei zu hören, habe sich jedoch wesentlich zu der in Essen vorgelegten unterschieden.

Ein Wahlkreis, Zwei SPD-Kandidaten?

Dem Vernehmen nach habe SPD-Parteichef Thomas Kutschaty, seines Zeichens NRW-Justizminister, Leifeld gegenüber deutlich gemacht, dass er von der Kandidatur Abstand nehmen solle. Leifeld sagt hingegen, der Minister habe seine Zeugnisse gesehen. Und, dass niemand an ihn herangetreten sei, der gemeint habe, sein Lebenslauf wäre nicht in Ordnung. Offiziell lässt sich Kutschaty im längeren Telefonat mit dem INFORMER nur mit folgendem Satz zitieren: „Ich respektiere die frei gewählte Entscheidung von Stephan Leifeld, seine Kandidatur zurückzuziehen.“ Wohl auch, weil er genug hat von den parteiinternen Scherereien. Und hofft, nun mit Dr. Gereon Wolters den Wahlkreis für die SPD zurückzugewinnen.

Stephan Leifeld (SPD) im Gespräch mit dem INFORMER. Foto: Christoph Bubbe

Stephan Leifeld (SPD) im Gespräch mit dem INFORMER. Foto: Christoph Bubbe

In seiner offiziellen Verzichts-Erklärung gibt sich Leifeld indes pathetisch: Stimmen aus den Ortsvereinen hätten ihm mitgeteilt, „dass es ein sehr knappes Ergebnis geben könnte zwischen uns drei Bewerbern. Da bin ich nachdenklich geworden. Der Zweck meiner Kandidatur sollte schließlich sein, die Partei in ihrer Gesamtheit als Essener Junge zu motivieren, wieder mehr die Inhalte wahrzunehmen. Die Hinz-Geschichte hat uns anscheinend mehr getroffen als die Schawan-bis-Guttenberg-Affären jemals die CDU.“ Im INFORMER-Gespräch macht er deutlich: „Manchmal bringt ein Samurai auch ein Opfer. Aber ich mache weiter. Vielleicht bewerbe ich mich in vier Jahren noch einmal um den Wahlkreis 120.“ Oder er mache sein eigenes Ding.

Der 49-Jährige könnte der SPD bereits früher als gedacht in die Parade fahren. Leifeld gehört der Partei nach eigenen Angaben seit 1984 an, wenngleich aktuell ohne Zuordnung zu einem Ortsverein – aus privaten Gründen. Er überlegt nun, als unabhängiger Kandidat gegen den offiziellen SPD-Kandidaten Wolters anzutreten. Das, so macht Kutschaty klar, dürfte dann aber zu seinem Ausschluss aus der Partei führen. Kandidiert er wirklich, stellt sich unweigerlich die Frage: War die Sache mit seinem Lebenslauf am Ende wirklich nur ein großes Missverständnis? Hat Leifeld in seiner Vita einfach nur unsauber gearbeitet, womöglich um seine Chancen zu erhöhen, oder wollte er die Genossen täuschen, wie einst Petra Hinz? Das weiß wohl nur er selbst. Eines ist jedoch klar: Stephan Leifeld buhlt um Aufmerksamkeit. Er will auf Biegen und Brechen in den Deutschen Bundestag einziehen. Den aktuellen Wahlkreisabgeordneten Matthias Hauer (CDU) bezeichnet er als Hinterbänkler: „Für mich hat der Hauer politisch keine Strahlkraft.“ Die Parteiendemokratie sieht er zudem an einem Scheideweg. „Ich glaube nicht, dass es noch viele Legislaturperioden so weitergeht.“ Der Vater von sechs Kindern ist davon überzeugt, dass die Wahl im Ruhrgebiet entschieden wird. Und dass es dabei um Glaubwürdigkeit geht. Dann aber gleichwohl um seine eigene. Das könnte allerdings zum Problem werden. 

Ein Beitrag von Pascal Hesse und Jöran Steinsiek

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