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Mittwoch, 18. October 2017
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Das Aufleben einer alten Freundschaft: 1. Deutsch-Afghanisches WirtschaftsForum

Von Lars Riedel (Fotos: Sarah Stellmacher, Dennis Straßmeier, Messe Essen)

Reihe oben (v.l.): Al-Haj Khairuddin Mayel (Direktor der Bashir Navid Group), M.Dawood Yosuf Zai (Vorstandsvorsitzender des ‚Oil & Gas Comittee‘) mit Mohammad Zia Azizi (Beauftragter für Internationale Beziehungen der Afghanischen Industrie und Handelskammer), Oliver P. Kuhrt (Geschäftsführer Messe Essen).
Reihe unten (v.l.): Prof. Dr. Dipl. Geol. Abdul Rahmann Ashraf (ehemaliger Botschafter Afghanistans), Holger Illi (Länderreferent des Bundesminis­teriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), Mohammad Shaker Samimy (stv. Vorsitzender des afghanischen Druckereiverbandes), Prof. Dr. Stefan Heinemann (Prorektor der FOM Essen).

Hochrangige Vertreter der Afghanischen Wirtschaft, der Deutschen Industrie und der Politik – sie trafen sich zum Ausbau der bilateralen Beziehungen. Nicht in Berlin, nicht in Hamburg oder München, sondern in Essen. Was gerade im Herzen des Ruhrgebiets entsteht, ist ein ganz neues Verhältnis der internationalen Zusammenarbeit – und das Aufleben einer alten Freundschaft.

Afghanistan – Land der Paschtunen. Und wenn man es genau nimmt auch Land der Tadschiken, Land der Hazara, Land der Usbeken sowie der Aimaken, Turkmenen, Belutschen und der Nuristani. Ähnlich dem frühen Deutschland ist Afghanistan ein Land vieler Volksgruppen, in einem ‚Dach‘ zusammengeschlossen und doch irgendwie ungeeint. Was die Situation vor Ort nicht gerade vereinfacht. Dennoch traf sich eine gemeinsame Delegation aus der afghanischen Wirtschaft auf Einladung der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft e. V. (DAGeV) mit Vertretern der deutschen Wirtschaft und Politik – und zwar hier in Essen. Ein Treffen von international historischer Dimension. Doch was macht das Land am Hindukusch so bedeutend für uns?

Rückblick: 1915 erreicht eine Expedition des Deutschen Reiches, von Kaiser Wilhelm II. entsandt, Kabul. Ihr Ziel: Afghanistan auf die Seite der Mittelmächte und damit gegen die Briten und Russen in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Die Verhandlungen zogen sich hin, die Mission scheiterte. Aber immerhin: Es wurde ein Freundschaftsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Afghanistan unterzeichnet.

Thomas Kufen (Mitte) empfängt Khan Jan Alekozai (r.). Der Präsident der Afghanischen Industrie- und Handelskammer überreichte dem Essener Oberbürgermeister ein traditionelles afghanisches Männer-Gewand als Gastgeschenk.

Eine historische Freundschaft zweier Länder

Ein Sprung in der Geschichte: Deutschland hat den Schrecken des Zweiten Weltkriegs hinter sich gelassen. Und zeitnah nach Kriegsende ließen sich wiederum viele Firmen in Kabul nieder. Hoechst und Bayer unterhielten eine gemeinsame Niederlassung. Auch Hochtief und Siemens waren mit von der Partie. Letztere statteten das ehrgeizige Staudamm-Projekt von Sorubi mit ihrer Technik aus. Erst als 1973 König Zahir Shah gestürzt wurde und von Kommunisten dominierte Regierungen auf den Kurs Moskaus einschwenkten, wurde es den Deutschen in Afghanistan zu ungemütlich. Insgesamt waren, bis es schließlich 1979 zum Einmarsch der Sowjets kam, über 700 Millionen Mark an Entwicklungsgeldern in das Land am Rande des Hindukusch geflossen.

Afghanistan: Ein Ressourcenreiches Transitland in Asien

Das Britische Empire versuchte – mitunter kriegerisch – bis 1919 seine Vormachtstellung im afghanischen Raum zu sichern. Die sowjetische Besatzung – ebenfalls militärisch und mit über einer Millionen toter Afghanen – dauerte eine Dekade lang. Doch Afghanistan und Deutschland – das ist die Geschichte einer historischen Freundschaft zweier Länder. Dass die Region am Hindukusch-Gebirge immer wieder im Fokus anderer Staaten stand und steht, kommt nicht von ungefähr. Afghanistan hat wichtige natürliche Ressourcen. Kohle, Kupfer, Eisenerz, Lithium, Uran, Metalle der Seltenen Erden, Chromit, Gold, Zink, Talk, Baryt, Schwefel, Blei, Marmor, Schmuckstein, Erdgas, Erdöl und weitere – 2010 schätzten die US- und die Afghanische Regierung den Wert der bis 2007 gefundenen, aber noch ungenutzten Mineralvorkommen auf einen Wert zwischen 900 Milliarden und 3 Billionen US-Dollar.

Hinzu kommt die geografisch strategische Lage des Landes. Ähnlich wie Deutschland, das einen großen Teil seines wirtschaftlichen Erfolges seiner Lage in der Mitte Europas verdankt, kommt auch Afghanistan eine, ganz wörtlich zu nehmende, zentrale Rolle zu. Es ist das Bindeglied zwischen dem Nahen Osten und Asien, ein Transitland auf dem Weg zu den Märkten am Indischen und Pazifischen Ozean.

Rundgang über die ‚E-world‘ – erste Reihe v.l.: DAGeV-Präsident Elias Omar, der Afghanische Handelskammer-Präsident Khan Jan Alekozai, ‚Bashir Navid Group‘-Direktor Al-Haj Khairuddin Mayel und DAGeV-Vizepräsident Ralf Schönfeldt. (Foto: Rainer Schimm / ©MESSE ESSEN GmbH)

Ein Bekenntnis Richtung Zukunft

Zurück ins Jetzt und Hier: Afghanistan geht – wie Deutschland vor gut 70 Jahren – den schweren, aber notwendigen Weg des Wiederaufbaus. Dass nach Jahrzehnten kriegerischer Auseinandersetzungen und der militärischen Intervention gegen das Taliban-Regime noch immer verschiedene Konfliktparteien aufeinandertreffen und trotz internationaler Militärpräsenz blutige Anschläge das Leben in Afghanistan bestimmen, macht den Weg nicht gerade leichter. Da ist es schon fast ein symbolischer Akt, auf jeden Fall aber ein klares Bekenntnis in Richtung Zukunft des Landes, dass sich im Kongresszentrum der Messe Essen hochrangige Vertreter af­ghanischer Wirtschaftsverbände, CEOs und Eigentümer afghanischer Unternehmen mit Geschäftsführern und Vorständen deutscher Industrie-Unternehmen sowie Vertretern deutscher Regierungsorganisationen und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung trafen.

Der 10. Februar in Essen ist der Tag des 1. Deutsch-Afghanischen WirtschaftsForums, organisiert von der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft. Die gemeinnützige Organisation mit Sitz in Essen und Kabul hat vor gut einem Jahr offiziell ihre Arbeit aufgenommen und setzt sich für die Schaffung und den Ausbau bilateraler Beziehungen zwischen Deutschland und
Afghanistan ein.

Energie Bergbau und Bildung, hießen die zentralen Themen des ersten WirtschaftsForums. Ort und Zeit des Treffens waren gut gewählt. Essen ist Standort vieler international tätiger Energiekonzerne und gilt längst als ‚Energiehauptstadt‘ Europas. Und zur selben Zeit des WirtschaftsForums fand in den Messehallen nebenan die ‚E-world energy & water‘ statt, Europas Leitmesse der Energiewirtschaft.

Essen: Knowhow aus der ‚Energiehauptstadt‘ Europas

Die Botschaft ist klar: Deutschland hat das Knowhow, Afghanistan die Ressourcen. Es ist das Aufleben einer jahrzehnte alten Freundschaft der beiden Länder. Mehr noch: In Essen entsteht etwas Neues, ein neues Verhältnis der internationalen Zusammenarbeit.

 

Die Deutsch-Afghanische Gesprächsrunde

 

Dr. Richard Kiessler moderierte die Deutsch-Afghanische Gesprächsrunde.

Neben Redebeiträgen und guten Gesprächen untereinander gehörte auch ein Podiumsgespräch mit den Repräsentanten beider Länder zum 1. Deutsch-Afghanischen Wirtschaftsforum. Die Gesprächsrunde moderierte Dr. Richard Kiessler. Kiessler war von 1979 bis 1993 diplomatischer Korrespondent beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL in Bonn. Danach von 1994 bis 2007 Chefredakteur der Neuen Rhein / Neuen Ruhr Zeitung (NRZ). Von 2007 bis 2010 war er Sonderkorrespondent für Außenpolitik in der heutigen FUNKE-Mediengruppe.

 

Auszüge aus dem Gespräch:

Wie sind Ihre persönliche Erfahrungen in der gegenseitigen Beziehung zwischen Afghanistan und Deutschland?
Prof. Dr. Abdul Rahmann Ashraf (ehem. Botschafter Afghanistans): Wir haben eine hundertjärhige Beziehung. Und die Hilfe, die wir nach 2002 in Afghanistan bekommen haben, war für uns wirklich eine goldene Zeit. Doch diese goldene Zeit haben wir leider, leider verpasst. Vieles von dem, was man in Afghanistan gemacht hat, wurde von einem guten Willen getragen. Doch ebenso blieben viele Chancen ungenutzt.

Wie schätzen Sie die Bedingungen in der doch recht instabilen Situation in Afghanistan ein? Wie können Sie unter diesen Rahmenbedingungen arbeiten?
Dr. Gustav Reier (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit): Ich arbeite seit fast sechs Jahren in Afghanistan. Sie müssen sich vorstellen, wir unterstützen das Land dabei, ein formales System einzuführen. Und für dieses formale System müssen wir viele Dinge überhaupt erst einmal entwickeln – z. B. Lehrer ausbilden. Diese Maßnahmen führen wir in sicheren Regionen durch: in Kabul und Masar-i-Scharif. Wir reisen nicht umher. Wir bringen Lehrer, Schulleiter und Aufsichtsbeamte nach Kabul, bilden sie weiter aus und bringen sie wieder zurück. Wir haben Fokusgruppen, die in andere Regionen gehen, zu uns zurückkehren und uns die Situation vor Ort schildern. Und um das Ganze auch aus einer wissenschaftliche Perspektive betrachten zu können, arbeiten wir mit Forschungsunternehmen und anderen Nichtregierungsorganisationen zusammen. So verschaffen wir uns ein komplettes Bild darüber, wie die Lage vor Ort, was möglich und was nicht möglich ist.

Sie kommen aus einer Region, in der die Bundeswehrsoldaten aktiv sind. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Arbeit der Deutschen Bundeswehr gemacht?
Al-Haj Khairuddin Mayel (Direktor der Bashir Navid Group): Was ich in meiner Region erlebt habe: Die Deutschen helfen uns in allen Bereichen – und zwar sehr herzlich, wohlwollend und dort, wo die Hilfe wirklich gebraucht wird.

Das Schlusswort sprach Khan Jan Alekozai (Präsident der Afghanischen Industrie- und Handelskammer): Ich möchte mich herzlich bei den Organisatoren dieser Konferenz bedanken. Und ich möchte mich auch bei den Moderatoren und Sprecher dieses Events bedanken. Diese Veranstaltung hat nicht nur die wirtschaftliche Aspekte in der Beziehung zwischen Afghanistan und Deutschland unterstrichen, sondern ebenso die guten und positiven politschen Zeichen reflektiert.

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