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Dienstag, 23. May 2017
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Alles für’n Club! Wie die Stadt alles auf Rot-Weiss setzte – und Millionen verzockte.

Fast fertig: Dem Stadion Essen fehlt 2012 nur noch eine Tribüne. Der GVE mittlerweile Millionenbeträge. Finanziell potente Nutzer sind auf weiter Sicht nicht zu sehen. (Foto: INFOMER Archiv)

Von Lars Riedel

Wer zockt, verbrennt Geld. Im Fall der Stadt Essen waren es Millionen – alles gesetzt auf Rot-Weiss Essen und verloren. (Titelbild INFORMER 04/2017; Foto: Christoph Bubbe)

Es war einmal der Traum vom neuen Stadion. Den träumte nicht die GVE und auch nicht deren damaliger Chef Andreas Hillebrand als bekennender Nicht-Fußball-Fan. Den träumte man bei Rot-Weiss Essen. Den träumte auch der Autor dieses Beitrags und mit ihm tausende weitere RWE-Fans. Und den träumte man bei der Stadt, allen voran der damalige Stadtdirektor und glühende Rot-Weiss-Verehrer Christian Hülsmann. Am 27.10.2010 beschließt der Rat den Stadionbau. Es ist die letzte Sitzung für Hülsmann als hauptamtlicher Leiter der Stadtverwaltung. Im Protokoll heißt es: „(…) bringt der scheidende Stadtdirektor Hülsmann seine Freude über die positive Beschlussfassung zum Stadionbau in seiner letzten Ratssitzung zum Ausdruck.“ Der Traum ging in Erfüllung. Das Stadion steht – und mit ihm ein Millionengrab.

Ein Sündenbock ist schnell gefunden: Andreas Hillebrand. Nach dessen Ausscheiden steht der neue Mann an der Spitze der GVE, Dirk Miklikowski, vor vielen Rätseln – und mit ihm die Rechnungsprüfer der Stadt Essen. Sukzessive wird die Sache aufgerollt. Der letzte Baustein im März 2017: die Roland-Berger-Millionen.

Ex-GVE-Chef Andreas Hillebrand: Ein Anruf mitten im Stadion. Glücklich sieht anders aus. (Foto: INFORMER Archiv)

Mehr als 3,3 Millionen Euro kosteten allein die Finanzstrategen von Roland Berger. Hinzu kommen über 10 Millionen Euro an finanzieller Direkteinspritzung zugunsten des Lieblingsvereins des ehemaligen Stadtdirektors. Und wie der Bericht der Rechnungsprüfer offenlegt 4,5 Millionen Euro laufender Aufwand für die neue Spielstätte – jährlich, ein Vierteljahrhundert lang. Jedem Entscheidungsträger in der Stadtverwaltung war bewusst, dass die Wirtschaftlichkeit des neuen Stadions von dem sportlichen Erfolg von Rot-Weiss Essen abhängt, dem fest anvisierten Hauptpächter. Es galt, den Verein finanziell potent zu machen. Nichts anderes verbirgt sich hinter dem ominösen Strategie-Konzept ‚Urbane Belebung‘.

Die Stadt ermächtigte ihre Tochter GVE, Schulden von RWE zu übernehmen und Vermarktungsrechte am Verein zu kaufen – per Gesellschafterbeschluss vom 05.06.2009; gegengezeichnet von Stadtdirektor Christian Hülsmann. Der Traum vom Bundesliga-Fußball mit TV-Präsenz und nationaler Bedeutung, er findet sich gleich seitenweise in den Unterlagen wieder, die wir in umfangreicher Recherche zusammengetragen haben – mit Zahlen, Daten und Namen.

Man setzte alles auf Sieg! Und man verlor.

 

Der emsige Zocker war die Stadttochter GVE. Aber nicht, weil ihr damaliger Chef Andreas Hillebrand allein es so wollte. Der Gesellschafter, die Stadt Essen, beauftragte ihn dazu.

Ein Drama in 5 Akten!

(Foto: Sarah Stellmacher)

Wissen Sie, was eine Tilt-Wette ist? Im Zocker-Jargon bezeichnet man so die Situation, wenn der Wettende scheitert und daraufhin mit meist steigenden Einsätzen weiterzockt. Die Tilt-Wette der Stadt Essen beginnt im Herbst 2007.

„Seit dem Herbst letzten Jahres arbeiten wir enger mit Rot-Weiss zusammen“, lässt sich der damalige Stadtdirektor Christian Hülsmann im April 2008 in der Presse zitieren. Mit dem Stadion-Projekt sei man nicht so recht weitergekommen. „Wir haben das Heft in die Hand genommen, natürlich in Abstimmung mit RWE.“ Und man wolle sich nicht mit mehr Geld einbringen, sondern mit Knowhow. Beratend zur Seite steht Roland Berger. Doch wer bezahlt die Unternehmensberater? Die städtische Immobilientochter GVE.

Ein Zeitzeuge erinnert sich: „Wochenlang waren die Berger-Leute in der Geschäftsstelle von Rot-Weiss.“ In den beengten Büros unter der ehemaligen Haupttribüne ließen sie sich von den Angestellten des Vereins das Tagesgeschäft erklären. „Die haben sich hier richtig breit gemacht.“ In Währung ausgedrückt: 104.000 Euro für die Unternehmensberater. Das Angebot kam von Roland Berger am 10.12.2007, wurde von dem damaligen GVE-Chef Andreas Hillebrand unterschrieben – aber zitieren lässt sich Hülsmann: „WIR haben das Heft in die Hand genommen.“ Es ist der Beginn einer engen Zusammenarbeit zwischen der GVE, der Spitze der Stadtverwaltung und Roland Berger. Der ehemalige Stadtdirektor war tiefer im operativen Geschäft mit Roland Berger involviert, als Hülsmann sich heute erinnern mag. „Ich habe im Zweifel das bessere Gedächtnis und auch die besseren Unterlagen“, entgegnet er 2015, als der damalige CDU-Fraktionschef und heute amtierende Oberbürgermeister Thomas Kufen auf Aufklärung drängt.

Der Traum vom Stadion ist auch ein Traum zweier Essener Christdemokraten. Er entstand zu den Zeiten des konservativen Oberbürgermeisters Dr. Wolfgang Reiniger (l.). Der Stadtdirektor Christian Hülsmann (r.) trug den Traum weiter,
bis in die Ära der Sozialdemokraten. (INFORMER Archiv)

Wetten wie die Profis

Auf den über 1.000 Seiten, die der INFORMER-Redaktion vorliegen, ist das Ziel klar definiert: Für das neue Stadion kommt „NUR DER RWE!“, wie es Rot-Weiss-Fans lautstark artikulieren würden, in Frage. Doch der Hauptpächter muss erst einmal neu justiert und auf wirtschaftlich solide Füße gestellt werden. Dafür braucht der damalige Drittligist von der Hafenstraße die Einnahmen aus einer höherklassigen Liga. Und um den Aufstieg zu schaffen, bedarf es zahlungskräftiger Sponsoren. Die erreicht der Verein aber immer schlechter. Seine Finanz(schief)lage schreckt potenzielle Geldgeber zunehmend ab. Dass sogar der Abstieg in die vierte Liga droht, macht die Argumentation bei möglichen Investoren nicht besser. Eine Strategie musste her! Aber dazu später mehr.

Mit E-Mail von Anfang März 2008 erhält GVE-Chef Hillebrand erst einmal ein weiteres Angebot von Roland Berger. Man macht auf Grund der „engen und langjährigen Verbundenheit mit der Stadt Essen“ der GVE einen Freundschaftspreis von 125.000 Euro zzgl. der gesetzlichen Mehrwertsteuer – wohlgemerkt pro Monat. Ein Pauschalangebot – wie auch die Rechnungsprüfer der Stadt später in ihrem Prüfbericht 2015 richtig mutmaßen sollten. Denn ein schriftlicher Vertrag mit Roland Berger ist bei der GVE nicht auffindbar. Kein Wunder, denn Hillebrand unterzeichnete das Angebot nicht. Auch nicht den darauf fußenden Vertragsentwurf im Jahr 2009.

Wofür waren die Berger-Millionen?

Als Hillebrand 2015 seinen Hut nehmen muss, wird Dirk Miklikowski der neue Mann an der Spitze der GVE – und er hat es bei der Aufarbeitung der Berger-Millionen wahrlich nicht leicht: Keine Unterlagen, dafür viele Fragen. Wofür kassierten die Berater über 3,3 Mio. Euro? Roland Berger versprach Unterstützung bei der Aufklärung. Die blieb aber aus. Erst als die GVE mit anwaltlichen Säbeln rasselte, einigte man sich. Nicht die GVE, aber von ihr beauftragte Rechtsanwälte durften unter strikt festgelegten Bedingungen die Unterlagen bei Roland Berger einsehen.

Das Ergebnis ist die im vergangenen März dem GVE-Aufsichtsrat präsentierte Transparenzprüfung (siehe Kasten). Eine der Berger-Bedingungen erfährt die INFORMER-Redaktion, als sie Einsicht in diese Prüfung fordert: „Diese Vereinbarung zur Zusammenarbeit sieht auf unabdingbaren Wunsch des privatwirtschaftlichen Vertragspartners vor, dass eine Unterrichtung über die Ergebnisse der Einsichtnahme den nichtöffentlichen Gremien der GVE und der Stadt Essen vorbehalten ist. Dort erfolgt die Berichterstattung“, teilt die GVE auf die INFORMER-Anfrage mit.

Die streng geheime Transparenzprüfung
Mit ihr wollte die ‚neue‘ GVE unter Geschäftsführer Dirk Miklikowski die Berger-Millionen aufklären und die Kosten-Akte ‚Stadion Essen‘ endlich schließen. Der Grund: Es fehlten der GVE die Unterlagen, aus denen sich die Beauftragung, die Leistungen und die veranschlagten Honorare für Roland Berger ergeben. Doch die Unternehmensberater ließen sich nicht in die Verträge schauen – denn es gibt keinen, oder zumindest keine unterschriebenen.

Nach langem Warten und anwaltlichen Druck einigte man sich nun doch. Zumindest durften nun die von der GVE beauftragten Rechtsanwälte Einblick in die Unterlagen nehmen. Im Gegenzug verpflichtete man sich zur absoluten Vertraulichkeit. Eine Unterrichtung über die Ergebnisse der Einsichtnahme sei daher ausschließlich den nichtöffentlichen Gremien der GVE und der Stadt Essen vorbehalten.

Am 10. März unterrichteten die Anwälte den Aufsichtsrat und die Geschäftsführung der GVE über das streng geheime Ergebnis ihrer gerade einmal 30 Din-A5-Seiten umfassenden Transparenzprüfung: Die Beratungsleistung Roland Bergers ist inhaltlich professionell und in der wirtschaftlichen Dimension nachvollziehbar. Auch die Bestellung Roland Bergers ist geklärt: Sie erfolgte durch die GVE – allerdings nicht per Unterschrift, sondern durch konkludente Einigkeit.

Sichtlich ist man um Verschwiegenheit bemüht. Dennoch: Die besagte Transparenzprüfung liegt dem INFORMER vor. Darin halten die von der GVE beauftragten Rechtsanwälte GÖRG fest, dass der ehemalige GVE-Chef Hillebrand zwar nicht unterschrieben habe, aber durch „konkludentes Verhalten“ ein Berater-Auftrag mit Roland Berger durchaus zustande gekommen sei – und zwar in einer Honorarhöhe besagter 125.000 Euro pro Monat. Spätestens als man bei der GVE im Dezember 2009 die Richtigkeit des bis dahin aufgelaufenen Berger-Honorars bestätigt hat, hatte man damit auch die Vereinbarung akzeptiert.

Musik bestellt und nicht bezahlt

Insgesamt sollten bis zur Einstellung der Beratung bei Roland Berger 1.062 Manntage anfallen. Zur Verdeutlichung in Euro: Ein Berger-Mann kostete pro Tag im Schnitt 3.144 Euro. Da sind sie, die über 3,3 Berger-Millionen.

Juristisch kommt man aus einem durch derart schlüssiges Verhalten getroffenen Vertrag so leicht nicht raus. Und das wollte man zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht. Erst als der damals amtierende Oberbürgermeister Reinhard Paß, kurz vor seiner Rede zur Einbringung des Haushaltes 2010/11, den städtischen Geldhahn für Rot-Weiss Essen zudrehte, zog die GVE auch die Berger-Reißleine.

Jahre zuvor hatte die Stadt als Allein-Gesellschafter der GVE mit Beschluss vom 17.06.2008 ihre Immobilientochter noch beauftragt, die wirtschaftlichen Grundlagen für den Stadionbau zu schaffen. Gegengezeichnet wurde der Beschluss von Stadtdirektor Hülsmann. Der Beschluss autorisiert die GVE auch, außerhalb des Wirtschaftsplanes bis zu 5 % des Projektvolumens für dieses Ziel aufzuwenden. Mit RWE als Hauptpächter konnte das nur eines bedeuten: Investiere in die Zukunft des Clubs. Jedoch: „Die vom Gesellschafter zugesagte Mittelausstattung blieb aus“, wie  das Rechnungsprüfungsamt in seinem späteren Bericht eindeutig feststellt. Im Klartext: Musik bestellt und nicht bezahlt.

Mehr noch: Mit einem weiteren Beschluss vom 5. Juni 2009 – auch dieser trägt die Unterschrift Hülsmanns – ermächtigt die Stadt die GVE ausdrücklich, Forderungen eines Medienunternehmens gegenüber Rot-Weiss sowie die Vermarktungsrechte der Medien-Gruppe an RWE-Spielen zu erwerben. „Die entsprechende Mittelausstattung blieb ebenfalls aus“, so die Rechnungsprüfer. Wieder blieb die GVE auf den Kosten sitzen. Allein am Ende des Geschäftsjahrs 2009 klaffte somit ein Loch von über 9,7 Millionen Euro im Jahresabschluss der GVE – wohlgemerkt nicht wegen des Stadionbaus, sondern wegen der Bemühungen zur Schaffung eines zahlungsfähigen Hauptpächters.

Freude zur Stadion-Eröffnung 2012 auch bei dem seit 2009 amtierenden Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD). Dabei war er es, der dem Zocken um Rot-Weiss Essen schon 2010 einen Riegel vorschob. (Foto: INFORMER Archiv)

Rechnungsprüfungsamt: Vereinsfinanzen sind Sache des Vereins

Und dann das: die besagte Rede von OB Reinhard Paß vor dem Rat der Stadt: „Ich stehe nach wie vor zu meiner Aussage, dass zur Infrastruktur einer Großstadt wie Essen ein Fußballstadion gehören muss. Nun kommt mein Aber: Zurzeit erscheint es mir unwahrscheinlich, dass der Verein Rot-Weiss Essen die Bedingungen erfüllen kann, die für ein neues Stadion zwingend sind.“ Und weiter: „Dem Konzern Stadt selbst fehlt an vielen Stellen das Geld für dringend notwendige Maßnahmen und deshalb werde ich es nicht zulassen, dass über das bisher zugesagte Maß hinaus städtische Gelder an den Verein fließen, der seit Jahren deutlich über seinen Verhältnissen lebt und deutlich teurer agiert als vergleichbare Vereine.“ Auch das Rechnungsprüfungsamt kommt gute fünf Jahre später in seiner Prüfung zu einem ähnlichen, noch drastischeren Fazit: „Die Investition von Haushaltsmitteln durch eine städtische Tochtergesellschaft in ein Stadion ist grundsätzlich vertretbar. Angelegenheiten eines Sportvereins sind von diesem selbst zu regeln und zu finanzieren.“

Was auf die Rede von OB Paß folgte, ist bekannt: der tiefe Fall runter in Liga 5 und die Insolvenz von RWE. Doch für eine Umkehr war es da schon längst zu spät. Zu sehr hatte man bereits auf Rot-Weiss Essen als Hauptpächter gewettet. Und vor allem: Zu viel Geld bereits auf den Verein gesetzt. Wie eng die Federführenden die Stadionfrage mit dem Hafenstraßen-Club verknüpften, zeigt abermals die Beauftragung von Roland Berger. Ein wesentlicher Teil der Beratungstätigkeit zielt allein auf die Stärkung des Vereins ab – allen voran das ominöse Strategie-Konzept ‚Urbane Belebung‘.

Die heile Welt auf dem Foto trügt: Schon vor der Stadion-Eröffnung 2012 forderte CDU-Fraktionschef Thomas Kufen vollständige Aufklärung über die Kosten des Stadions. (INFORMER Archiv)

‚Urbane Belebung‘: Schwammiger Begriff mit klarem Ziel

Was genau verbirgt sich hinter diesem Konzept? Auf INFORMER-Nachfrage beim Presseamt der Stadt erhielt die Redaktion folgende Antwort: „Das Büro des Oberbürgermeisters hat bereits im August letzten Jahres eine Abfrage in den Geschäftsbereichen gestellt – eine Kenntnis über die Studie wurde verneint, auch ein Auftraggeber konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Darüber hinaus gibt es auch keine Hinweise auf eine Verwendung der Studie.“ Auch die Reaktion seitens der GVE auf Nachfrage gibt wenig Aufschluss: Der Projektinhalt des Konzepts ‚Urbane Belebung‘ ist „auf die Entwicklung der Strategie zur Gewinnung und Bindung von Talentgruppen für die Stadt Essen gerichtet. Hierzu gibt die Geschäftsführung infolge der Untersuchung (Anm. d. Red.: Transparenzprüfung durch die Rechtsanwälte GÖRG) folgende Bewertung: Der Beratungsteil bzw. der Projektteil ‚Urbane Belebung‘ ist inhaltlich professionell und in der wirtschaftlichen Dimension nachvollziehbar.“ Übersetzt aus dem Wirtschaftsdeutschen: Alles richtig. Abhaken, weitergehen.

Tiefergehende INFORMER-Recherchen ergaben: Das erarbeitete Strategie-Papier ‚Urbanen Belebung‘ sollte einzig dazu dienen, dem Verein Rot-Weiss Essen als Hauptnutzer des neuen Stadions die Tür zu Sponsoren zu öffnen – genauer gesagt die Hintertür. Die ‚Urbane Belebung‘ hieß zuvor ‚Talentstrategie / Urbane Belebung‘. Davor sogar einfach nur ‚Talentstrategie‘. Als die Roland-Berger-Leute erkannten, dass mit der Marke RWE allein sich kaum noch die Vordertür einer Marketing-Abeilung in einem größeren Konzern öffnen ließ, musste ein anderer Eingang her. Auf dem stand ‚Personalabteilung‘. Der Plan: Junge Talente sollten nach Essen gelockt werden. Nein, nicht junge Fußballtalente. Es ging um den fähigen Nachwuchs für die Unternehmen. Und damit diese nach Essen kommen, sich hier wohlfühlen und auch bleiben, bedarf es der sportlichen Strahlkraft von König Fußball. Eine Vorschlagsliste potenziell mit dieser Strategie ansprechbarer Unternehmen schickte Roland Berger am 3. Dezember 2008 an Andreas Hillebrand.

Wenn man spielt, sollte man 3 Dinge am Anfang entscheiden:

1. die Spielregeln
2. die Einsätze und
3. den Zeitpunkt aufzuhören

Chinesisches Sprichwort

Kreativ-Workshops, Lenkungs­kreise, interne Gespräche

Bereits fünf Tage später, am 8.12.2008, erhielt auch Stadtdirektor Christian Hülsmann elektronische Post der Unternehmensberater – mit dem Betreff „Talentstadt Essen und Positionierung RWE“. Darin heißt es: „Spannend ist dabei natürlich die Frage, wie ein Fußballclub mit der entsprechenden Positionierung seinen Beitrag dazu leisten kann (und damit natürlich auch die Unternehmen für den Fußballcklub …).“ Schon im Herbst 2008 kam es zu einem Treffen der GVE-Geschäftsführung, Stadtdirektor Hülsmann und den Berger-Leuten. In einem Kreativ-Workshop auf dem Welterbe Zollverein entstand die Strategie, wie die hiesige Wirtschaft doch noch zum Sponsoring für Rot-Weiss Essen animiert werden könnte.

Die weitere E-Mail-Korrespondenz macht die Tragweite deutlich. Die Rede ist von internen Treffen, von weiteren Workshops und eines Lenkungskreises. In Elefantenrunden saß hier auch die Essener Polit-Elite quer durch die Ratsfraktionen mit am Tisch. Auf jeden Fall immer involviert und mit dabei: Christian Hülsmann.

Trotz all dieser Bemühungen und vor allem trotz all dieser Investitionen ging der Plan nicht auf. Ermächtigt, beauftragt, autorisiert und mit einem im Sport beispiellosen Engagement der Stadt – allen voran der damalige Stadtdirektor und spätere rot-weisse Aufsichtsratschef – setzte die GVE alles auf den Verein Rot-Weiss Essen. Und verlor.

Das Stadion steht, die Prognose der Rechnungsprüfer über die laufenden Kosten auch: 4,5 Mio. € pro Jahr. (Foto: INFORMER Archiv)

Wette Verloren, Einsatz läuft weiter

Sachlich nüchtern, aber auf den Punkt bringt es der Bericht  der Rechnungsprüfer: „Nur bei Aufstieg des Hauptnutzers Rot-Weiss Essen in eine Liga mit nennenswerten Werbe- und Vermarktungserlösen zusätzlich zu den Eintrittsgeldern könnte sich die Situation ändern. Allerdings wären zum Erhalt dieser Ligazugehörigkeit dann auch hohe Investitionen in die Mannschaft erforderlich; die Mehrerlöse könnten nur zum Teil abgeschöpft werden.“ Kurz vor diesem Fazit erklären die städtischen Finanzkontrolleure auch warum: „Unter Einbeziehung von Abschreibungen und Zinsen betragen die jährlichen Kosten des Stadion Essen ca. 4,5 Mio. €. Das wäre in etwa der Beitrag, den die Nutzer an Pacht und Nebenkosten aufzubringen hätten.“

Oder kurz gesagt: Die Stadt hat sich verzockt – und zwar gewaltig. Derweil läuft der 4,5-Millionen-Einsatz weiter – allein aufgrund der Abschreibungsdauer noch mindestens 25 Jahre lang.

 

Mehr zu diesem Thema:

Der Stadion-Skandal: Es gilt, sich der Realität zu stellen!

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