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Samstag, 24. June 2017
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500 Meter in die Höhe, 70 Jahre in die Vergangenheit

Nur noch 10 Maschinen der De Havilland Dove existieren weltweit, das Eindeckerflugzeug, welches ab Essen/Mülheim startet, ist sogar das Einzige, das noch gewerblich fliegt. INFORMER ist für eine Reportage mit Pilot Igor Mossyrsch abgehoben und hat nicht nur die A52 einmal ganz anders gesehen.

Von Marie Illner und Fee Roth (Fotos)

Unter meinen Füßen vibriert es. Der Motor der Maschine springt mit dem Laut eines alten Rasenmähers an, dann tuckert sie über die Startbahn wie ein Traktor übers Feld. Der Blick aus dem Fenster zeigt die immer kleiner werdende Flugzeughalle. In dem roten Ledersitz wippe ich auf und ab, während Igor den Motor warmlaufen lässt. Er dreht seinen Kopf über die Schulter, ruft irgendetwas aus dem Cockpit, übertönt vom Surren der Propeller. Ich verliere noch einen Blick aus dem riesigen Flugzeugfenster, während Igor die nostalgische Maschine immer schneller über den Asphalt treibt. Dann heben wir ab. 500 Meter in die Höhe, 70 Jahre in die Vergangenheit.

Pilot Igor Mossyrsch mit INFORMER-Redakteurin Marie Illner

Kurz schlingert das Flugzeug, ehe es sein Gleichgewicht findet. Rechts neben mir dreht sich knatternd ein silberner Propeller, fast scheint es, als müsste ich nur die Hand ausstrecken, um ihn mit den Fingern anzuschnipsen. Auch der Rest des Eindeckerflugzeugs erinnert mich an Miniaturflieger, die ich als Kind durch den Garten segeln ließ. Noch am Boden hat mir Igor verraten, dass die De Havilland Dove zu den erfolgreichsten britischen Flugzeugmodellen zählt und in den 50er und 60er Jahren als Transportflugzeug für Kurzstrecken eingesetzt wurde. Von dem einstigen Verkaufsschlager, den sogar die britische Queen und der jordanische König besaßen, gibt es heute weltweit nur noch 10 Maschinen, von denen gerade einmal 5-7 flugbereit sind. Als ich noch festen Boden unter den Füßen hatte und das Flugzeug, das mit seinen rot-blauen Streifen und Platz für neun Passagiere fast niedlich wirkt, von außen betrachtete, haben mich diese Zahlen ziemlich beeindruckt.

„Noch richtig fliegerisches Handwerk“

Jetzt, während mit 255 km/h die Kornfelder, Hausdächer und Fußballplätze unter mir entlangziehen, frage ich mich, ob wohl auch die Sicherheitsstandards auf dem Level von 1945 – dem Jahr des Erstfluges – sind. „Alles wurde innen und außen aufwendig und unter der Berücksichtigung der aktuellen Sicherheitsstandards restauriert“, versichert Igor. 2004 sei das gewesen, da habe man die in einem Container in den Niederlangen eingelagerte Maschine wiederbelebt. Seine besonnene Art beruhigt mich. Ich beobachte ihn dabei, wie er das Flugzeug mit einer Leichtigkeit steuert, die mich an meinen kleinen Bruder beim Autorennen an der Konsole erinnert und nach einigen Minuten habe ich das Surren, Brummen und Knattern der zweimotorigen Maschine vergessen. „Das ist noch richtig fliegerisches Handwerk“, lacht Igor. Unter uns schlängelt sich die Ruhr an Essen, Mülheim und Duisburg vorbei. Die gestaute A52, die mich 500 Meter tiefer stressen würde, wirkt von hier oben, im Wechsel mit dem Baldeneysee und Golffeldern, überraschend entspannend.


500 Meter, etwas mehr als eine Runde um den Fußballplatz, denke ich mir. Ein Blick aufs Handy zeigt, dass ich sogar noch Netz habe. Dennoch: Nicht nur mein Blick auf die A52 ändert sich. Ich lehne mich gegen die beige Innenverkleidung und drücke meine Nase ans Fenster.
Wann habe ich zuletzt darüber nachgedacht, wie grün das Ruhrgebiet trotz Industrie und Urbanisierung ist? Während wir den Halterner See, den Rhein, das Stadion von Bayer Leverkusen und den Duisburger Hafen überfliegen, sehe ich das größte Ballungsgebiet Deutschlands wortwörtlich aus einem anderen Blickwinkel. Beim Geruch nach altem Leder und mit leichter Übelkeit, die das Gewackel der Maschine verursacht, versuche ich Igors Erzählungen über die De Havilland Dove zu folgen. „1964 endete die Produktion der Dove mit der Auslieferung des 542. Flugzeuges. Dieses Modell hier, DH 104, wurde auch militärisch genutzt: als Vermessungsflugzeug“, plaudert Igor. 1957 sei sie von der Lufttransport-Union in Belgien erworben und auf den Namen „Augsburg“ getauft worden. „Sie flog mit der Kennung D-INKA hauptsächlich im Auftrag des Shell Konzerns. 1958 wurde sie dann wieder nach Belgien verkauft“, erzählt Igor.

Geradewegs auf den Kölner Dom zu

Der nächste Teil seiner nostalgischen Ausführungen wird vom Motorenlärm übertönt, seine Gestik aber lässt erkennen: Wir steuern auf etwas Besonderes zu. Schnell erkenne ich, was sich vor uns erhebt. Der Kölner Dom. Ich erwarte, dass er in derselben Geschwindigkeit an uns vorbeirauscht, wie es das Rhein-Ruhr-Zentrum oder der Düsseldorfer Landtag tat, aber Igor steuert geradewegs darauf zu. Die Maschine sinkt. Der Dom erscheint zum Greifen nah. Ich frage mich, was die Touristen, die einige hundert Meter tiefer Fotos machen, denken, während Igor mit uns den Dom umrundet. Uns trennt nur der Teppichboden und das Metall des Flugzeugbodens. So mancher Tourist mag sich noch fragen, ob er da gerade wirklich gesehen hat, wie ein Flugzeug den Kölner Dom umrundet, da haben wir schon fast den Flughafen Köln/Bonn erreicht.

Von oben: Flughafen Köln-Bonn

Igor setzt zum nächsten Kurve an.  In der Senkrechten starre ich auf das Flughafengelände unter mir, mein Herzschlag beschleunigt sich mit sinkender Flughöhe. Igor steuert auf die Landebahn zu. Meine Gedanken rasen: Gehört das zum Rundflugprogramm? Die Maschine nähert sich dem Asphalt, ich höre sie schon krachend aufsetzen. Doch bevor wir den Boden berühren, reißt Igor die Maschine wieder nach oben. Stolz dreht er sich zum Innenraum um. Ich klatsche zwar nicht, bin aber trotzdem beeindruckt. Auch wenn ich von Düsseldorf nach Dubai, von Köln nach London und von Sydney nach Singapur geflogen bin, ist das wahrhaftig ein anderes Erlebnis. „Die einzige Maschine, die noch gewerblich fliegt“, höre ich Igor erzählen. Keine Spur von Nervosität oder Aufregung. 

Wir überfliegen noch einmal die Autobahnen, gelben Kornfelder und in den Sand gemalte Herzen am Flussufer. Dann setzt auch Igor zur Landung in Essen-Mülheim an. Sicher bringt er die De Havilland auf den Boden, mit quietschenden Reifen rauschen wir die Landebahn entlang, bis wir schließlich zum Stehen kommen. Wie lange die Maschine wohl künftig noch fliegen wird, will ich wissen. „Kann man nicht sagen. Ein kaputtes Teil, für das es keinen Ersatz gibt und das war’s“, sagt Igor und springt aus dem Flugzeug. „Hoffentlich noch lang.“

Infos über Rundflüge mit der DOVE De Havilland ab Essen-Mülheim unter:

www.tfc-airlebnis.de

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