Vernetzen:
Samstag, 24. June 2017
StartseitePanoramaInvestigative Recherchen enden nicht vor der eigenen Haustür

Investigative Recherchen enden nicht vor der eigenen Haustür

Foto: DJV-NRW / Udo Geisler

INFORMER-Redakteur deckt mutmaßlichen Fall von Betrug und Unterschlagung auf – in seiner eigenen Gewerkschaft. Die zieht daraus umgehend Konsequenzen und entlässt den Geschäftsführer. (Foto: DJV-NRW / Udo Geisler)

VON JÖRAN STEINSIEK

Dass investigative Recherchen nicht vor der eigenen Haustür enden, hat INFORMER-Redakteur Pascal Hesse jüngst unter Beweis gestellt. Gemeinsam mit Katrin Kroemer, ihres Zeichens Bundesschatzmeisterin des ‚Deutschen Journalisten-Verbands’ (DJV) und Chefredakteurin beim ‚TOP Magazin Ruhr’, ist er dieses Mal einem Verdacht nachgegangen, der ihn persönlich betrifft: So soll es im NRW-Landesverband der Journalistengewerkschaft, zu dessen Vorstand Hesse und Kroemer zählen, zu einem Fall von Betrug und Unterschlagung gekommen sein. Im Fokus: der eigene Geschäftsführer Karl Z.. Am 1. Juni vergangenen Jahres übernahm der damals 52-jährige Leverkusener die Geschäfte des Verbands – als Nachfolger von Dr. Anja Zimmer, die als Direktorin zur Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) wechselte. Zuvor sei Karl Z. laut dem Branchendienst Meedia.de anderem für die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) tätig gewesen.

Der Deutsche Journalisten-Verband NRW kämpft aktuell mit einem möglichen Fall von Betrug und Unterschlagung. Foto: DJV-NRW / Kirsten Weber

Der Deutsche Journalisten-Verband NRW kämpft aktuell mit einem möglichen Fall von Betrug und Unterschlagung. Foto: DJV-NRW / Kirsten Weber

Wie der Mediendienst kress.de vor wenigen Tagen berichtete, soll der Geschäftsführer den Verband unbestätigten Informationen zur Folge um einen fünfstelligen Betrag geprellt haben. „Aktuell ist von bis zu 50.000 Euro die Rede, die er mit Finesse für eigene Zwecke abgezwackt hat“, heißt es. Die ‚Rheinische Post’ berichtet zudem, dass er gefälschte Rechnungen von Rechtsanwälten und Beratungsunternehmen selbst ausgestellt haben solle. Karl Z. war für ein Statement zu den im Raum stehenden Vorwürfen nicht zu erreichen. Der DJV NRW hat sich nach eigenen Angaben bereits am 11. April mit sofortiger Wirkung von seinem bisherigen Geschäftsführer getrennt. Er habe Strafanzeige erstattet und Strafantrag gestellt. Im Raum stehen der Verdacht von Betrug und Unterschlagung. Nun ermittelt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft.

Aufklärung und Transparenz haben Priorität

„Die finanziellen Unregelmäßigkeiten haben die beiden Landesvorstandsmitglieder Pascal Hesse und Katrin Kroemer aufgedeckt“, macht der DJV NRW im sozialen Netzwerk Facebook deutlich. Noch an dem Tag, als sich der Verdacht des Betrugs erhärtete, habe der Vorstand reagiert und die Trennung vom bisherigen Geschäftsführer eingeleitet. Dies sei, so ist aus Verbandsgremien zu hören, auf Antrag der beiden Landesvorstandsmitglieder Kroemer und Hesse geschehen. Eine wichtige Rolle bei der Aufklärung hätten zudem die beiden Rechnungsprüfer Theo Körner und Eberhard Wühle gespielt. Wühle, zuletzt Leiter Unternehmenskommunikation bei Wolff Walsrode und Dow Chemical, ist ebenfalls aus Essen, mittlerweile aber im Ruhestand. „Für den Landesvorstand haben in dieser Situation Aufklärung und Transparenz höchste Priorität“, heißt es auf der Internetseite des DJV NRW. Gleichzeitig wirbt man um Verständnis, wegen des laufenden Verfahrens keine weiteren Details bekannt geben zu können.

Mit den INFORMER-Redakteuren Pascal Hesse (l.) und Jöran Steinsiek verdeutlicht Dr. Stephan Hollthoff-Pförtner seine Ziele für den VDZ und die gesamte Branche. Foto: Christoph Bubbe

Pascal Hesse (l.) hier im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Jöran Steinsiek und Dr. Stephan Hollthoff-Pförtner, Präsident des Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Archiv-Foto: Christoph Bubbe

Zu den innerverbandlichen Vorgängen befragt, wiegelt Pascal Hesse ab und verweist auf die Pressestelle des DJV NRW. Auf seinem öffentlichen Facebook-Profil schreibt der 30-jährige Journalist: „Recherchieren, Erkenntnisse zusammentragen und diese bewerten – objektiv, unabhängig und kritisch: Das ist die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten. Dass investigative Recherchen nicht vor der eigenen Haustür Halt machen dürfen, haben Katrin Kroemer und ich jüngst bewiesen.“ Als Mitglieder des Landesvorstands hätten sie dem Geschäftsführer hinterher recherchiert, unbequeme Fragen gestellt und Belege eingefordert. Weiter: „Mehrfach wurde versucht, diese Recherche zu unterbinden; immer wieder gab es Ausreden. Oft wurden wir vertröstet. Schlussendlich haben wir ihm eine letzte Frist gesetzt – mit Erfolg. Die gewonnenen Erkenntnisse haben wir wie ein Puzzle zusammengesetzt und bewertet: So konnten wir finanzielle Unregelmäßigkeiten aufdecken, die den Verdacht eines Betrugs und Unterschlagung erhärteten.“

Landesvorstand übersteht Vertrauensfrage

Beim bevorstehenden Gewerkschaftstag des DJV NRW am 6. Mai will Hesse, der seit mehreren Jahren auch dem DJV Bezirksverband Essen-Mülheim-Oberhausen vorsitzt, erneut für den Landesvorstand kandidieren. „Natürlich will ich weitermachen“, macht er auf Rückfrage deutlich. Für welche Position der 30-Jährige nun kandidieren will, lässt er jedoch offen: „Das wird der 6. Mai zeigen. Ich will mich da heute noch nicht festlegen.“ Bei einer außerordentlichen Sitzung des Gesamtvorstands des DJV NRW stellte sich der Landesvorstand und der kommissarische Geschäftsführer Christian Weihe den kritischen Fragen der Kolleginnen und Kollegen. „Sie informierten detailliert über die Geschehnisse der letzten Monate. Sie verhehlten auch die persönliche Betroffenheit und die Enttäuschung darüber nicht, dass der Geschäftsführer sie hinters Licht geführt hat. Alle zeigten sich entschlossen, den Sachverhalt gründlich und mit größtmöglicher Transparenz aufzuklären“, schreibt der Verband auf Facebook. Das Gremium, zu dem unter anderem die Vorsitzenden der Orts- und Bezirksverbände und die Vorsitzenden der Fachausschüsse gehören, haben dem Landesvorstand in einer geheimen Abstimmung mehrheitlich das Vertrauen ausgesprochen. Der Landesvorstand hatte auf eigenen Wunsch hin selbst nicht an der Abstimmung teilgenommen.

Wirtschaftsprüfer soll Schaden ermitteln

Ein externer Wirtschaftsprüfer führt laut Verbandsangaben aktuell eine Unterschlagungsprüfung durch, um herauszufinden, wie hoch der angerichtete Schaden insgesamt ist. Es würden zudem verbesserte Kontrollmechanismen entwickelt, damit in Zukunft Betrügereien möglichst ausgeschlossen werden können. Der beim Gewerkschaftstag turnusgemäß neu gewählte Landesvorstand habe die Aufgabe, einen neuen Geschäftsführer beziehungsweise eine neue Geschäftsführerin zu suchen. Bis dahin übernimmt die Geschäftsführung der bislang stellvertretende Geschäftsführer und Justiziar des DJV-NRW, Christian Weihe.

print

Kommentare