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Mittwoch, 23. August 2017
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UNTER POLITIKERN: Der Kandidat, der aus der Reihe tanzt

Serge Menga ist das Gegenteil, von dem, wie man sich einen Landtagskandidaten vorstellt: Dunkelhäutig, LKW-Fahrer und DJ. Der INFORMER hat den parteilosen Kandidaten einen Tag lang begleitet.

VON MARIE ILLNER UND JÖRAN STEINSIEK (FOTOS)
Politiker, die ich normalerweise treffe, tragen Anzüge und begrüßen mich mit einem mehr oder weniger starken Händedruck. Serge Menga kommt um die Ecke der McDonald’s Filiale direkt am Hauptbahnhof geschlürft, zu seiner schwarzen Hose trägt er eine Military-Jacke mit Deutschlandfahnen-Applikation. Mit einer Bäckereitüte in der Hand und noch kauend ruft er: „Na, alles klar?“ und begrüßt mich mit einem Handschlag. Wir laufen gemeinsam zu seinem Wahlbüro. Er sei ein Familienmensch, erzählt er mir sofort, habe gerade noch seine Kinder zum Kindergarten gebracht. Warum es jetzt in die Politik gehen soll, will ich wissen. „Nur meckern hilft ja auch nichts, Marie“, sagt Serge und lacht. Mut für ein besseres Miteinander – das sei sein Wahlspruch, und das meine er auch so.

Chefberater Donaly und Wahlkämpfer Dirk überprüfen nochmal die Plakate.

Serge biegt mit mir in die Steeler Straße ein, erzählt mir von seinen Jobs in der Vergangenheit: Eventmanager, DJ, LKW-Fahrer. Er weiß, dass das nicht der typische Lebenslauf eines Politikers ist. „Ich war Flüchtling, aus dem Kongo“. Sigmar Gabriel, der ihn nach seiner Wutrede nach Berlin einlud, habe ihm ohne Abitur und Studium schlechte Chancen in der Politik ausgerechnet. „Dabei sollten die Politiker, Gabriel und wie die alle heißen, einfach mal aufhören zu labern“, findet er.


Deutschland ist ein Haus

Während Serge sein Wahlkampfbüro, welches er über Facebook organisiert hat, aufschließt, erklärt er mir seine Philosophie: „Deutschland ist ein Haus – ziemlich einfach“. Im Bezug auf die Integrationspolitik könne man das so anwenden: „Wenn es bei dir an der Haustür klingelt, dann öffnest du die Tür und derjenige stellt sich vor. Er sagt vielleicht, er komme von der Heizungsfirma XY und wolle deine Heizung kontrollieren. Wenn du dir nicht sicher bist, fragst du nach seinem Ausweis, oder rufst bei der Firma an, um dich zu versichern. Verstanden?“. Ich nicke. Auch Finanzpolitik findet Serge eigentlich ganz simpel:

Im Headquarter der Menga-Kampagne: Auf drei Etagen an der Steeler Straße

„Gib einfach nicht mehr aus, als du hast“. Er habe den Anspruch, dass sein 10-jähriger Sohn die Politik verstehe. Tue er das nicht, sei es meistens Humbug. Migration und Integration sind Serges Steckenpferde. Während wir auf einer schwarzen Ledercouch Platz nehmen, frage ich: „Wieso hat das bei dir mit der Integration eigentlich geklappt?“. Serge muss nicht lange überlegen. „Ich hab Sport, Judo, gemacht und Deutsch gelernt.“ Ich solle nicht meinen, es sei leicht gewesen. „Klar wird man mit Klamotten von der Caritas in der Schule doof angeguckt und versteht nichts von dem, was die Lehrerin sagt.“ Stück für Stück habe er sich Anerkennung erarbeitet. Wie es heute in den Flüchtlingsdörfern abläuft, weiß Serge: „Ich hab als Flüchtlingshelfer in einer Unterkunft hier gearbeitet. Die hängen den ganzen Tag nur rum. Was fehlt, ist Kontakt zur deutschen Bevölkerung“.

INFORMER-Redakteurin Marie Illner im Wahlkampfbüro mit Kandidat Serge Menga

Es klingelt an der Tür. Ich höre, wie Serge jemanden an der Tür mit einem Scherz auf den Lippen begrüßt, kurz danach kommt Dirk, sein ehrenamtlicher Helfer, die Treppe nach oben gelaufen. Ich erfahre, dass die Beiden sich in ihrer Rolle als Flüchtlingshelfer kennengelernt haben. „Mit Serge, das wird was“, ist sich Dirk sicher. Er trägt zwar eine Sonnenbrille, trotzdem erkenne ich, dass Dirk sich ziemlich sicher ist. Serge lacht. „Meine stärkste Waffe ist der Dialog. Wenn die Stadt mir 10 Millionen Euro geben würde“, sagt er und lässt sich zurück auf die Couch fallen „dann würde ich das mit der Integration regeln“. Serge schnipst laut in die Luft. Er stelle sich das ein bisschen wie bei der Bundeswehr vor: Morgens Frühstück, Arbeit in Werkstätten, Sport in Vereinen. „Da bleibt keine Zeit für Dummheiten“.

 

Rechtspopulist oder Schleimer der Deutschen?

Oft werfe man ihm vor, er sei rechtspopulistisch oder der „Schleimer der Deutschen“. „Das bist du nicht“, verteidigt ihn Dirk. „Aber, wenn ich manche von deinen Thesen vertreten würde, dann hätte ich ganz andere Probleme“. Serge findet das nicht gut. „Die Hautfarbe sollte keine Rolle spielen, tut sie aber. Ich kann manches nur sagen, weil ich schwarzer Flüchtling bin“. Eben deshalb sei er aber auch der perfekte Brückenbauer. Alle Parteien, die er sich nach seiner Silvester-Wutrede angeschaut hat, hätten ihm sofort einen Maulkorb verpasst. „Bis auf die AfD vielleicht“, meint er. Das sei auch der Grund, warum er ein paar Gespräche mit ihr geführt hätte. „Hab’ aber schnell gemerkt, dass es nicht passt. Die AfD spaltet, ich will ja ein Miteinander“. Das Wort „gegen“ sei viel zu oft gefallen, eine richtige Alternative sei das auch nicht. Ob er zum linken oder rechten Spektrum gehöre? „Ich will nicht in eine Schublade gesteckt werden. Serge Menga ist mal liberal, mal konservativ“, sagt er. „Nehmen dich die anderen Politiker eigentlich ernst?“, frage ich. „Klar, die wissen, dass ich ein Spaßvogel bin, aber was ich sage, hat Hand und Fuß“, meint Serge. Seine Figur „Onkel Harry“, mit der er in Facebook Videos die Rolle eines Neuangekommenen verkörpert, sei provokant, das sei aber so gewollt.

 

Ständig am Telefon: Chefberater Donaly

Serges Wahlkampf ist in vollem Gange. „Gleich kommen Sat1 und RTL vorbei, die wollen ein kurzes Interview drehen“, lässt er mich wissen. Heute Abend wolle er dann damit beginnen, seine A1-Plakate aufzuhängen. „Ist ein Fulltime-Job im Moment, 8-22 Uhr“. Seine Beschäftigung als LKW-Fahrer pausiere so lange. „100 Plakate darf ich hängen. Weißte wie teuer das war?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ist auch egal, zu teuer jedenfalls“, meint Serge. „Am Ende lohnt es sich sowieso, egal wie viel Prozent ich hole. Das ist symbolisch für ganz Deutschland“, sagt er und klingt fast ein bisschen pathetisch. Auch mit dem Wahlbüro gehe es nach der Wahl weiter: „Hier sollen die Räumlichkeiten für den Verein für ein besseres Miteinander entstehen. Schülerhilfe, Jugendtreff und so.“ Serge ist optimistisch. „Was ist daran so schwer zu verstehen, dass die Kitabeiträge für Eltern, die nicht so viel verdienen, nicht so hoch sein dürfen. Was ist daran so schwierig, dass Menschen, die ihr Leben lang arbeiten, am Ende eine vernünftige Rente bekommen müssen?“, fragt er. Ich frage mich, ob wirklich alles, was so kompliziert klingt, einfacher sein könnte. Als wir später mit dem Kamerateam am Essener Hauptbahnhof sind, meint Serge: „Frag mal die Leute hier ob die wissen, was eine Legislaturperiode ist. Amtszeit würden mehr verstehen, aber die Politiker wollen oft gar nicht verstanden werden“.


Nicht alles scheiße, aber vieles könnte besser sein

Als das Team von RTL und Sat1 kommt, bleibt Serge cool. „Das ist mein 25. Interview oder so, nach dem
Facebook Post an Silvester kamen ständig welche.“ Arrogant klingt er dabei nicht. „Hat er ja auch gar nicht nötig“, verrät mir Dirk, als wir während des Drehs am Rand stehen. „Er kommt ja aus dem Showbusiness“. Dirk fotografiert den ganzen Dreh mit seinem Handy, er ist mächtig stolz. Der gelernte technische Zeichner und Maschinenschlosser hilft Serge ehrenamtlich, derzeit hat er keine Arbeit. „Serge könnte auch Comedian sein“, kichert Dirk. „Aber man muss ihn ernst nehmen, seine Themen sind es ja auch“. Serge beantwortet die Fragen der Reporter mit Gelassenheit, immer wieder blitzen seine weißen Zähne beim Lachen auf. Einige Leute bleiben stehen, eine Frau mit Kind dreht sich mehrmals um. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Serge das „Blablabla“ der Politiker nachmacht. „Meistens sind das Sätze wie: Ja, wir haben es in die Wege geleitet, oder: Ja, das und das wird angestoßen“, imitiert er.
Falsch verstanden werden will er aber auch nicht: „Es ist nicht alles scheiße. Aber vieles könnte besser sein, und wir selbst zufriedener“, so Serge. Sein Ziel: „Die Heimat meiner Kinder entstigmatisieren. Endlich an den richtigen Stellen differenzieren.“ ‚Die Flüchtlinge’ gäbe es genauso wenig wie ‚Die Arbeitslosen’. Ich will wissen, ob er, wenn er denn gewählt würde, auch einen Anzug im Landtag tragen werde. „Um Gottes Willen, sicher nicht“, ruft Serge.


In der Essener Innenstadt und auf dem Gervinusplatz verteilt Serge Broschüren. Er begegnet dem fünften Passanten immer noch mit einem herzlichen Lächeln, auch wenn die ersten Vier weitergelaufen sind. „Das ist normal“, meint er. „Man muss halt wissen, wie man die Leute anspricht“. Auch Hausbesuche plane er gemeinsam mit Dirk noch. Eine Frau, die Serges Flyer mitnimmt, verrät mir: „Das Lächeln war so toll, hab sogar Gänsehaut gekriegt“. Im Hintergrund beobachtet Herr Donaly, Serges politischer Berater, das gesamte Geschehen. „Hab ich über die Familie kennengelernt, Herr Donaly hat echt Ahnung“, findet Serge. „Weißt du, eigentlich ist es nichts Neues, was ein Serge Menga macht. Die Leute neigen nur oft dazu, das Wichtigste zu vergessen“. Serge lacht. Irgendwie tanzt er aus der Reihe – nicht nur, weil er DJ ist.

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