Vernetzen:
Dienstag, 23. May 2017
StartseitePolitikUNTER POLITIKERN: Die Kandidatin, die die Seite wechselt

UNTER POLITIKERN: Die Kandidatin, die die Seite wechselt

Brigitte Harti (CDU) kennt die Politik seit bald 40 Jahren. Allerdings von der anderen Seite: Als Beamtin in der Verwaltung. Diese Erfahrung soll ihr jetzt als Schwert im Wahlkampf dienen. Informer hat hinter die Kulissen geschaut und Harti dabei begleitet.

VON MARIE ILLNER UND JÖRAN STEINSIEK (FOTO)

Brigitte Hartis Büro im Kettwiger Rathaus ist noch ganz neu. Heller Laminatboden, große Fenster, durch die Licht hineinfällt und ein etwas einsamer Schreibtisch in der Ecke lassen es unbewohnt wirken. An der Wand lehnen Bilder, die sie noch nicht aufgehängt hat. Auch ein gerahmtes Zitat von Ursula von der Leyen „Die Jungen rennen schneller, aber die Alten kennen die Abkürzung“, steht dabei. Bloß ein Foto von Harti und Oberbürgermeister Kufen hat es schon auf den Schreibtisch geschafft. Ob es sich die Verwaltungsbeauftrage vielleicht gar nicht mehr wohnlich machen will? Sie steht inmitten des großen Raumes und spricht über den Wahlkreiszuschnitt – spannend sei der. „Natürlich muss man eine andere Sprache in Essen Mitte als in Bredeney wählen“, erklärt sie mir. Aber durch ihr vielfältiges politisches und soziales Engagement wisse sie, wie die Essener ticken würden.

„Ich bin vielleicht nicht die typische Politikerin, aber ich komme aus der Verwaltung und habe 38 Jahre Berufserfahrung“. Das ist Hartis Schwert: Angefangen beim mittleren Dienst bis zum Sozialamt, zur Assistentin der CDU-Ratsfraktion und heute als Verwaltungsbeauftragte hat die 55-Jährige eins gesammelt: Erfahrung, Kontakte, Kompetenz. „Ich kenne das Geschäft von der anderen Seite, bin quasi das Bindeglied zwischen der Verwaltung und den Kommunalpolitikern“, sagt sie. Daher wisse sie auch, wie es um den „roten Filz“ bestellt sei. CDU – das sei einfach ihre Heimat, ihre Mentalität. „Ich bin konservativ.

Außerdem haben mich zwei Frauen in meinem Leben sehr inspiriert: Jutta Eckenbach und Ingeborg Schrader“, sagt Harti. Noch immer stehen wir im Büro: Harti in heller Jeans, weißer Bluse unterm beigen Printshirt und mit goldenen Ohrringen, ich in Mantel und mit Schreibblock in der Hand. „Wir müssen los“, sagt sie. „Ostereier bemalen auf dem Markt an der Margarethenhöhe.“

Anspruch: Bürgernähe

Auf der Autofahrt schaue ich mir Hartis Wahlkampfplakate am Straßenrand an. Lächeln wirbt sie für Politik mit „mehr Herz und Verstand“. Auf dem Foto trägt sie ein Halstuch aus Istanbul – eine ihrer Lieblingsstädte, wie sie mir vorher verraten hat. Auch eine Kette mit arabischen Schriftzeichen ziert ihren Hals. Ob das ein politisches Statement sei? „Nein“, lacht sie. „Das ist ein Geschenk aus den 80ern und heißt übersetzt Brigitte“. Worauf ich hinaus will, hat sie trotzdem verstanden: „Integration ist ein wichtiges Thema für mich. Meine Eltern sind kroatische Flüchtlinge.“ Daher wisse sie, wie es sich anfühle, als 5-jähriges Kind bei der Schuleingangsuntersuchung gesagt zu bekommen: „Nein, du wirst nicht eingeschult“. Das habe sie sehr ehrgeizig gemacht. Auch die Verbindung von Land und Kommune samt deren finanziellen Ausstattung sei eins ihrer Hauptanliegen. Stellenweise sei sie sogar etwas liberaler als manch’ Anderer in der Union: „Ich befürworte zum Beispiel die Homo-Ehe. Da sage ich einfach: Leben und leben lassen“. Ich will von ihr wissen, wie die Entscheidung, zu kandidieren zustande kam. „Ich wurde vom Stadtbezirksvorstand gefragt und musste erstmal darüber nachdenken. Ich habe dann mit meinem Partner und meinem Chef gesprochen und mich dafür entschieden“, erklärt sie. Dann habe sie direkt losgelegt und vor über einem Jahr begonnen, sich thematisch einzuarbeiten. „Das schulde ich den Essenern doch, ich will schließlich ihr Sprachrohr sein“. Dafür habe sie Straßenfeste, Vereine und Institutionen besucht. „Es geht nicht um Selbstdarstellung, aber Bürgernähe ist mein Anspruch“, stellt sie klar.

Zur Entspannung: Big Bang Theory und Zumba

Auf der Margarethenhöhe wartet schon ein CDU-Team in orangenen T-shirts, bewaffnet mit Kugelschreibern, Flyern und Gummibärchen auf sie.

Die Frau hinter der Kandidatin: Wahlkampfleiterin Daniela Rittkowski

Auch Hartis Wahlkampfleiterin, Daniela, ist dabei. Den Vorsitzenden der Bürgerschaft, der den Ostermarkt mitorganisiert hat, begrüßt Harti mit einer herzlichen Umarmung. Sie schnackt hier und da mit einem der Marktbesucher. „Was macht der Schwager? Wie geht’s der Mutter? Sieht man sich nächste Woche?“ Geschauspielert wirkt das nicht, sondern authentisch. Ich frage Daniela, wie sie Harti beschreibt, welches Profil sie hat. „Menschlich, authentisch, bürgernah“, antwortet sie mir.
Sie sei eben eine Hobby-Politikerin. Das mache einiges schwieriger, zeitlich zum Beispiel, sei aber andererseits auch von Vorteil: „Bei Brigitte ist vor den Kulissen alles so wie dahinter“, beteuert sie. Mit wem sie wohl gar nicht zusammenarbeiten würde? „Mit den Linken“, meint Daniela und schüttelt dabei den Kopf.

Harti verteilt währenddessen in Jack Wolfskin Jacke fleißig ihre Flyer. „Darf ich Ihnen einen Kugelschreiber und Gummibärchen mitgeben?“, fragt sie immer wieder. „Ich besuche gerne Märkte. Hier liebe ich besonders Suppen und Eintöpfe“, lässt sie mich wissen. Der Wahlkampf sei derzeit aber extrem anstrengend. „Nach Ostern nehme ich meinen gesamten Jahresurlaub“, sagt sie, aber ohne Bedauern in der Stimme. „Ich brauche den Kopf frei für eine Sache.“ Besonders viel Kaffee trinke sie nicht, aber sie achte darauf, dass sie genügend Schlaf bekomme. „Ich gucke gern Big Bang Theory auf dem Sofa“, lacht sie – fast ein bisschen beschämt. Und Zumba – das sei auch so ein Weg zum Herunterkommen. Mit den Linken würde sie übrigens nicht zusammenarbeiten, sagt sie auf Nachfrage, was aber den Dialog nicht ausschließe. „Was wollen wir denn? Klassenkampf?“, fragt sie. Erst kürzlich sei sie an einer Gesamtschule gewesen und habe immerzu von Chancengleichheit und Gleichheit im Bildungssystem gehört. Jetzt klingt sie energischer: „Was soll Gleichheit bedeuten? Wo ist die Ungleichheit? Und warum schauen wir immer nur aufs Negative?“. Man dürfe doch etwas wie das Leistungsprinzip nicht so einfach aufgeben.

Schmusekurs statt Angriff?

Besonders angriffslustig ist Harti nicht. „Ich bin nicht auf Konfrontation aus, eher auf Argumentation“, sagt sie über sich selbst. Dass sie den Konsens liebt, mag durch ihren Verwaltungsjob kommen. „Gut, dass ich die Devise habe: Man trifft jeden zwei Mal im Leben, mach dir keine Feinde“, findet sie jetzt rückblickend. Ihre Themen in diesem Wahlkampf seien Senioren, innere Sicherheit und Integration. „Weil mir die Themen wirklich am Herzen liegen, nicht, weil sie gut laufen“, erklärt sie mir, während wir auf einer Bierbank sitzen und Ostereier einfärben.

Nach weiteren verteilten Flyern, bunten Eiern und Bürgergesprächen machen wir uns auf den Weg zu Radio Essen. Hartis helle Jeans ist mit Ostereierfarbe orange und blau verfärbt. „Ich bin natürlich nervös“, verrät sie mir kurz vor dem Radiointerview. Zuhause habe sie sogar mit einer Stoppuhr geübt, nicht über 30 Sekunden zu kommen. Sie liest sich die 5 Fragen des Redakteurs durch und spricht mit Daniela über die Antworten. „Medienlandschaft in NRW stärken? Darüber hab’ ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht“, flüstert sie ihr zu und blättert in den Unterlagen. Beim Interview sitzt die Antwort dann trotzdem.

Ihre Chancen habe sie immer bei 50/50 gesehen, mittlerweile sei sie aber noch zuversichtlicher. Harti verabschiedet sich lachend. Sie müsse weiter, heute Abend stehe noch ein Kamingespräch in Kupferdreh auf dem Programm.

print

Kommentare