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Montag, 11. December 2017
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Gero Kühn: Der Rebell, der Protestwählern eine Alternative geben will

Gero Kühn geht bei der Landtagswahl als parteiloser Kandidat ins Rennen. Seine Chancen? Nahezu aussichtslos. Im Telefonat erklärt Kühn, warum er das Ganze trotzdem macht, was er mit „krankepolitik“ meint und wer ihn inspiriert hat, zu kandidieren.

VON MARIE ILLNER

Ich tippe „Gero Kühn“ in das Suchfeld bei Google. Ein Twitteraccount unter dem Namen „krankepolitik“ erscheint als erstes Suchergebnis, als ich weiter hinunterscrolle finde ich Artikel auf „derwesten.de“ und ein Video, welches ihn im Kandidatencheck des WDR zeigt. Mehr als ein Plakat am Straßenrand habe ich von Gero Kühn bislang noch nicht gesehen. Um einen Eindruck von ihm zu bekommen, klicke ich mich durch seine Tweets und das, was andere über ihn schreiben. „Parteilos aus Überzeugung“ hat er unter seinem Accountfoto, auf dem er in feuerrotem Hemd hinter kreisrunden Brillengläsern hervorblickt, notiert. Ich lese mir einige seiner politischen Ziele durch: „Zurück zu G9, sofortiger Braunkohleausstieg, Geringe(re) Hürden für Bürgerbegehren und Volksentscheide, Entkriminalisierung von Cannabis“. Auf einem Collegeblock mache ich mir ein paar Notizen zu Fragen, die ich ihm stellen will.

„Hätte mich lieber nicht auf die Plakate gedruckt“

Wir haben uns zum Telefonieren verabredet. Er sei nachtaktiv, daher täglich bis spät abends erreichbar, hatte er mir bei einem früheren Gespräch verraten. Wie verabredet ruft er mich pünktlich gegen 19 Uhr an. „Kühn“, flötet er freundlich ins Telefon. Ich sitze am Schreibtisch, vor mir steht mein geöffneter Laptop und eine Flasche Wasser. „Was machen Sie gerade?“, will ich von ihm wissen. „Ich bin gerade in die Küche zurückgelaufen, um Pizzateig anzusetzen“, erklärt er mir. Im Hintergrund höre ich seine Schritte. „Mache mir später meine Lieblingspizza mit Tomatensauce, Käse und Zwiebeln“, lässt er mich wissen. Ich schiele auf meinen Collegeblock. Dort habe ich mir hinter einem Gedankenstrich mit schwarzem Kugelschreiber die Frage „Warum Piraten verlassen?“ notiert. Ehe wir zu der Frage kommen, schießt Kühn los: „Ich will Sie gleich davor bewahren, es falsch wiederzugeben. Einige lesen Facebook nämlich nur halb. Ich bin 39 Jahre alt, Jahrgang 78“. Häufiger habe irgendwo 38 gestanden. Ich schreibe mir eine daumengroße 39 in die obere Ecke meines Blattes und versehe sie mit einem Ausrufezeichen. „Wieso haben Sie die Piratenpartei verlassen?“, frage ich dann. „Die Marke ist verbrannt“, lautet Kühns Erklärung. Inhaltlich stimme er mit dem Großteil der Punkte überein und verstehe sich mit Vielen gut. Stellenweise gefalle ihm aber der Weg zum Ziel nicht. „Die Piraten lernen aus einigen Fehlern aber bis heute nicht“, führt er aus. „Zum Beispiel das Ideal: Themen statt Köpfe. Das funktioniert nicht.“ Ich male hinter die Frage einen Haken. Ich weiß nicht, wie Kühn die Brücke geschlagen hat, aber er ist bei dem Thema Wahlplakate angelangt. „Ich hätte mich lieber gar nicht auf das Plakat gedruckt. Als Kompromiss sieht man mich jetzt in der Ecke“, erzählt Kühn. „Bei SPD und CDU sieht man doch nur das Gesicht, den Namen – und das war’s. Daher weiß ich dann auch nicht, was Frau Harti und Frau Altenkamp nun wollen.“ Nun gut- sie würden es ihm bestimmt erzählen, wenn er sie bei einem Treffen danach fragte. „Frau Altenkamp würde mir vermutlich erzählen, wie gut die Bildungspolitik der SPD ist“. Kühn hat sein nächstes Thema gefunden. Seine Mutter sei ehemalige Lehrerin, berichtet er weiter.

Wahlkampf als One-Man-Show

Nur schwer kann ich seinen Redefluss stoppen. „Wie kam denn die Idee zu kandidieren überhaupt zustande?“, wechsel ich das Thema. „Das ist so etwas wie ein letzter Versuch“, antwortet er. Mehr könne man sich ja gar nicht zum Affen machen, als sich selbst zum Direktkandidaten aufzustellen. „Die Idee zu kandidieren ist über längere Zeit gewachsen“, blickt er zurück. „Solange ich denken kann habe ich mich von keiner Regierung als Bürger oder politisch Aktiver ernstgenommen gefühlt“, ruft er ins Telefon. Sein Ton ist jetzt energischer. Michelle Marsching, der Spitzenkandidat der Piratenpartei, habe ihm in einem Youtube-Video letztes Jahr aus der Seele gesprochen. „Ich suche es eben raus“, sagt Kühn. Im Hintergrund höre ich, wie er in die Tasten tippt. „Mhhh, das sieht gut aus“, brummt er, wohl mehr zu sich selbst, als in den Hörer. Vermutlich scrollt er sich gerade durch die Suchergebnisse von Youtube. „Ja, ich hab’s“, freut er sich. „Geben Sie einfach Michelle Marsching – Zur Lage der Nation ein. Ab Minute 1:30. Genau das, was ich von Politik halte“, sagt er mir. Ich verspreche, mir das Video nach unserem Telefonat anzuschauen. Unter die „39“, oben in der Ecke meines Blattes, schreibe ich den Suchbegriff. Kühn ist noch immer in Aufruhr. „Ich fühle mich jeden Tag belogen. Das ist doch alles Theater. Beim NSA-Skandal zum Beispiel, da soll doch gar keine Aufklärung passieren“. Ich tue mich schwer, ihm zu folgen. „Wenn man gesagt bekommt, das Konsultationsverfahren dauere an, da fragt man sich doch: Was gibt es da zu konsultieren?“, regt er sich auf. Ich hangele mich zur nächsten Frage. „Ich habe gelesen, Sie sind Software-Entwickler, stimmt’s?“. Kühn springt mit mir von der NSA zu seiner beruflichen Situation. „Genau, ich entwickle Software für digitales Fernsehen“, teilt er mir mit. „Wie finanzieren Sie denn eigentlich Ihren Wahlkampf?“, möchte ich wissen. „Privat“, antwortet er mir. Ob er ein Wahlkampfteam habe? „Es gibt zwar Leute, die meine Plakate Probe gelesen haben und mir ein paar Tipps gegeben haben, aber beim Plakatieren hilft mir niemand“, gibt er zu. „Wieso die ganze Arbeit, wenn er so gut wie keine Chance hat?“, geht mir durch den Kopf. Ich unterstreiche die Frage, die bereits auf meinem Collegeblock steht, noch einmal. „Wenn Sie also schreiben, dass es sich um eine One-Man-Show handelt, dann ist das richtig“, lacht Kühn. Wegen eines Mandates mache er sich keine Illusionen.

„Demokratie lebt vom Mitmachen!“

Kühn hat noch etwas gefunden, das ihn ärgert. „Und da kann ich mich jetzt gar nicht laut genug beschweren“, kündigt er an. „Dass ich keine Chance habe, gewählt zu werden, liegt nämlich auch daran, wie mediale Berichterstattung und Wahlkampf funktioniert“, stellt er fest. Manche Kandidaten müssten sich ja etwa in Elefantenrunden einklagen. „Wie sah denn ihr Wahlkampf bislang aus? Haben Sie Hausbesuche gemacht oder Flyer verteilt?“. Gero Kühn kichert. Nein, er sei ja nicht von der CDU. Die Unterschriften, die er für die Zulassung zur Wahl habe sammeln müssen, habe er an 6 bis 7 Wochenenden zu Fuß im Wahlkreis zusammen bekommen, ganz ohne Klingeln an der Haustür. Ich frage noch einmal nach dem Wahlkampf. „Puuh“, macht er dann. „Das, was man klassisch darunter versteht, habe ich nicht gemacht“, erklärt er. „Aber ich war zum Beispiel aus politischen Gründen bei den Big Brother Awards“, erzählt er. Auf meiner Liste hake ich die nächsten Fragen ab. „Welche Reaktionen gab es denn aus Ihrem Umfeld?“, will ich wissen. „Haben die reagiert?“, fragt er sich laut. „Die haben sich nicht wirklich gewundert“, fasst er dann nach kurzem Überlegen zusammen. „Bloß von einer Person habe ich mir eine komische Reaktion abgeholt. Derjenige sagte, er wisse nicht, ob er mir zur Zulassung überhaupt gratulieren solle“. Ich nicke reflexartig. „Aber Demokratie lebt vom Mitmachen. Deshalb schäme ich mich auch für keinen plakatierten Spruch“, ergänzt er. „Welches Thema ist Ihnen bei der Landtagswahl denn am wichtigsten?“, frage ich weiter. „Ganz klar Bildung“, antwortet er mir und spricht über Klassenzimmer mit schwitzenden Metallfensterrahmen und fehlenden Böden. Kühn wird lauter. „Kein Land gibt weniger Geld pro Schüler aus als NRW“, ruft er ins Telefon. Ich halte das Handy etwas weiter von meinem Ohr weg. „Frau von der Leyen gibt Milliarden für Rüstungsprojekte aus, etwa für Hubschrauber, die nicht über Salzwasser fliegen dürfen!“, schreit er jetzt ins Telefon. Zu jedem Thema hat Kühn Zahlen, Daten und ausgefallene Fakten auf Lager. Er hat sich ein wenig beruhigt. „Bildung ist jedenfalls ein wichtiges Thema“, unterstreicht er noch einmal.


„Nervensäge wird mir nicht gerecht“

Im Hintergrund piepst eine Uhr, die ihn an den Pizzateig erinnert. „Wissen Sie schon, was Sie am Wahlabend machen?“, stelle ich als Zwischenfrage. „Entweder gucke ich die Ergebnisse im Rathaus, oder ich verfolge daheim die Website vom Wahlamt“, überlegt Kühn. Er glaube nicht, dass er gewählt werde, aber im Falle eines politischen Erdrutsches: „Dann mache ich das natürlich trotzdem“, verkündet er sicher. „Ob ich das Ganze noch einmal machen würde, kann ich noch nicht sagen“, sagt er. Ich spreche ihn noch einmal auf seine Plakate an, die von der Überschrift „krankepolitik“ geziert werden. „Das war ne’ recht nüchterne Abwägung“, informiert mich Kühn. Das sei eben sein Eindruck von Politik, eine Abwandlung von „krankes System“ und noch ein recht unverbrauchter Begriff. „Das trifft mein Gefühl von Politik, so kann es auf Dauer nicht weitergehen“, erklärt er mir. „Ich will den Wählern eine Protestmöglichkeit geben“, spricht Kühn weiter. In die Nähe der AfD wolle er dabei nicht gestellt werden. „Bei der CDU kann man doch nur Rebell sein, wenn man nichts zu verlieren hat und keine Karriere mehr dort machen möchte“, meint Kühn. Und er? Welches Profil passe zu ihm? „Ich bin ein Rebell“, sagt er und ich stelle mir vor, wie er am Telefon grinst. „Einfach nur Nervensäge wird mir nicht gerecht“, findet Kühn. Er fände es schade, wenn die Leser den Eindruck bekämen, er sei einfach ein Bekloppter, der mal kandidiert. „Ich will wirklich ein Zeichen setzen“, verrät er.
Mein Handyakku meldet sich mit dem Hinweis „Niedriger Batteriestatus“ zu Wort. „Wie weit ist Ihr Pizzateig?“, frage ich. „Ach, der zieht noch“, plaudert Kühn. Wir verabschieden uns. „Guten Appetit gleich“, schiebe ich noch hinterher.

Dann öffne ich Youtube und suche nach Michelle Marschings Video. Ich spule auf Minute 1:30, so wie Kühn es mir geraten hatte. Ich starte das Video und höre Marsching zu, wie er darüber spricht, dass es in der Politik nur noch darum gehe, wie man im kleinen Kreis ausklüngelt, was man dann hinterher entscheidet, und dass das Parlament eine große, teure Bühne sei. „Wäre mal spannend zu sehen, wie Kühn es machen würde“, denke ich mir. Dann klappe ich den PC zu.

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