105 Jahre Arbeiter-Samariter an der Ruhr – das große Jubiläumsinterview

Der Wünschewagen gehört zu den Vorzeigeprojekten des ASB Ruhr. Das Essener Projekt hat Strahlkraft in die gesamte Republik. Beim großen Jubiläumsfest findet daher auch die offizielle Übergabe eines zweiten Fahrzeugs statt, mit dem der ASB Ruhr letzte Wünsche schwererkrankter Menschen erfüllen will. (Foto: Christoph Bubbe)

Dirk Heidenblut: Für die SPD Essen sitzt er im Bundestag. Zuvor leitete er 25 Jahre lang die Geschicke des ASB Ruhr als Geschäftsführer. (Foto: Christoph Bubbe)

Der ASB feiert sein Jubiläum am 1. Juli mit einem großen, öffentlichen Fest auf dem Kennedyplatz. Dazu das INFORMER-Interview mit  jemanden, der ein Vierteljahrhundert der 105 Jahre Arbeiter-Samariter-Bund Ruhr mitprägte: der Bundestagsabgeordnete Dirk Heidenblut.

Von Lars Riedel


Wir lassen es krachen! Mit diesen Worten kündigt der ASB sein großes Sommerfest an. Der Arbeiter-Samariter-Bund Regionalverband Ruhr e. V. feiert am 1. Juli von 10 Uhr bis 18 Uhr auf dem Kennedyplatz gleich einen doppelten Geburtstag. Der ASB Ruhr ist in diesem Jahr 105 Jahre alt geworden. Zudem schaut der Verband auf runde 20 Jahre Kita bei den hiesigen Arbeiter-Samaritern zurück. In der Summe also 125 Jahre.

Alle Bereiche des ASB Ruhr feiern mit und präsentieren sich mit verschiedenen Informationsständen und Aktionen zum Mitmachen. Das Projekt Der Wünschewagen ruft zu einer großen Wunsch-Ballon-Aktion auf, Gas geben heißt es im ASB Ruhr-Bobbycar-Parcours und das Pflege-Team aus Bottrop stellt der Alterssimulationsanzug ‚GERT‘ vor. Das bunte Familienfest für Groß und Klein sowie Jung und Alt wartet mit einem abwechslungsreichen Bühnen- und Tagesprogramm auf. So dürfen sich die Besucher auf die Show der ASB-Rettungshundestaffel, den Auftritt der Tanzgarde ‚Närrische 11‘ und das Konzert der Essener Folk/Pop-Band ABack freuen.

Ein Gast wird sich auf diesen außergewöhnlichen Tag besonders freuen: Dirk Heidenblut. Seit Beginn der laufenden Legislaturperiode sitzt der gebürtige Holsterhauser für die Essener SPD im Berliner Bundestag. Zuvor leitete er ein Vierteljahrhundert lang die Geschicke des ASB Ruhr.

Dirk Heidenblut: „Als ich anfing war der ASB ein sehr kleiner, eigentlich rein ehrenamtlich geführter Verband. Da war die Herausforderung natürlich erst einmal, überhaupt Strukturen zu schaffen.“ (Foto: Christoph Bubbe)

Herr Heidenblut, Sie waren 25 Jahre lang Geschäftsführer des ASB Ruhr, jetzt sind Sie für die SPD Mitglied im Bundestag. Wie verbunden sind Sie persönlich noch mit Ihrem ehemaligen ‚Arbeitgeber‘?

Heidenblut: Wenn man – rechnet man mal meine ehrenamtliche Zeit dazu – mehr als ein Drittel der Jubiläumszeit bei diesem großartigen Verband ist, dann bleibt man ihm immer verbunden. Und ich bin ja als Gesundheitspolitiker zudem irgendwie im Bereich geblieben.

Vermissen Sie dennoch im fernen Berlin manchmal die Arbeit beim ASB Ruhr?

Heidenblut: Ich vermisse vor allen Dingen die Menschen, mit denen ich Jahrzehnte zusammengearbeitet habe. Die engagierten Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen sind die Basis dafür, dass der ASB 105 Jahre und darüber hinaus weiter für die Menschen in Essen aktiv sein wird. Ich bin dankbar, dass ich noch ein ganz klein wenig dazu gehören darf und in der Geschäftsführung für den Bereich Kita-Ausbau, soweit es den ASB betrifft, zuständig bin. Und natürlich: Irgendwie freut es mich auch, wenn ich immer mal wieder um Beratung gebeten werde – oder, dass ich am 01.07. die Veranstaltung eröffnen darf. Besonders froh bin ich aber, dass mit den Geschäftsführerinnen Indra Müller und Annika Schulze Aquack der ASB bestens aufgestellt ist.

Vom kleinen Verband zum unverzichtbaren Bestandteil der Gesellschaft

Ein Vierteljahrhundert als ASB-Geschäftsführer: Wie haben Sie die Aufgaben und die Herausforderungen, die sich dem ASB stellten, in dieser Zeit erlebt?

Heidenblut: Naja, als ich anfing war der ASB ein sehr kleiner, eigentlich rein ehrenamtlich geführter Verband. Da war die Herausforderung natürlich erst einmal, überhaupt Strukturen zu schaffen. Wir haben uns seinerzeit engagiert direkt zwei großen Herausforderungen gestellt: einmal der Ambulantisierung im Bereich Pflege und zum anderen dem aus der Psychiatrie-Enquete hervorgegangenen Umbau der Unterstützung für Menschen mit psychischen Behinderungen. Uns war es wichtig, dass wir die Menschen bei einer selbstbestimmten Lebensführung unterstützen und Alternativen zur stationären Unterbringung bieten können. Das waren damals umwälzende Prozesse, heute ist das glücklicherweise selbstverständlich. Aber das, was kommt, mit der Neuausrichtung durch das Teilhabegesetz und den Anforderungen im Bereich der Pflegeversicherung ist sicher nicht weniger umwälzend.

Gestiegene Flüchtlingszahlen, demographischer Wandel, Altersarmut und eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich – wie stellen sich die Herausforderungen für den ASB heute dar? Sehen Sie Unterschiede zu früher?

Der ASB Ruhr engagiert sich auch in der Flüchtlings­betreuung. So unterstützt z. B. Sozialpädagogin Carolin Lauer in einer ASB-Jugendwohngruppe junge männliche Flüchtlinge auf ihren Weg zur Integration in unsere Gesellschaft. (Foto: Christoph Bubbe)

Heidenblut: Ganz eindeutig gibt es Unterschiede. Gerade im Bereich der demographischen Entwicklung waren die Voraussetzungen damals ganz anders. Wobei sich sowas ja schnell ändern kann. Ich habe erlebt, dass wir zuerst massiv Kitaplätze aufbauen mussten, dann wurde schon fast wieder über einen Rückbau nachgedacht. Und jetzt zeigt sich, es werden mehr und nicht weniger Kinder – also erneut massiver Ausbaubedarf. Der ASB ist hier an vielen Stellen gefragt. Wir haben uns bei der Flüchtlingsunterbringung engagiert beteiligt, arbeiten jetzt in vielfältiger Form bei der Betreuung, der Integration und dem Aufbau eines guten Miteinanders mit. In vielen Bereichen haben sich inzwischen richtigerweise die Standards und die Anforderungen deutlich erhöht. Im Rettungsdienst beispielsweise wird mit dem neuen Berufsbild Notfallsanitäter Veränderung einziehen. Also ja, es gibt schon Unterschiede. Aber eines bleibt gleich: Es hat gerade in unserem Bereich immer, und dies wird wohl auch so bleiben, sehr umfassende Veränderungen und teilweise sehr spontane Handlungsnotwendigkeiten gegeben. Denken Sie etwa an die Zeit kurz vor dem Zusammenwachsen der damals beiden deutschen Staaten – und Organisationen wie der ASB haben da immer schnell und zielgerichtet Antworten gefunden.

Wie würden Sie den Stellenwert des ASB für unsere Gesellschaft beschreiben?

Heidenblut: Einerseits ist natürlich die geleistete Arbeit als solche – ob es dabei um Kindergärten, Jugendeinrichtungen, Wohngemeinsschaften, Pflege oder Rettung geht – unverzichtbarer Bestandteil unseres Sozial- und Gesundheitswesens. Andererseits ist aber gerade auch die Innovation und sozusagen das Finger in die Wunde legen der vielen Ehrenamtlichen unverzichtbar. Sie zeigen, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt geht, dass Mit- und Füreinanderdasein einen wichtigen Stellenwert hat. Der ASB ist da ein wichtiger Partner, wie viele andere Verbände mit ihrer – zum Glück für unsere vielfältige Gesellschaft – ganz unterschiedlichen Ausrichtung. Und um geschichtlich zu bleiben: Wer weiß, wie sich unser Verständnis von beruflichem und privatem Unfallschutz entwickelt hätte, wären nicht 1888 einige Arbeiter und Ärzte auf die Idee gekommen, hier gezielt Selbsthilfe aufzubauen, nämlich den ASB.

Aus Selbsthilfe und Ehrenamt hevorgegangen

Also eine immens wichtige Rolle für unsere Gesellschaft. Aber wie kann der ASB dieser gerecht werden?

Heidenblut: Indem er weiter auf die guten Ideen von Mitgliedern, Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen hört und ist wie bisher bereit, sich den Anforderungen zu stellen. Auch mal, wie bei unseren Projekten SamiKö oder Wünschewagen, etwas Neues wagt und zugleich in der Entwicklung der etablierten Aufgabenbereiche engagiert dabei bleibt. Und wie bei allen Vereinen auch leben wir davon, dass uns weiterhin die rund 11.000 Vereinsmitglieder unterstützen, aktiv und finanziell. Und wenn es noch einige mehr werden, gerne.

[su_box title=“Jubiläumsfeier auf dem Kennedyplatz: Das Programm am 01.07.“]Das bunte Familienfest für Groß und Klein sowie Jung und Alt wird von PR-Experte Martin von Berswordt-Wallrabe moderiert und wartet mit einem abwechslungsreichen Bühnen- und Tagesprogramm auf:

  • Offizielle Grußworte (u. a. von Rudolf Jelinek, 1. Bürgermeister der Stadt Essen und Dr. Georg Scholz, Vorsitzender des ASB NRW e. V.)
  • Auftritt der Tanzgarde ‚Närrische 11‘
  • Show der ASB Ruhr-Rettungshundestaffel
  • Offizielle Einweihung des zweiten Wünschewagens
  • Auftritt des interkulturellen Frauenchors ‚Brücke‘ (musikalische Leitung: Lesley Olson)
  • Preisverleihung Sanicontest 2017 der Stiftung Samariter an der Ruhr in Kooperation mit der Arbeiter-Samariter- Jugend Ruhr
  • Podiumsdiskussion zum Thema Kindertagesstätte
  • Auftritt des ASB Ruhr- Kinder- und Familienzentrums ‚Bärenhöhle‘
  • Tanzaufführung der ASB Ruhr-KiTa ‚Phantasia‘
  • Konzert der Essener Folk/Pop-Band ‚ABack‘

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Sie haben mehrfach das Ehrenamt erwähnt. Im ASB finden sich viele Beispiele für ehrenamtliches Engagement. Welche Bedeutung hat dieses bei den Arbeiter-Samaritern?

Heidenblut: Der ASB ist ja von seiner Gründung her ein aus der Selbsthilfe und dem Ehrenamt hervorgegangener Verein. Bei uns wird Ehrenamt daher groß geschrieben. Ehrenamtliche sind in fast allen Bereichen eingebunden. Der Vorstand ist ausschließlich ehrenamtlich tätig, gleiches gilt für unsere Jugendorganisation, die ASJ. Und wir sind basisdemokratisch organisiert. Alle vier Jahre entscheiden die Mitglieder über die Führung und die wesentliche Ausrichtung des Verbandes. Für uns ist immer wichtig, dass es eine gute Zusammenarbeit von Ehrenamt und Hauptamt gibt.

Das Engagement des ASB kommt auch in Aufgabenfeldern zum Tragen, in denen im wesentlichen Kommune, Land und/oder Bund in der Pflicht sind. Sie selbst sprachen z. B. bereits die Flüchtlingsbetreuung und die Kita-Plätze an. Brauchen wir den ASB auch, weil Politik versagt oder zumindest den anstehenden Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht wird?

Dirk Heidenblut: „Ohne Verbände würde unsere Gesellschaft nicht so funktionieren, wie sie es tut.“ (Foto: Christoph Bubbe)

Heidenblut: Nette Frage an einen Politiker. Ich sage mal: teils, teils. Denn erstmal ist es wichtig und Teil unserer gesellschaftlichen Identität, dass Menschen sich ehrenamtlich engagieren können und wir ihnen dafür auch Möglichkeiten geben. Die persönliche Begegnung, ob im Bereich der Flüchtlingshilfe, beim Vorlesetag in Kitas, in der Jugendbegegnung, aber auch im Hospizbereich, ist für das wechselseitige Verständnis, für das Miteinander ganz wichtig. Dort, wo Ehrenamt nicht als Ersatz für eigentlich nötige hauptamtliche Hilfe zum Einsatz kommt, ist sie keineswegs ein Zeichen von Versäumnissen der Politik. Da aber, wo Ehrenamt entweder selbst keine Unterstützung erfährt, denn auch das ist wichtig, oder am Ende sozusagen Pflichtaufgaben des Staates abfangen muss, da trifft ihre Einschätzung sicher zu. Wir brauchen den ASB und all die Vereine und Verbände ganz ausdrücklich, aber auch die vielen Ehrenamtlichen, die sich einfach so engagieren, weil sonst unsere Gesellschaft nicht so funktionieren würde, wie sie es tut. Weil wir immer auch auf ein soziales, helfendes und wertschätzendes Miteinander angewiesen sind. Übrigens sind Teile der Politik – denken Sie an die vielen Engagierten in Parteien, Bürgerinitiativen, aber auch der Kommunalpolitik – selbst dringend nötiges Ehrenamt. Und dass wir es haben, ist gut so! Dafür sage ich den Ehrenamtlichem im ASB, aber natürlich auch den vielen anderen, Dank.

Zentrales  Rückgrat und  Vorbildcharakter

Das bevorstehende Jubiläum ist auch ein Jubiläum für die Kita im ASB Ruhr. 20 Jahre gibt es nun Kindertagesstätten in der Trägerschaft des ASB. Welche Bedeutung hat dieses Angebot für die frühkindlich Bildung in der Stadt Essen?

Heidenblut: Die Kitas und Familienzentren – nicht nur, aber natürlich auch die des ASB – sind das zentrale Rückgrat der frühkindlichen Bildung. Deshalb ist es gut und richtig, hier zu investieren. Das macht auch der ASB, um den Ausbau zügig voranzubringen. Viele Antworten auf Fragen, die sich um Inklusion, Integration oder gute Bildungschancen ergeben, können und müssen schon hier beantwortet werden. Auch hier macht sich übrigens der Wandel deutlich. Als wir vor 20 Jahren angefangen haben, gab es noch Hortgruppen, jetzt ist das kein Thema mehr, denn wir sind bei der Ganztagsbetreuung in Grundschulen weiter gekommen.

Dirk Heidenblut: „Kitas und Familienzentren sind das zentrale Rückgrat der frühkindlichen Bildung. Deshalb ist es gut und richtig, hier zu investieren.“ (Foto: Christoph Bubbe)

In einem Interview im INFORMER 2013 sprachen Sie davon, dass nicht nur die Kita-Plätze selbst von Bedeutung sind, sondern gerade auch die Qualität der frühkindlichen Bildung und die U3-Betreuung. Wie ist es da um die Kitas des ASB bestellt?

Heidenblut: Wir bieten in unseren beiden Einrichtungen frühkindliche Bildung auf dem neuesten Stand an und haben auch überall den U3 Bereich selbstverständlich integriert. Inzwischen stehen zudem deutlich mehr Mittel – etwa für Sprachförderung oder Kitas mit besonderen Anforderungen – zur Verfügung. Außerdem hilft die lebensweltorientierte Präventionsarbeit auch im Gesundheitsbereich in Kitas voranzukommen. Aber hier muss ich jetzt mal die Politikfrage stellen. Denn die Qualität in den Einrichtungen ist ganz entscheidend von guter Finanzierung abhängig. Da war das unter der letzten CDU/FDP Regierung eingeführte Kinderbildungsgesetz ein Desaster. Jetzt waren wir auf dem Weg der Besserung und hin zu einer kompletten Revision. Ich kann nur hoffen, dass das nicht wieder ins Gegenteil verkehrt wird. Über die Frage der Qualität sollten wir uns also in zwei Jahren nochmal unterhalten, dann wird das klarer sein. Am ASB und, ich bin mir sicher, an den engagierten anderen Verbänden wird das nicht liegen.

Sie selbst sind Essener durch und durch. Wie fühlt es sich für Sie an, wenn ein Projekt wie der Wünschewagen des ASB Ruhr von Essen aus zum bundesweiten Vorbild für andere Verbände wird?

Heidenblut: Das ist wirklich ein ganz großartiges Projekt. Und am 01.07. – sicher ein weiterer Grund, auf jeden Fall zu unserem Fest auf dem Kennedyplatz zu kommen – nehmen wir offiziell den zweiten Wagen in Essen in Betrieb. Von hier aus wird ganz NRW betreut. Mit Hilfe der Fahrzeuge, die der ASB Dank vieler Förderer beschafft hat und unterhält, und mit dem großen Einsatz von einer riesigen Zahl Ehrenamtlicher können Menschen, die leider nicht mehr lange zu leben haben, letzte Wünsche wagen. Die Zusammenarbeit mit den Hospizen ist hier besonders wichtig und richtig gut. Dass dieses von unseren Mitgliedern erdachte und in die Tat umgesetzte Projekt, von unserem Bundesverband aufgegriffen und bundesweit etabliert wurde, das macht mich natürlich stolz. So können jetzt Menschen in Bayern oder Brandenburg davon genauso profitieren wie in NRW. Klasse! Wer sich davon und vom gesamten ASB ein Bild machen möchte ist am 01.07. ab 10.00 Uhr herzlich auf den Kennedyplatz eingeladen.

Ein schöner Schlussappell. Herr Heidenblut, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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