Fahrverbote und Dieselgate – Interview mit Auto-Experte Dr. Reintges

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat mit seinem Urteil den Weg für Diesel-Fahrverbote in der Hauptstadt Baden-Württembergs frei gemacht. Doch auch in anderen Großstädten hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) eine ähnliche Klage wie in Stuttgart eingereicht – darunter Essen. Hinzu kommt der Diesel-Skandal, bei dem namhafte deutsche Automobilhersteller eine Schummel-Software einsetzten, um die Werte ihrer Dieselfahrzeuge zu beschönigen und so die gesetzlichen Grenzwerte einzuhalten. Der Diesel-Skandal ist das Aufreger-Thema in der Automobilbranche dieses Sommers. Verbraucher, allen voran Halter von Dieselfahrzeugen, sind verunsichert. Wir sprachen mit Dr. Klaus-Peter Reintges, Inhaber des gleichnamigen Autohauses in Essen.

Für die Deutsche Umwelthilfe ist das Stuttgarter Urteil richtungsweisend und gleichzeitig nur der Anfang. Diesel-Fahrverbote werden gerade auch im Ballungsraum Ruhrgebiet heiß diskutiert. Herr Dr. Reintges, spüren Sie davon schon etwas beim Absatz Ihrer Dieselfahrzeuge?

Dr. Reintges: Es ist ganz klar ein Trend zu erkennen, dass Privatkunden mittlerweile Benziner bevorzugen. Bei Firmenkunden mit hohen Pkw-Laufleistungen und bei Nutzfahrzeugen ist die Nachfrage nach Dieseln weiter stabil. Aufgrund des deutlich geringeren Verbrauchs von Dieseln ist ein Benziner für die gewerblichen Käufer oft keine Alternative. Desweiteren nutzen viele Diesel-Käufer jetzt verstärkt Leasing, da das Restwertrisiko am Ende der Laufzeit von der Leasinggesellschaft getragen wird.

Und umgekehrt? Was kommt auf diejenigen zu, die nun aufgrund der befürchteten Fahrverbote ihren Diesel gerne verkaufen möchten?

Dr. Reintges: Hier muss man unterscheiden. Fangen wir an mit den ältesten Dieseln der Klasse Euro 1, 2 und 3. Diese sind am unsaubersten und somit am stärksten von Fahrverboten bedroht. Die Autoindustrie hat sich auf dem ‚Diesel-Gipfel‘ in Berlin verpflichtet, attraktive Verschrottungsprogramme für diese Fahrzeuge bei Neukauf aufzulegen. So zahlt etwa Ford bis zu 8.000 Euro Umweltprämie. Der Haken an der Sache ist, dass sich viele keinen Neuwagen kaufen wollen oder können. Hier muss einen Lösung gefunden werden, dass die jetzigen Umstände nicht zu Lasten der Autofahrer mit dem kleinsten Budget gehen.

Gebrauchtwagen mit der neueren Euro 5 und Euro 6 Norm erfüllen zwar die gesetzlichen Vorgaben – gegebenfalls bei einigen Herstellern nach einem Software Update. Dennoch können diese heute nur mit Preisabschlägen um die 20 Prozent in Zahlung gegeben werden. Bei einem Verkaufspreis von 15.000 Euro sind das immerhin 3.000 Euro Verlust . Ich hoffe, dass diese Fahrzeuge notfalls mit einer zusätzlichen Abgas-Reinigungsanlage ausgestattet werden können, um so Fahrverbote in Städten zu vermeiden. Ich habe von Angeboten der Zulieferindustrie gehört, dass mit einem Investment von ca. 1.500 Euro bis zu 90% der Abgase gereinigt werden könnten. Dieses würde den Wertverlust in meinem Beispiel bei weitem ausgleichen.

Worüber sich allerdings bisher kaum einer Gedanken gemacht hat sind die Diesel-Pkw der Euro 4 Norm. Hier ist der Gebrauchtwagenmarkt weitgehenst zusammengebrochen. Auch mit Abschlägen sind diese Fahrzeuge fast unverkäuflich. Ich hoffe, dass auch hier eine Nachrüstung möglich sein wird.

Für denjenigen, der sich nun über einen Verkauf seines Fahrzeugs Gedanken macht: Wo finde ich denn die Angabe der Euro-Norm für mein Fahrzeug?

Dr. Reintges: Diese Angabe steht im Kraftfahrzeugschein.

Sie selbst sind Ford-Vertragshändler – eine Marke, die betont, nicht mittels Schummel-Software Werte beschönigt zu haben. Also müssen Ihre Kunden nicht mit ihrem Diesel zurück in die Werkstatt?

Dr. Reintges: Ja, das ist die gute Nachricht. Kein Fahrzeug der Ford Werke muss mit einem Software-Update nachgebessert werden.

Dennoch bleibt beim Autofahrer nach diesem Skandal ein bitterer Beigeschmack, der sicherlich erst zweitrangig nur auf die involvierten Automobilhersteller zurückfällt. Wie sehen Sie das?

Dr. Reintges: Es ist richtig, dass sowohl die Autoindustrie als auch die Politik durch den Diesel-Skandal in keinem guten Licht dastehen. Allerdings wird in der oft sehr emotional geführten Debatte vergessen, wie komplex das Thema ist. Es geht zwar zum einen um das berechtigte Bedürfnis der Menschen nach sauberer Luft in den Städten, zum anderen aber auch um die Zukunft der Automobilindustrie in Deutschland. An diesem Wirtschaftszweig hängen viele hochwertige Arbeitsplätze und die Automobilproduktion ist heute auch ein Garant für unseren Wohlstand. Von daher sind kreative und pragmatische Lösungen gefordert, die alle Seiten berücksichtigen.

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