Vernetzen:
Mittwoch, 23. August 2017
StartseitePolitikFlughafen Essen/Mülheim – WDL-Chef Frank Peylo: „Besser ein Luftschiff als Luftschlösser.“

Flughafen Essen/Mülheim – WDL-Chef Frank Peylo: „Besser ein Luftschiff als Luftschlösser.“

Der Ausstieg aus dem Betrieb des Flughafens Essen/Mülheim scheint für die beiden Städte beschlossene Sache zu sein. Doch was kommt danach? Der WDL-Geschäftsführer Frank Peylo kritisiert, dass Politik und Verwaltung den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Die Möglichkeiten für eine wie auch immer geartete Nachnutzung seien noch gar nicht sondiert, die Hürden durch Altlasten und Unweltschutz zu hoch für Schnellschüsse bis 2024. Das Flughafen-Areal könnte zu einem gigantischen weißen Fleck auf der Landkarte werden. Warum also nicht bis 2034 weiterfliegen?

Am Flughafen Essen/Mülheim lebt er noch:

Der Traum vom Weiterfliegen

VON LARS RIEDEL / FOTOS: CHRISTOPH BUBBE

Zankapfel zwischen den ansässigen Unternehmen und den beiden Gesellschaftern Stadt Essen und Stadt Mülheim. Spielball der Politik. Ärgernis für eine Handvoll Bürger und Arbeitgeber für etwa 200 Mitarbeiter. Die Rede ist vom Flughafen Essen/Mülheim.

Sechs Unternehmen aus der Luftfahrtbranche, drei Vereine und eine Arbeitsgemeinschaft haben ihren Sitz am hiesigen Flugplatz. Doch nach 2024, spätestens ab 2034 soll Schluss sein mit der Fliegerei – und damit auch mit dem Wirtschaftsfaktor Flughafen, den daran gekoppelten Jobs und der Flugschule, die seit ihrer Gründung über 6.000 Verkehrspiloten ausgebildet hat. In ganz Deutschland einmalig.

Das Land NRW ist als Gesellschafter bereits aus dem Flughafenbetrieb ausgestiegen. Seine Anteile im Wert von 65.000 verkaufte Nordrhein-Westfalen für einen symbolischen Euro an die Kommunen Mülheim und Essen. Doch auch die beiden Städte wollen keineswegs an den interkommunalen Flugbetrieb festhalten. Im Gegenteil. Die Geschäfte laufen defizitär, der Ausstieg der beiden städtischen Gesellschafter ist durch Ratsbeschlüsse längst beschlossene Sache. Einzig die bestehenden Pachtverträge mit den Firmen und Vereinen am Flughafen binden die Städte noch an die Fortführung des Flugbetriebs. Man möchte aussteigen, die Reißleine ziehen. Je schneller, desto besser – so scheint es.

Doch wenn der Flughafen schließt, was kommt dann? Darüber sind sich die Kommunen längst nicht einig. Ja nicht einmal die verschiedenen Ratsfraktionen innerhalb der beiden Städte. „Politik und Verwaltung machen – wie so häufig – den zweiten Schritt vor dem ersten“, sagt Frank Peylo. Trotz der unsicheren Zukunft für den Flughafen hat Peylo zum 1. Juli die Geschäftsführung der WDL übernommen, jenem Unternehmen, das den meisten Essenern und Mülheimern vor allem durch das Luftschiff bekannt ist. „Wir fordern den Dialog ein, krempeln die Ärmel hoch und kämpfen für diesen Standort.“

„Bis sich am Flughafen was tut, vergehen Jahrzehnte!“

WDL-Geschäftsführer Frank Peylo kritisiert den schnellen Ausstieg aus dem Flughafen-Geschäft: Die Verantwortlichen haben sich nicht ausreichend Gedanken über Folgen, Möglich- und Schwierigkeiten einer Nachnutzung gemacht.

Herr Peylo, Sie sind seit kurzem Geschäftsführer der WDL. Bei der aktuellen Debatte um den Fortbestand des Flughafens Essen/Mülheim, haben Sie sich da nicht schon von Beginn an für einen verlorenen Posten entschieden?

Peylo: Ich bin jetzt seit ungefähr drei Jahren – zunächst nebenberuflich, dann letztendlich hauptberuflich – nicht nur für die WDL, sondern mit der Arbeitsgemeinschaft ‚Wir sind Flughafen‘ für alle Anlieger des Flughafens tätig. Das aber gerade mit dem Ziel, am Flughafen Essen/Mülheim etwas zu bewegen und die Öffentlichkeit zu informieren, was hier überhaupt passiert.

Flugbetrieb würde ich mal vermuten.

Peylo (lacht): Ganz verallgemeinert haben Sie natürlich recht. Man hat aber immer noch den Eindruck, wenn man die Zeitungen aufschlägt, es wird viel über Hobby- und Spaßfliegerei gesprochen und nur wenig über die Dinge, die hier am Flughafen tatsächlich ausgeübt werden.

Aber was spielt sich denn wirklich alles am Flieger-Standort Essen/Mülheim ab? Und vor allem: Wie lange noch, Ihrer Einschätzung nach?

Peylo: Am Flughafen Essen/Mülheim sind neben vier Vereinen auch sechs Unternehmen aus der Luftfahrtbranche tätig. Hier arbeiten ca. 200 Menschen – teilweise in dritter Generation. Und der Flughafen ist Standort für die Ausbildung der meisten Verkehrspiloten deutschlandweit.
Wenn Sie mich nach meiner Einschätzung fragen, wie lange die Unternehmen und Vereine hier noch tätig sein werden, muss ich erst einmal klar sagen: Unser Pachtvertrag, also der der WDL, läuft noch bis 2024. Der des Aero Clubs sogar bis 2034. Einen Antrag mit der Bitte um Verlängerung zu stellen, würde allerdings zum jetzigen Zeitpunkt ins Leere laufen. Die politischen Mehrheiten in den Städten Mülheim und Essen sind nicht da. Zurzeit wird ein Masterplan vorbereitet, der entscheidet, was passiert nach 2024. Geht man vorzeitig aus dem Flugbetrieb? Versucht man, den Aero Club mit Geld und guten Worten zu überreden, aufzugeben? Oder sagt man von vornherein, wir fliegen bis 2034 weiter und gehen geordnet in einen Übergang der Nachnutzung des Areals? Das sollen nun Workshops der beiden Städte Essen und Mülheim herausfinden.

Und diese Workshops bringen dann Klarheit?

Peylo: Ganz ehrlich? Ich bin der Meinung, dass Politik und Verwaltung – wie so häufig – den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Die Lage ist gar nicht sondiert. Was ist hier oben überhaupt möglich? Ja, auch das sollen die Workshops jetzt klären. Aber gleichzeitig gibt es Ratsbeschlüsse, die sagen, das Fliegen soll ab 2024 eingestellt werden. Und – wenn möglich – soll der Aero Club eine Grasbahn zur Verfügung gestellt bekommen, auf der er seinem Sport weiter nachgehen kann. Wobei der Aero Club auch eine Motorsportabteilung hat, für die eine Grasbahn nicht ausreicht.

Wer nimmt denn eigentlich an diesen Workshops teil?

Peylo: Die beiden Städte. Personen aus Politik und Verwaltung sind involviert. Wir als Anlieger wären natürlich dankbar, wenn man uns in diese Gespräche vielleicht ein Stück weit miteinbeziehen würde. Aber das ist derzeit nicht angedacht.

Bestimmt wegen Ihrer Befangenheit als Anlieger in dieser Thematik.

Peylo: Sicherlich haben wir eigene Interessen. Aber die Unternehmen, die am Flughafen ansässig sind, sind hier seit Jahrzehnten beheimatet. Sie wissen, was am Flughafen passiert. Und sie wissen, was ist hier überhaupt machbar und was nicht.

Dann frage ich Sie: Was ist denn machbar?

Peylo: Ich glaube, in den letzten zwei Jahren ist selbst jedem Politiker klar geworden, dass die Nachnutzung dieses Areals nicht gänzlich geplant werden kann. Es gibt Bereiche, in denen der Umweltschutz eine Rolle spielt. Es gibt Bereiche, in denen Altlasten eine große Rolle spielen. Man weiß gar nicht, was unter diesem Gelände alles schlummert. Es gab Begehungen durch Landschaftsverbände und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Dabei wurde festgestellt, dass hier schützenswerte Flora und Fauna vorkommen. Aber auch die Altlastenproblematik. Im Krieg war das Areal eine stark bombardierte Fläche. Nach dem Krieg wurden die Bombentrichter einfach zugekippt und Altöl oder andere Dinge gleich mitverklappt. Das wurde damals halt so gemacht. Deshalb sage ich: Das sind so viele Unwägbarkeiten, dass die Politik mit der Debatte um die Nachnutzung gerade den zweiten vor dem ersten Schritt macht. Allein schon die Folgekosten einer neuen Nutzung sind überhaupt nicht absehbar. Wer garantiert eigentlich den Städten Essen und Mülheim, dass die wie auch immer geartete Nachnutzung ein Geschäft wird? Und sie muss ein Geschäft werden. Sonst bräuchte man diese Nachnutzung überhaupt gar nicht erst anzustoßen.

Klingt einleuchtend, beantwortet aber nicht meine Frage. Welche Zukunft für das Flughafen-Areal wäre für Sie gangbar?

Peylo: Was wir als Anlieger uns vorstellen können, wäre sicherlich ein Szenario, in dem man sagt, 2034 ist wahrscheinlich Schluss mit dem Flugbetrieb. Keine Frage, wir würden gerne darüber hinaus noch fliegen, aber das muss eben ein Masterplan unter Bürgerbeteiligung und Berücksichtigung der Anlieger ergeben. Dieser müsste abschließend klären, was gewollt und machbar ist und auch das sich beide Städte über diese Nachnutzung einig sind. Dafür sollte man sich bis 2034 Zeit nehmen. Das Ziel 2024 ist utopisch. Was will ich denn in sechseinhalb Jahren erarbeitet haben? In dieser Zeit habe ich für das Flughafenareal nicht einmal einen Bauantrag gestellt. Und dann ist das Gelände einfach nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Erst einmal muss der Flughafen entwidmet werden. Das ist auch nicht so ganz ohne weiteres möglich. Zudem ist es heute leicht, mit demokratischen Mitteln etwas zu blockieren. So wird es auch gegen etwaige Nachnutzungspläne Einsprüche geben. Nein, bis hier ein Stein auf den anderen gesetzt wird, vergehen 20 Jahre. Das muss man einfach realistisch sehen.

Also lieber weiter wie bisher?

Peylo: Aufgrund von zunehmenden Verkehr und den verkehrstechnischen Gegebenheiten, wird man in einigen Jahren dankbar für jeden Flughafen sein. Ob es die Polizei ist oder die medizinischen Flüge sind – dazu ist Mobilität notwendig. Und diese wird in den verstopften Straßen immer schwieriger zu gewährleisten.

Aber der Otto-Normal-Bürger wird ja nicht mit dem Privatjet zur Arbeit fliegen.

Peylo: Jeder einzelne Bürger sicherlich nicht. Aber der Flughafen Essen/Mülheim hat sehr viele Ambulanzflüge. Die Nieren, die im Klinikum transplantiert werden und Leben retten, kommen hier an. Die Einsatzhundertschaften der Polizei für Risiko-Fußballspiele oder Großdemonstrationen landen auf unserem Flughafen und werden von hieraus mit Bussen weiterverteilt. Der Platz hat also auch eine zentrale Bedeutung für die Sicherheit der Bürger.

Womit es aber nicht weitergehen kann wie bisher ist das Defizit der Flughafengesellschaft und damit die Bezuschussung durch die Kommunen. Stimmen Sie dem zu?

Peylo: Es gibt kaum von Kommunen oder Land geführte Betriebe, die überhaupt Gewinne machen. Ein Unternehmer würde diesen Platz anders führen. Das muss man ganz klar sagen. Ein Unternehmer würde rausschauen und sehen: Da draußen stehen 30 Flugzeuge ohne Halle, denen baue ich ganz schnell eine Garage. Er würde sicherlich auch die Personalstrukturen analysieren. Wir haben in Essen/Mülheim sehr hohe Personalkosten im Vergleich zu anderen Flughäfen. Da müsste man mal kritisch draufschauen. Wie gesagt: Ein Unternehmer würde diesen Platz anders führen. Das ist aber nicht gewollt. Wir, die Unternehmen am Flughafen, haben beim Ausstieg des Landes NRW vorgeschlagen, den Anteil des Landes zu übernehmen. Damit hätten wir mehr Einfluss nehmen können – auch auf die Wirtschaftlichkeit des Flughafens. Dies ist aber offenbar nicht gewünscht von den Kommunen. Gut, dann muss die Kontrolle und der Einfluss, den Essen und Mülheim ausüben, den beiden Städten auch was wert sein. Auf jeden Fall können sie nicht als Gesellschafter für ihre Argumentation sich ständig das Defizit zunutze machen.

Umgekehrt: Was fordern Sie stattdessen?

Peylo: Den Dialog. Wir fordern den Dialog ein, krempeln die Ärmel hoch und kämpfen für diesen Standort. Wir fordern aber nicht nur den Bestand des Flughafens, wir sind im Gegenzug auch bereit, das wirtschaftliche Risiko zu tragen. Nur für all das sind die politischen Mehrheiten nicht da. Durch ihre Ausstiegsbeschlüsse haben sich Mülheim und Essen selbst Druck gemacht. Die Politik muss sich nun dezidiert mit dem Thema auseinandersetzen – und tut dies zum Glück auch. Allen voran die beiden Oberbürgermeister. Sämtliche Fraktionen haben auch schon das Gespräch mit uns gesucht und sind unseren Einladungen, an den Flughafen zu kommen, gefolgt. Alle, bis auf die Grünen. Es gibt immer noch den Traum vom Fliegen – nur für die Grünen ist es ein Albtraum.

Bleibt zu hoffen, dass eine Lösung gefunden wird, mit der alle gut schlafen können. Herr Peylo, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

print

Kommentare