„Und raus bist du!“

Bild: Der Weg zum Kreißsaal in der 7.ten Etage des Alfried-Krupp-Krankenhauses

von Sümeyye Algan

18 Uhr „Kreißsaalbesichtigung“. Steht im Kalender. Dick eingekreist. Es ist das erste Mal, dass ich mit einem festen Termin diesen Ort aufsuche. Die drei Male vorher wusste selbst ich nicht, wann ich in den „Genuss“ kommen werde. Und nun sollte ich mich ein viertes Mal hier inmitten hormongesteuerter Mütter und Väter einreihen.

Der Termin stand fest. Am Haupteingang des Essener Alfried-Krupp-Krankenhauses angekommen, sah ich schon im Wartebereich auf Bäuche abgelegte Hände vor einer dunkelbraun vertäfelten Wand sitzen und wusste, hier bin ich richtig. 

Minuten später marschierte eine in schwarz gekleidete, mit drei Oktaven zu hohe, fröhlich tanzende Frau in die Halle. Neben ihr eine im Arztkittel und hellblauen Turnschuhen elegante Frau, für jedermann ersichtlich eine Ärztin, und begrüßte die aufstehenden Pärchen.

„Bitte folgen Sie mir zur Treppe. Wer dazu nicht in der Lage ist, um die Ecke sind die Aufzüge. Einfach eine Etage tiefer drücken. Wir treffen uns dann unten.“ Sie habe schon mal eine Gruppe Schwangerer verloren, weil „sie nicht so schnell unterwegs sind, wie eben die anderen“ erzählt sie auf dem Weg zum Berthold-Beitz-Hörsaal.

Da saßen wir nun, 16 neugierige Paare und ich, neben den Männern als einzige ohne Baby im Bauch. „Die Deutschen sind wieder in Fortpflanzungslaune“ erzählte Wenke Phillip, leitende Hebamme.
Im Schnitt gäbe es am Tag 3 Babys. Mit einer Punktlandung von exakt 1000 Babys konnte die Klinik am 31.12. 2016 ihre Geburtszahlen bekannt geben.

Neben 16 Hebammen, 16 Beleghebammen, 6 Assistenzärztinnen, 2 Oberärztinnen, einer Chefärztin sind im Team noch zwei männliche „Quotenärzte“. Das läge aber an den Frauen, die sich immer mehr von Frauen behandeln lassen möchten, so Iris Fingerhut, Oberärztin.

Entbinden kann hier jede Frau ab der 36.ten Schwangerschaftswoche, denn im Alfried-Krupp- Krankenhaus gibt es keine Kinderstation. Allerdings bestehen Kooperationen mit anderen Kliniken aus Essen, wie die Uniklinik und das Elizabeth- Krankenhaus.

„Gerade die ersten Babys lassen sich aber sehr viel Zeit, bevor sie rauskommen. Der Tag ihres errechneten Geburtstermins wird der langweiligste Tag ihres Lebens. Sie können da noch Möbel liefern oder Handwerker kommen lassen“, versucht Hebamme Wencke Phillip den werdenden Müttern die Sorge zu nehmen. Es kann ja immer mal passieren, dass ein Kind es doch mal eilig hat, was „aber wirklich sehr selten vorkommt“.

Ich grinse innerlich. Meine errechneten Termine waren jedes Mal bereits die Tage der Zweisam- Dreisam- oder Viersamkeit. Aber das muss in diesem Raum niemand erfahren.

Die Kreißsäle seien alle unterschiedlich ausgestattet „Je nachdem was das Herz begehrt, von Sprossenwand bis Pezi Bälle, Geburtenwanne und Gebärhocker.“ Die Männer schauen neugierig, den Frauen ist die Freude weniger anzusehen.
„Es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich unter der Geburt auszutoben und mobil zu bleiben. Es geht uns darum, die Frauen aus dem Bett rauszuholen und die Position einzunehmen, wo man am besten mitschieben kann“, erklärt Phillipp fröhlich weiter. „Wir entbinden am liebsten die Babys im Stehen und garantieren Ihnen, wir fangen jedes Baby auf.“

Die Wassergeburten seien leider etwas zurückgegangen aber „wir wollen keine Frau zwingen einmal dieses wunderbare Erlebnis zu erfahren. Wir können unter Wasser und an Land alles möglich machen.“
Einziges Manko sei die fehlende Kompatibilität einer PDA mit der Wahl der Wanne. „Der Katheter darf leider aus hygienischen Gründen nicht nass werden. Aber ansonsten heißt es Wasser Marsch.“

Nach einem kurzen Ausflug in die Möglichkeiten der Esoterik und Schulmedizin in Bezug auf Schmerzlinderung fällt das Stichwort, dass die leicht ermüdete Runde wieder zum Leben erweckt. Lachgas.

„Wir hatten unsere schönste Teamfortbildung und konnten das Lachgas auf Herz und Nieren selbst prüfen“, lacht Wenke Phillip. „Übrigens: bei mir bekommen die Männer immer die ersten Züge als erste, vor allem die Aufgeregten, leicht Aggressiven, die meditierend ihre Runden im Kreissaal drehen, bevor sie auf dem Männerstuhl Platz nehmen dürfen.“

Und das alles ohne Hangover.

Aber noch nicht genug. Das nächste Highlight wird direkt hinterhergeschossen. Die Walking PDA. Nein, hier wandeln keine Zombies durch die Gänge des Krankenhauses aber laut Wenke Philipp liegt die Rate der nach PDA fragenden Frauen bei über 40% und „die Walking PDA bedeutet größtmögliche Bewegungsfreiheit. „Wenn ich allerdings schon Härchen sehen kann, dann muss ich die böse Hebamme sein. Dann ist es für eine PDA leider doch zu spät.“

Entbindende Eltern dürfen sich auf zu Ende pulsierende Nabelschnüre, ungestörtes Bonding, ein Oxytozin gesteuertes Team und besonders auf eine Dammschnittrate von gerade mal 2 Prozent freuen. Und alleine liegen ist auch nicht mehr. Es gibt im Alfried-Krupp keine Kinderzimmer, „die Kinder liegen alle schön bei ihren Mamis im Zimmer“, so Hebamme Phillip. Wer dann doch gerne den Partner oder Partnerin zur Unterstützung bei sich haben möchte, kann sich für 50 Euro pro Nacht in ein Familienzimmer einquartieren. Die spartanisch eingerichteten Kreißsäle, das Baustellenfeeling auf der siebten Etage, die sterilen aber sehr modernen Zweibett-Wöchnerinnenzimmer mit Frühstücks- und Abendbuffett inlusive.

Was für Aussichten.

Nach neunzig Minuten ist das Abenteuer Kreißsaal, jedenfalls für mich, vorbei. „Wir freuen uns, wenn wir Sie bald hier wiedersehen können, aber nicht alle bitte, sonst sind es für unser diesjähriges Ziel dann doch zu viele“, verabschiedet sich Oberärztin Iris Fingerhut mit einem Zwinkern.

Die Klinik möchte zum Ende des Jahres 2017 genau 1011 Geburten erreichen.

 

 

 

 

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