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Mittwoch, 13. December 2017
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Trumps neue alte Strategie

Der Frieden in Afghanistan ist militärisch nicht zu gewinnen

Der massive Ausbau der Hochsicherheitszone in Kabul zeigt, wie gefährlich das Leben in der afghanischen Hauptstadt ist. Nach dem Muster der „Green Zone“ in Bagdad werden gerade auf einem Areal von fünf Quadratkilometern mit Stacheldraht bewehrte Stahlbetonmauern hochgezogen, die Schutz gegen  Sprengstoffanschläge und Bomben der radikalislamischen Taliban bieten. Die Festung Kabul schützt sich künftig mit 27 zusätzlichen „Check Points“, mit Überwachungskameras und Zugängen mit biometrischer Identifizierung  sowie Sprengstoffscannern. Daneben erwägt die Regierung als Reaktion auf die anhaltende Bedrohung durch die Aufständischen eine 20 000 Mann starke Truppe aus bewaffneten Zivilisten.

Mehr Soldaten, mehr militärische Ausbildung der afghanischen Streitkräfte, mehr Anti-Terrorkrieg – von einer  friedlichen Lösung am Hindukusch spricht derzeit niemand. Der militärischen Logik folgt auch Präsident Donald Trump mit seiner Ankündigung, die amerikanischen Spezialkräfte in Afghanistan um mindestens 4 000 Mann zu verstärken. Hatte Trump noch vor seiner Wahl mit dem kompletten Rückzug der Amerikaner gedroht („Unsere Soldaten werden von Afghanen getötet, und wir verschwenden dort Milliarden“), so haben ihm seine Generäle wohl vor Augen geführt, dass die Taliban das geschundene Land wie schon 1996 bis 2001 in ein steinzeitliches Terror-Kalifat verwandeln würden, wenn sich die ausländischen Soldaten aus dem Staube machten.

Dennoch ist Trumps über Monate angekündigte „neue“ Strategie nicht nur die alte, sie ist auch falsch. Seine windige Parole: „Wir betreiben keinen Staatsaufbau, wir töten Terroristen“ wird den Krieg in Afghanistan eher befeuern als eindämmen. Aber im strategischen Denken der amerikanischen Militärs fehlen offensichtlich die Alternativen zu einer rein militärischen Lösung. Gewiss, dem Terror  muss auch militärisch und polizeilich begegnet werden, solange die afghanischen Sicherheitskräfte den erstarkten Taliban nicht Paroli bieten können. Doch wirkungsvoller wären die Anschläge der  Aufständischen mit starken staatlichen Institutionen und einer handlungsfähigen Regierung in Kabul zu bekämpfen. Ohne politische und gesellschaftliche Ansätze zum Aufbau der Zivilgesellschaft drohen die in Afghanistan üblichen Ränkespiele der Warlords um Macht und Einfluss, droht auch die grassierende Korruption das Land weiter zu schwächen. Überdies wäre eine Art Marshallplan, der die Wirtschaft auf Touren brächte und Jobs schaffte, kostengünstiger als der Luft- und  Drohnenkrieg.

Da die Medien nahezu ausschließlich Afghanistan mit dem hohen Blutzoll der Anschläge dort in Verbindung bringen, sind hier zu Lande die offenkundigen Erfolge etwa in der Bildung, bei der Alphabetisierung, der medizinischen Versorgung oder der Kampf gegen die Armut nahezu unbekannt. In den Städten entwickelt sich eine viel versprechende Zivilgesellschaft und Medienlandschaft. Gleichwohl gibt die verschlechterte Sicherheitslage in Kabul und in vielen Provinzen allen Anlass zur Sorge. Deshalb bleiben die Fortschritte fragil.

Am Ende dieses sinnlosen, 40 Jahre alten Bürgerkrieges wird der Kompromiss mit den Taliban gefunden werden müssen. Nur die Afghanen selbst können – assistiert von China, Russland oder Iran – den Prozess am Verhandlungstisch steuern. Denn militärisch ist der Frieden nicht zu erzwingen. Aber das ist eine Binsenweisheit, die sogar amerikanischen Generälen über die Lippen geht.

18.09.2017

 

 

 

 

 

 

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