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Samstag, 18. November 2017
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Ein Mann für alle Fälle

Überall taucht sein Name auf. Das KaBü hat sich zu einem der beliebtesten Co-Working Cafés für Essener Insider entpuppt. Doch wer ist eigentlich Igor Albanese und was genau bewegt ihn so sehr, dass er vielen Menschen ein Begriff ist? Unsere Kollegin Sümeyye Algan wollte es etwas genauer wissen, und hat ihn in seinem Büro zwischen Espressomaschine, selbstgebackenen Kuchen und exklusiven Designermöbeln besucht.

Ich betrete das KaBü. Es ist Donnerstagnachmittag. Igor Albanese wartet bereits zwischen seinen Gästen sitzend hinter seinem Laptop. Als er mich sieht klappt er seinen Rechner runter, begrüßt mich mit offenen Armen, und wie es sich für einen charmanten Südländer gehört, mit Wangenkuss und Kompliment.

Igor Albanese bei einem seiner Auftritte im Jahr 1979

Igor kommt 1988 nach Deutschland, genauer gesagt nach Bottrop, nachdem er 1986 seine Frau in Salbach beim Skifahren kennenlernt und sie heiratet. Damals ist er Musiker mit Herz und Seele, dann hört er damit auf. „Es war wie Prostitution, wir haben jeden Tag 7 Stunden gespielt, viel gecovert, es war keine Musik mehr, die ich so machen wollte.“ Am Ende habe er seine teure Bassgitarre gegen `etwas anderes´ eingetauscht. „Ich wollte einfach diese Zeit vergessen. In die Bilder habe ich erst zehn Jahre später reingeschaut.“ Mit seiner Musik und der Band hat er nicht wieder angefangen.

„Bei uns in Istrien sitzen nur Touristen in der Sonne.“ 

Wir sitzen in der Sonne vor dem KaBü. Er ist heute alleine im Laden, den er mit seinem Kollegen Julian Kühn seit etwa zwei Jahren erfolgreich führt. Gäste kommen rein und raus, fast jeder kennt ihn hier. Mehrere Male wird er im Laufe unseres Gesprächs den Tisch verlassen, um seinen Gästen Kaffee und andere Leckereien hinter dem Tresen anzubieten.

Doch jetzt stört ihn erstmal nur die Sonne. „Ich mag die Sonne nur aus dem Schatten“, sagt er mit einem zwinkernden Blick in meine Richtung. „Bei uns in Istrien sitzen nur Touristen in der Sonne.“

„Bei uns“, das ist Pula, der südliche Zipfel der Halbinsel Istriens in Kroatien. Dort ist Igor Albanese geboren und aufgewachsen. Unter seinem Namen, auf seiner Internetseite, stehen viele verschiedene Berufsbezeichnungen, wie beispielsweise Mediator, Trüffelnase, Coach, Kulturschaffender und Musiker. Ich will wissen, was von all dem in seinem Leben besonders im Mittelpunkt steht. „Alles“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Eigentlich mache ich sehr vieles auf einmal. Zum Beispiel schreibe ich seit Jahren an meinem Buch `Die Kunst des Verzettelns´.“ Er lacht zurückhaltend. „Ja, denn verzetteln kann ich mich gut. Vielleicht ist das auch eine Gabe, dass ich viele Dinge gleichzeitig machen kann aber ich glaube, wenn ich nur eine Sache machen würde, wäre das Erfolgreicher.“

Albanese ist Veranstalter für Musikevents. Über dreiundzwanzig Jahre führt er das Restaurant Leonardo in der Nähe des Landgerichts. Heute hat er auch der Gastronomie den Rücken gekehrt. Jetzt ist das KaBü sein Büro. Zwischendurch bedient er die Espressomaschine und schäumt die Milch auf. „Ich bin Mediator, verkaufe Trüffel und Olivenöle an den Großhandel, bin sehr oft auf Messen, habe meine Musikagentur, wenn ich betrunken bin, dann singe ich russische Lieder oder schreibe Kurzgeschichten, die es auch als Hörbücher auf dem Markt zu kaufen gibt. Auch für den INFORMER schrieb ich Kurzgeschichten, die aber immer zu lang waren.“ Auf meine Bemerkung, dass er ja aber auch ab und zu noch auf der Bühne singt, antwortet er lässig „Jaaaa, das mache ich hin und wieder, wenn ich eine Veranstaltung habe. Dann trete ich auch manchmal auf aber das ist nicht das, was ich früher gemacht habe.“ Damals konnte er in hohen Tönen singen. Heute macht er das nur `noch zum Spaß´.

„Ich war dreimal an der Uni: einmal als ich mich eingeschrieben habe, einmal als es geregnet hat und einmal als ich meine Papiere wieder abgeholt habe.“

Geboren ist Igor in Pula, in einem Haus, in dem seine Großeltern als Österreicher gelebt haben, seine Eltern als Italiener und er als Jugoslawe. „Jetzt bin ich Kroate.“ Er wuchs zweisprachig auf. „Wenn ich nach Hause kam und meine Eltern haben Kroatisch gesprochen, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Sprachen sie aber Italienisch, wusste ich, dass alles in Ordnung war.“

In der Grundschule lernt er Cello spielen.  Mit elf Jahren schenkt ihm sein Vater eine E-Gitarre. „Ich habe drei Wochen mit ihr geschlafen und erinnere mich bis heute noch an den Geruch dieser Gitarre.“ Seine Augen leuchten. Er tritt mit seiner Schulband in der Grundschule auf, verdient sein erstes Geld damit. „Und mit 16 habe ich dann in der Profiliga gespielt“, erinnert er sich. Die Schule habe er nur geschafft, weil er „schöne Augen hatte“ und sein Vater Zahnarzt einiger Lehrer war. Sein Abitur macht Igor Albanese 1978 und studiert dann Jura. „Ich war dreimal an der Uni: einmal als ich mich eingeschrieben habe, einmal als es geregnet hat und einmal als ich meine Papiere wieder abgeholt habe“, sagt er mit einem lauten Lachen. „So in etwa kannst du dir mein Studium vorstellen. Ich wollte immer schon Musik machen.“ Mit zwanzig steht er mit Iron Maiden auf der Bühne, als dieser selbst am Belgrader Hippodrom als Vorgruppe spielt. „Du stehst dann auf der Bühne, sagst ein Wort in das Mikrophon und denkst Gott hat zu dir gesprochen. So stark ist der Bass auf der Bühne, wenn der Druck aus 20 Marschall Boxen ist einfach so stark. So stark ist der Bass auf der Bühne.“

Ein Gast kommt auf ihn zu, möchte einen Cappuccino. Igor steht auf und kommt nach fünf Minuten wieder.

Wir sprechen wieder über die Sprache. „Träumen tue ich auf Deutsch und wenn ich nachdenke auch“. Seine Tochter ist 26 Jahre alt. Sie musste viel auf ihren Vater verzichten. „Als ich das Restaurant hatte, habe ich meine Tochter sehr selten gesehen“, erzählt er etwas nachdenklich. Damals legt er seine Termine in sein Restaurant, arbeitet die Nächte durch, hat parallel bereits seine Agentur. Irgendwann wird ihm alles zu viel und er gibt seine Gastronomie nach über zwanzig Jahren auf.

Das KaBü

Igor Albanese hinter dem Tresen im KaBü

Heute betreibt er mit seinem Partner das KaBü. „Julian arbeitete damals als Schüler bei mir im Service. Die Musik hat uns immer verbunden. Wir wollten dann zusammen ein Büro eröffnen. Anfangs mit einer Espressomaschine und einem Schild `Wenn du ein Freund bist, dann bezahl etwas´.“ Das Konzept kommt anders als geplant. Es werden größere Räumlichkeiten, nämlich die, in der wir nun sitzen. „Als wir das hier gesehen haben, dieses viele Licht, wir wussten, das wird es. Am nächsten Tag haben wir den Vertrag unterschrieben.“

„Vieles  im Laden gehört jemand anderem. Das ist das tolle an unserem Konzept. Sogar aus Berlin waren Interessierte bei uns, weil sie das auch bei sich umsetzen wollten.“

Vieles im Laden wird beiden in Kommission zur Verfügung gestellt. Junge Designer freuen sich über das neue Konzept und stellen seither dem KaBü ihre Stücke zur Verfügung, die von den Gästen gekauft werden können. „Vieles im Laden gehört jemand anderem. Das ist das tolle an unserem Konzept. Sogar aus Berlin waren Interessierte bei uns, weil sie das auch bei sich umsetzen wollten.“ Ins KaBü kommt das Publikum gezielt hin und das ist das, was Igor die „Magie“ nennt. Für neue Kooperationen hält er immer Augen und Ohren offen.

„Grammatik interessiert mich nicht.“

Wie er Deutsch gelernt hat, möchte ich wissen. „Ich habe anfangs Deutsch gehasst. Es war für mich eine unmelodische und harte Sprache.“

Damals besucht Albanese eine Stunde einen Deutschkurs in der Volkshochschule aber es bleibt dabei. „Ich habe nach einer Stunde gemerkt, dass ich das niemals mit Büchern und Regeln lernen werde. Grammatik interessiert mich nicht.“ Seine Frau hat im Regal das Buch von Erich Maria Remarque „Der Himmel kennt keine Günstlinge“. Er kennt es aus dem Kroatischen. „Es war eines meiner Lieblings Bücher. Ich habe es dann Seite für Seite mit dem Wörterbuch übersetzt. Die erste Seite hat zwei Tage gedauert, die letzte dann nur noch 2 Stunden.“ Er liest jeden Tag einen Artikel aus der WAZ und nimmt sich mit dem Kassettenrecorder auf.  „Es hörte sich nicht gut an, deshalb habe ich dann meine halbe Nachbarschaft und Freunde mit meinen Fragen zur deutschen Sprache gequält. Nach einem halben Jahr konnte ich dann Deutsch sprechen.“

Es fühlt sich so an, als hätte ich ein dunkles Zimmer mit Blick auf den Hinterhof renoviert und plötzlich nimmst du eine Tapete runter und es kommt ein neues Fenster mit Blick auf die Toskana zum Vorschein.“

Mittlerweile liebt er die Sprache. „Es hat mir ein neues Fenster in meinem Leben geöffnet. Es fühlt sich so an, als hätte ich ein dunkles Zimmer mit Blick auf den Hinterhof renoviert und plötzlich nimmst du eine Tapete runter und es kommt ein neues Fenster mit Blick auf die Toskana zum Vorschein.“ Einen Tipp hat er auch. „Es gibt in jeder Sprache mindestens zehn Wörter, die ein Ausländer nicht kennt oder benutzt. Ich habe diese Wörter und Redewendungen gelernt. Und jedes Mal wenn ich sie benutzt habe, hörte ich `Sie sprechen aber gut Deutsch´“, erzählt er lachend. „Außerdem kann man sich immer mit dem Diminutiv retten. Wenn ich nicht wusste ob es „die Fenster“ oder „das Fenster“ heißt, habe ich immer „Fensterchen“ gesagt. Da war der Artikel dann immer „das“.“  Das Feedback motiviert ihn, er bleibt dran.

Anderen Menschen, besonders jenen die sich noch nicht in ihrem Leben festgelegt haben legt er ans Herz, den eigenen Fähigkeiten zu folgen, sich selbstständig zu machen. „Ich habe nicht eine Minute für jemand anderen gearbeitet. Natürlich muss man auch bereit sein, das Risiko zu tragen.“ Was er definitiv nicht mehr tun würde, wäre etwas, wie für ihn damals die Gastronomie im Learning-by-doing-Verfahren. „Es hat mich sehr viel Zeit und Geld gekostet, weil ich es nie gelernt habe. Deshalb kann ich jedem nur raten, mach das, was du liebst und vor allem das, was du kannst.“

Ein Gast kommt, möchte Sprudelwasser und einen Kaffee. Albanese steht auf. Sein Handy klingelt, er kommt wieder zurück, nimmt den Anruf entgegen und wechselt gekonnt ins Kroatische. Nach ein paar Minuten ist der Kaffee gemacht und der Gast sitzt wieder zufrieden an seinem Platz. Das Telefonat ist beendet.

„Letztendlich hat mich alles was ich getan habe dahin gebracht wo ich jetzt bin.“

Zwei Dinge hatte er sich versprochen, als er mit der Musik aufhörte: „Nie wieder ins Nachtgeschäft und wenn ich Kinder habe, wollte ich für sie da sein“.

Igor Albanese mit Oberbürgermeister Thomas Kufen

Beides hat er nicht eingehalten. Jetzt erzählt er davon und schaut nachdenklich „Ich bereue es nicht, denn letztendlich hat mich alles, was ich getan habe dahin gebracht, wo ich jetzt bin aber für meine Tochter hatte ich weniger Zeit in meinem Leben, als mein Vater für mich und das ist schade. Das kann ich nicht mehr zurückholen.“ Trotzdem sagt er das `Reue etwas für Schwachköpfe´ sei.

Wir wechseln das Thema, denn ich habe vor mir einen Flyer liegen, zu dem ich gerne mehr erfahren möchte. „Seit 11 Jahren veranstalte ich jedes Jahr ein Weihnachtskonzert und seit 2009 findet das Konzert in der Philharmonie in Essen statt. 1600 bis 1700 Gäste sind jedes Jahr neben wirklich bekannten Gästen auf der Bühne.“

Wieder werden wir unterbrochen. Ein Gast möchte zahlen.

Igor Albanese ist immer auf Achse. Sein Herz schlägt für viele verschiedene Dinge. „Ich habe mich nur zwei Mal im Leben auf eine Sache konzentriert und aus Unmöglichen Dingen Mögliche gemacht. Das eine war meine Band 1981 und das andere die Eröffnung des Leonardo Restaurants 1989 in Essen.  Ansonsten kann ich mich nicht auf eine einzige Sache konzentrieren.“ Ob er sich ein Ziel gesetzt hat, um sein Buch zu beenden, frage ich ihn. „Ich setze mir Ziele aber keine Termine, denn wenn ich das tue, müsste ich das auch einhalten und dann würde ich andere Bereiche vernachlässigen.“ In seinem Leben ergeben sich die `Baustellen´ oft kurzfristig, er hält sich deshalb gerne alles offen. „So vieles entwickelt sich spontan und am Ende wird es immer etwas Besonderes. Wenn ein normaler Mensch für einen kurzen Augenblich in meinen Kopf steigen würde, dann würde er zucken, wie eine Katze unter dem Elektroschock“, lacht er.

Igor Albanese hatte sein Glas immer voll. „Ich könnte jederzeit von dieser Welt gehen. Mein Leben war zu mir immer sehr gut und ich bin im Frieden mit allem, was ich gemacht habe. Egal wie.“ Für Albanese bedeutet Glück das bewusste Wahrnehmen von glücklichen Augenblicken, die man zuerst überhaupt realisieren muss, um sie dann im Gedächtnis zu bewahren. „Es ist wie eine Kette mit aneinandergereihten Steinen, ähnlich einer Wäscheleine, oder einem Sprung über die Steine und dazwischen ist Wasser.“

Das Gespräch führte Sümeyye Algan.

 

 

 

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