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Samstag, 18. November 2017
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`Hundert Quadratmeter´- Die Komödie im Rathaustheater

Am 12. Oktober feierte die Komödie `Hundert Quadratmeter´, von Juan Carlos Rubio, mit Beatrice und Judith Richter in den Hauptrollen, Premiere im Essener Rathaustheater. Für den INFORMER ein besonderer Anlass um bei Mutter und Tochter einmal genauer nachzufragen.

Judith Richter (l.) und Beatrice Richter (r.)

Gut gelaunt und für ihren abendlichen Auftritt auf der Bühne fertig hergerichtet, betreten Judith und Beatrice Richter den Vorraum des Theaters im Rathaus. Auf „Hundert Quadratmeter“ wird der Zuschauer Zeuge einer Freundschaft zweier Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Im echten Leben Mutter und Tochter, verkörpern beide Frauen in dem Theaterstück zwei Lebensmodelle, die jedem Zuschauer im Leben bekannt sind. „Ich wollte nur noch ein Stück spielen, was man wirklich bis zur Urne spielen kann und dann war da dieses Stück von dem Spanier Juan Carlos Rubio.“ Regisseur René Heinersdorf schreibt es innerhalb von zwei Monaten um. „Und als wir dann auch noch den Saal des Theaters hier im Rathaus betreten haben, traute ich meinen Augen nicht. Dieser schnuckelige Saal mit dieser tollen Akustik.“ Beatrice Richters Augen lachen.

Auf der Bühne wird geraucht, getrunken und gekifft. Doch wer ein Schenkelklopferstück erwartet, könnte unter Umständen enttäuscht die Vorführung verlassen. „Nach unserem Programm gehe ich manchmal raus und schnappe oft den Satz `Endlich mal etwas zum Nachdenken´ auf“, erzählt Beatrice Richter stolz. „Für uns ist es das größte Kompliment das wir bekommen können.“

„Es ist viel einfacher das Publikum zum Weinen zu bringen, als zum Lachen.“

Judith und Beatrice Richter

„Es ist kein klassisches Boulevardstück, sondern eines, bei dem die Zuschauer zum Nachdenken angeregt werden“, erzählt Judith Richter. „Und man muss die Leute mit dem überraschen, was sie erwarten“, ergänzt die Beatrice Richter nachdenklich, denn „mich kennt man aus der Zeit vom Fernsehen, also vor gefühlt 100 Jahren, und es wird nach wie vor von mir erwartet, dass ich das Komödiantische bediene. Aber wenn die wüssten, wie schwer es ist, auf den Punkt genau eine lustige Pointe abzuschießen. Es ist viel einfacher das Publikum zum Weinen zu bringen, als zum Lachen.“

Wir sprechen über ihre Erfahrungen, wenn sie die Bühne und das Theater verlässt und durch die Straßen von Essen läuft. Beatrice Richter kennt keine Scheu. Offenherzig und neugierig, bemüht sie sich jedes mögliche Schweigen gar nicht erst entstehen zu lassen. „Seit zwei Wochen mache ich jeden Morgen dasselbe. Ich setze mich jeden Morgen einfach zu den arabischen Leuten und spreche sie mit den vier Worten, die ich kenne, an. Die fallen dann jedes Mal aus allen Wolken, wenn sie da plötzlich von einer `Germanin´ in ihrer Sprache begrüßt werden“, lacht sie. „Das gibt immer die schönsten Gespräche und heute war es richtig toll.“

„Integration ist, wenn die `Germanen´ hier endlich mal begreifen, dass es so einfach geht.“

„Integration klappt sowieso nicht. Das ist eine Baustelle, die fast nicht zu bewältigen ist. Integration ist, wenn die `Germanen´ hier endlich mal begreifen, dass es so einfach geht, wenn den Kindern in der Schule drei oder vier Wörter in anderen Sprachen beigebracht werden, so wie `Danke´, `Bitte´, `Wie geht’s?´und `Guten Tag´. Das sind Wörter, die lernt ein Kind in zwei Stunden. Bei der Integration geht es doch darum, dem anderen zu zeigen `Schau, ich kann auch ein paar Worte in deiner Sprache´. Nur so kann es funktionieren.“ Judith Richter fügt stolz hinzu: „Das ist das, was ich an meiner Mutter so sehr liebe. Es gibt fast keine Sprache, in der sie nicht mindestens ein oder zwei Sätze beherrscht.“

Beatrice Richter

Beatrice Richter zeigt sich in der Rolle als Lola von ihrer extrovertiert sympathischen Seite. Sie, die „Alte“ verkiffte, trotzdem jung und modern gebliebene Lola, steht eines morgens in ihrer Wohnung vor einer dezent gekleideten und bis oben zugeknöpften Frau, namens Sarah. Diese lässt sich gerade von einem Makler die Wohnung als Anlage für unvorhersehbare Eventualitäten zeigen. Über das „Hindernis“, von dem der Makler während der Besichtigung spricht, kann sich Sarah zunächst kein Bild machen. Erst als die quietschende Holztür des mächtigen Schranks aufgeht und eben jenes Hindernis namens Lola vor ihr steht, wird ihr das Ausmaß bewusst.

„Ohne Tragödie keine Komödie.“

Lola haut auf den Putz. Denn das kann sie. Und dabei lässt sie auch kein Fettnäpfchen aus. Im gemeinsamen Stück geht es um Offenheit und Vorurteile, darum über den Tod reden zu dürfen, um zwischenmenschliches Versagen, um das Alleinsein und um die Freude am Leben. „Ohne Tragödie keine Komödie“, sagt Beatrice Richter nachdenklich.

Mutter und Tochter sind sich einig: Ihre Beziehung macht den gemeinsamen Auftritt leichter. „Ich muss mich nicht auf eine komplett neue Person einstellen, die irgendein Regisseur für das Stück ausgesucht hat. Bei meiner Tochter weiß ich, wie sie die Dinge angeht, das bringt eine große Erleichterung.“

Das Stück scheint, wie auf die beiden zugeschnitten zu sein. „Es ist erschreckend, wie viele Parallelen es zu unserem wirklichen Leben gibt. Vor allem, wenn uns Freunde und Bekannte spielen sehen, können sie teilweise ihren Augen nicht trauen. Aber ein Glück können nur die das sehen“, lacht Judith Richter. „Und trotzdem ist es eine Herausforderung, dass man eine gewisse professionelle Distanz wahrt.“

„Wir spielen samstags und sonntags doppelt und ich habe manchmal das Gefühl, dass irgendwer mich töten will“, lacht Beatrice Richter. Gekonnt und mit viel Leidenschaft wird der Zuschauer zwei Stunden lang verzaubert, bis am Ende ein Hammer zur Tat schreitet.  Ein weiteres gemeinsames Stück ist nicht geplant. „Das würde dann wohl Lächle! Du kannst nicht alle töten´ heißen“, deshalb glaube ich das nicht“, zwinkert Beatrice Richter.

Bis zum 12. November wird das Stück noch aufgeführt, dann heißt es für beide Frauen weiterziehen.

Das Interview führte Sümeyye Algan.

 

 

 

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