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Mittwoch, 13. December 2017
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Bodrum – Im Zeichen der Freundschaft

Deutsch-Türkische Freundschaft. Ein Grund zu feiern und sich als Journalist auf Mission zu begeben. Bei dieser Reise geht es darum, die Freundschaft zwischen Deutschen und Türken wieder in den Vordergrund zu rücken und darum, dass eben diese Freundschaft wichtiger ist, als die aktuelle politische Stimmung.

Damals, vor sechzig Jahren, hatte alles mit 150 Jugendlichen angefangen, die eingeladen wurden, ihre Ausbildung in Deutschland zu beginnen. Später kam dann das Anwerberabkommen hinzu. Die Jahre danach standen im Schatten von Blessuren und Missverständnissen. Diese nun anzuschauen und aus dem Weg zu räumen, ist eines der Ziele der Kampagne `60 Jahre deutsch-türkische Freundschaft´.
In meinem Posteingang liegt eine Einladung: Pressereise mit Gülcan Kamps und SonnenklarTV. Ich überlege kurz. Denn obwohl mir die Wichtigkeit dieser Reise bewusst ist, und die allgemeine Angst in die Türkei möglicherweise nicht unbeschadet einreisen zu können, ist auch an mir nicht vorbeigegangen. Ich stelle kurz die Freude dem aktuellen Risiko gegenüber und versuche mich zu beruhigen. Diese Gelegenheit wird es nicht so schnell wiedergeben und beantworte die Einladung schließlich mit einem „Ja, ich freue mich Ihnen mitteilen zu dürfen, dass ich teilnehmen möchte.“

Und nun sitze ich hier. Mitten in Bodrum, umgeben von 46 Kolleginnen und Kollegen, allen voran Gülcan Kamps als Freundschaftsbotschafterin der Kampagne.

Aber nochmal von vorne. Tage vorher macht sich ein Grummeln in meiner Magengegend bemerkbar. Inhaftierte Urlauber, Deniz Yücel im Gefängnis, mit ihm noch viele tausende weitere Journalisten, die alle aus fadenscheinigen Gründen ihrer Freiheit beraubt wurden. Ich sehe mich selbst, wie ich verzweifelt hinter eisernen Gittertüren jenen Tag herbeisehne, als ich noch die Wahl hatte, diese Reise mit einem „Vielen Dank für die Einladung aber ich muss Ihnen leider absagen“ zu beantworten.

Zu spät. Ich habe zugesagt, mein Flug wurde bereits gebucht, ich kann jetzt nicht mehr abspringen. Höchstens mit Krankenschein aus der Klinik?! Aber ich bin kerngesund… Ich lese die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, die uns Journalisten nebst Flugticket und Programm in der Mail mitgeschickt wurde. Für einige Minuten überkommt mich blanke Panik. `Was tue ich hier´, sind einer der harmloseren Gedanken. Ich rufe den Pressechef von FTI an. „Habt ihr euch eigentlich auch einen Plan überlegt, was ihr mit inhaftierten Kollegen macht, wenn die uns einbuchten?“. Ich werde beruhigt, es gäbe trotzdem „keine einhundertprozentige Garantie“. Mein Kollege ruft an. „Wieso machst du so ein Drama? Wenn die jemanden einsacken, dann wohl eher mich.“

Ok. Fürs erste bin ich beruhigt, denn ich fliege genau mit diesem Kollegen am nächsten Morgen nach Bodrum. Vielleicht reicht denen ja einer von uns, denke ich, und das werde dann wohl nicht ich sein.

Tag 1

Nach einer schlaflosen Nacht, holt mich eben jener Kollege ab. Nach dem Prozedere, sich morgens im Berufsverkehr durch volle Straßen zu bemühen, schaffen wir es endlich in den Flieger, um nach drei Stunden Flug zitternd vor der türkischen Passkontrolle zu stehen. Ich zumindest. Meine Gedanken kreisen unausweichlich zwischen `Sie haben das Recht auf einen Anwalt und einen Anruf´, dem Knastfrühstück und der Vorstellung von Sonne und Freiheit. Der Beamte schaut mich prüfend an, tippt vor sich hin, druckt etwas aus, schaut wieder prüfend, zückt seinen Stempel, donnert ihn auf ein Papier, schaut mich wieder an und überreicht mir mit den Worten `Einen schönen Urlaub´ meinen Personalausweis mit einem weißen und gestempelten Zettel, den ich bitteschön bis zur Ausreise gut aufheben soll. Gesagt getan, mir fällt der größte Hinkelstein, den Obelix wohl je geschleppt hat, vom Herzen. Ich kann es nicht fassen. Ich bin in meinem Herkunftsland, meiner zweiten Heimat, angekommen. Ohne Probleme. Vor mehr als zehn Jahren hatte ich zum letzten Mal türkischen Boden betreten.

Ich verlasse mit meinem Koffer, immer noch sprachlos und ergriffen, den Flughafen von Bodrum. Ein Shuttlebus bringt uns an der Küstenstraße zum Hotel. Zwischen traditionellen Steinhäusern, blitzt kristallklares Wasser von den vielen `blauen Buchten´. Das Straßenbild, die Menschen, die Geschäfte, alles erscheint mir hier in einem anderen Modus als in Deutschland. Aus der Sicht eines Deutschen, der vor lauter Alltag und Arbeit kein Land mehr sieht, schaut hier alles nach Chilly-Urlaub und Entspannung aus. Naja, vielleicht kommt das auch nur mir so vor, schließlich lag mein Tapetenwechsel schon eine ganze Weile zuürck.

Im Hotel angekommen muss ich mich erst einmal auf das Rundum-Sorglos-Paket einstellen. Mit dem All-Inclusive-Bändchen gibt es nämlich nicht nur Zugriff auf sämtliches Ess- und Trinkbare aus Bars, Cafes und Restaurants der Hotelanlage, es ist auch der sichere Weg, überfressen den ehrenlosen Tod einer der sieben Todsünden zu sterben. Und was ich in den kommenden drei Tagen körperlich erleben soll, wird das Gefühl von viel zu viel Essen sein. Von köstlichen und reichhaltigen Buffets und Essenseinladungen, wo kein Mensch `Nein´ sagen kann, weil zu lecker. Sich allerdings ans Essen zu setzen, ohne die vorherigen Mahlzeiten ansatzweise verdaut zu haben, lässt mich am dritten Tag eine Zwangspause einlegen. Aber dazu später mehr. Was ich dennoch bewundernswert finde ist, dass meine Kollegen das alles viel entspannter sehen.
Nach einem gemeinsamen Abendessen, wird das gegenseitige Kennenlernen bei einem ausgiebigen Spaziergang in der Altstadt fortgeführt. Trotz der späten Stunde werden wir von den Inhabern der Geschäfte im Vorbeigehen begrüßt und freundlich zum Geldausgeben eingeladen. Aber uns ist nicht nach shoppen. Irgendwann wollen wir einkehren und noch etwas trinken. Die meisten Cafés haben bereits geschlossen, nur die Bars und Clubs sind nicht zu überhören. Und während wir am Hafen entlang prächtiger und prunkvoller Segelboote spazieren gehen, entdecken wir dann doch noch ein Café. Der Wirt ist jung. Seine Gastfreundschaft vom langen Tag nicht erschöpft. Er serviert alle Getränke, inklusiver Extrawünsche und toppt schließlich alles mit nicht bestellten aber sehr leckeren Knabbereien, salzig wie süß. Mir kommt unweigerlich der Gedanke, dass wir in Deutschland für diese üppige Auswahl locker einen zwanziger auf den Tisch gelegt hätten. Hier ist es eine Geste der Gastfreundlichkeit.

Tag 2

Wie am Tag der Anreise führt uns der Weg an romantischen Buchten vorbei zu einer kleinen Fischerbucht. Unser Reiseführer Aydin ist ein kluger Mann, spricht hervorragend Deutsch, obwohl er nie in Deutschland gelebt hat. Sein Abitur machte er auf der Deutsch-Türkischen Schule in Istanbul. Er erzählt uns mit Leidenschaft über seine Stadt. 160.000 Einwohner zählt die Stadt Bodrum. In der Hauptsaison würden 1,5 Millionen Touristen aus aller Welt hinzukommen. Während des Opferfests hätte die Zahl bei 2,5 Millionen gelegen. „Hier ging nichts mehr. Der Verkehr lag still“, erzählt er. „Vor einer Woche kam ein saudischer Prinz. Er hat hier im Hafen seine private Yacht für 1,5 Millionen Euro getankt und ist dann weitergefahren.“


In Bodrum gibt es seit zwei Monaten eine deutsch-türkische Schule, in der die Kinder 23 Stunden pro Woche auf Deutsch unterrichtet werden, erfahren wir. Außerdem werden sämtliche Bauten, Villen, Hotels oder öffentliche Gebäude in Weiß gehalten und mit Natursteinen gebaut. So dürfen die Häuser seit den 80er Jahren nur noch gebaut werden, einschließlich der Auflage, nicht höher als drei Etagen zu bauen. Sie ähneln Würfeln und dürfen nur noch mit Holz, Gas oder Strom geheizt werden. Braunkohle ist verboten.

Die Straßen Bodrums sind mit Palmen, Zitrusbäumen und Mandarinenplantagen gesäumt. Zwischendrin erblicke ich Minarette, die sich in das harmonische Stadtbild einfügen. In Bodrum steigt die Luftfeuchtigkeit selten über 60 Prozent. Temperaturen von 40 Grad sind keine Seltenheit. Bodrum hat eine exzellente Luftqualität.

Wir fahren zur ersten Einladung. Das türkische Frühstück besteht landestypisch aus Tomaten, Gurken und grüner Spitzpaprika, dazu schwarzer Tee. Hier schmeckt noch alles so, wie es sein soll, keine Zuchthaustomaten, sondern eine Süße, die der deutsche Gaumen erst einmal neu kennenlernen muss. Neben allerlei köstlichen Käsevarianten, schwarzen und grünen Oliven, verboten leckerer Feigenmarmelade, frisch zubereiteter Börek in Zigarrenform, gefüllt mit Schafskäse, eine türkische Spezialität, Rührei mit Knoblauchwurst, ebenfalls typisch Türkisch, wird das Frühstück mit schwarzem Tee wieder beendet. Unser nächstes Ziel sind die Windmühlen von Bodrum, die Wahrzeichen der Stadt. Auf einer Landzunge zwischen dem Ort Gümbet und Bodrum gelegen, hat man auf dem Plateau die Möglichkeit, den Blick bis zur griechischen Insel Kos schweifen zu lassen.


Die Historie dieser runden, teils heruntergekommen Mauern mal beiseite gelassen, der Ort hat etwas Magisches. Hoch oben auf den Hügeln, hinter den Ruinen, verbirgt sich ein Anblick, den man erst einmal nicht mal im Ansatz ahnen kann. Eine ozeanblaue Bucht mit Blick auf das romantisch angesiedelte Gümbet, aus weißen Häusern und die große Weite dieses Landes. Das ist hier besonders zu spüren. Auf dem Gipfel präsentiert sich die gesamte Schönheit mit Blick auf die umliegenden Inseln und Berge. Eine Natur aus trockener Steppe und saftig grüner Flora, zwischendrin Eidechsen und Vogelschwärme und dazwischen nichts als heilige Stille. Ein Platz um dem Chaos des Alltags eine annehmbare Ordnung zu geben. Und das Highlight, frischgepresster, blutroter und göttlich schmeckender Granatapfelsaft.  

Die Tour durch Bodrum geht weiter. Für heute steht noch eines der sieben Weltwunder der Antike auf dem Programm. Das Mausoleum von Maussolos, der 377 bis 353 v.Chr. regierte. Unser Reisebus muss an der Hauptstraße anhalten. Die meisten Straßen von Bodrum sind für die Größe solcher Fahrzeuge nicht geeignet. Wir gehen die letzten Meter durch schmale Gassen zu Fuß. Die Sonne ist raus gekommen. Es ist heiß und trocken. Die Straßen und Häuser ähneln einer Hollywood Kulisse, alles sauber und gepflegt, mit Blumen und Rankpflanzen geschmückt. Ein Ort, wo die Zeit stillsteht. Unser Weg führt vorbei an spielenden Kindern, älteren Menschen, einer kleinen Dorfmoschee. Vorbei an einem Tante Emma Laden. Und dann erscheint ein Schild mit dem Hinweis auf unseren Zielort. Auch hier scheint die Welt still zu stehen. Ein mächtiger Baum steht wie ein Türsteher am Eingang zum Mausoleum. Aus dem Minarett der kleinen Dorfmoschee ertönt der Gebetsruf. Hier ist Frieden, jedenfalls ist das mein erstes Gefühl, als ich die kleine Welt dieses historischen Platzes betrete. In einem Raum ist die Grabstätte als Modell nachgebaut.


Als wir auch hier fertig sind, geht es weiter zur nächsten Einladung in ein Restaurant am Hafen. Nach vier Gängen und einem überdehnten und glücklichen Magen, geht es wieder zurück ins Hotel.  

Für diesen Nachmittag heißt es shoppen. Yeay. Endlich etwas mehr Bewegung. Wir laufen in die Stadt. Meine Ausbeute: drei Wickelröcke aus Seide und ein Paar Sandalen aus dem Film Troja, die für den Film extra hier in Bodrum angefertigt wurden. Denn das ist eines der Besonderheiten dieser Region. Auch ist die Gegend hier bekannt für das Schwammtauchen (was leider nicht mehr erlaubt ist), den saftig süßen Mandarinen und eben die handgefertigten Riemchensandalen. Und wenn Hollywood hier sogar bestellt, sollte kein Tourist ohne mindestens ein eigenes Paar abreisen.

Tag 3

Der Tag beginnt unverdauter Dinge. Aber erst geht es auf eines der traditionelle Holzboote, die hier gebaut und Gulet genannt werden. Auf dem Boot wird ein prächtiges Frühstück serviert, von Ei bis allerlei verschiedenen Böreks, Käse- und Wurstsorten.

Wir erfahren von unserem Reiseleiter, dass hier jeder, der eine Yacht kauft, nur 1% Mehrwertsteuer zahlt. Sogar ein Bauer zahlt für seinen Traktor mehr. Wir steuern eines der Buchten an. Zwei Kollegen haben sich schon für den Sprung ins kristallklare Wasser vorbereitet. Ich bin von der Sauberkeit des Wassers hin und weg. Von oben kann man die hungrigen Fische zählen. Wir werfen Brotkrumen ins Wasser und beobachten, wie diese von der Wasseroberfläche weggepickt werden. `Wenigstens einige hier, die hungrig sind´ denke ich. Ob ich auf dieser Reise noch mal hungrig werde? Die Tomate und Mandarinen hier sind unschlagbar, beantworte ich mir die Frage.
Nach der Bootstour geht es weiter zum Mittagessen. Wieder auswärts. Ich kann kein Essen mehr sehen und beschließe für zwei Stunden das Hotel nicht zu verlassen. Schließlich wird das Programm nahtlos zum nächsten Punkt übergehen. Allerdings suche ich schon nach zwei Stunden, fast wie aus Gewohnheit, das Restaurant auf, ignoriere aber immerhin eiskalt das meterlange Buffet, steuere schnurstracks auf den Obststand zu und ergattere mir die besten Mandarinen, die diese Welt zu bieten hat und geniesse sie mit Blick aufs Meer. Fürs erste ist jedenfalls der nicht ganz erwachte Hunger gestillt.
Und weiter geht das Programm. Türkische Pressekollegen aus allen Teilen des Landes sind gekommen. In der Hotellobby werden sie von Herrn Andreas Lambeck begrüßt, Herr Aydin übersetzt. `Bodrum hat diese besondere Atmosphäre´. Da kann ich Herrn Lambeck nur zustimmen. Es wird Zeit das Politische von den hier auf den Tourismus angewiesenen Menschen zu trennen. Und nicht zuletzt verpasst jeder Urlauber ein wunderschönes Fleckchen Erde, wenn er sich nicht selbst von der Schönheit dieses Landes überzeugt.

Die Menschen hier haben sich nicht verändert, sie sind unsere Freunde und Kollegen und auf uns angewiesen. Immerhin sind dieses Jahr 28.000 Urlauber nach Bodrum gekommen. Im Vergleich dazu stehen zwar die 1,8 Millionen Besucher in Antalya aber SonnenklarTV plant mit FTI und SunExpress mit vielen attraktiven Angeboten die Besucher im kommenden Jahr nach Bodrum zu entführen. So der Plan. Ich gönne es Jedem. Meine einzige Befürchtung ist, dass dann niemand mehr die Lust verspüren könnte, auch wieder abzureisen. Jedenfalls geht es mir so, während ich die letzten Sonnenstunden hier am Strand genieße und die letzten Zeilen schreibe.  Das einzige was ich hier wirklich in den letzten Tagen vermisst habe, war das Gefühl von Hunger. Was ich in Deutschland wieder vermissen werde, werden wohl einige Dinge mehr sein. Die Sonne, die Warmherzigkeit und Gastfreundlichkeit der Menschen hier, das Unbeschwerte, ja auch die Mandarinen und das Meer.

Tag 3 ½

Der Urlaub geht zu einer brutalen Uhrzeit zu Ende. Während die Grillen ihr nächtliches Konzert abhalten, klingelt mein Wecker um 2.30 in der früh, um mich aus meinem einanderhalbstündigen Nickerchen zu reißen. Keine Gnade, der Flieger wartet. Der Fahrer auch. Und da verlasse ich nun den Ort, an den ich mich nach drei Tagen so gewöhnt habe, zwar ohne Mandarinen im Gepäck aber mit dem Gefühl, sehr bald wiederzukommen.
Danke Bodrum.
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