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Samstag, 18. November 2017
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Das Erbe Wellings: Ein schuldenfreier Viertligist – nicht weniger, aber leider auch nicht mehr

Prof. Dr. Michael Welling verlässt auf eigenen Wunsch die Hafenstraße. „Eine überraschende Nachricht und durchaus auch ein sehr emotionaler Moment“, so Rot-Weiss Essens Aufsichtsratschef Dr. André Helf. Blendet man jedoch alle Emotionen aus, was bleibt dann? Ein Viertligist ohne neue Schulden, aber auch ohne realistische Aufstiegschancen und ohne ausreichende Sponsoring-Einnahmen. Die Ära Welling mal ganz nüchtern betrachte.

Foto: Christoph Bubbe

Welling verlässt Rot-Weiss Essen

Der Doc schmeißt hin! Doch Kummer ist man längst gewohnt.

von Lars Riedel und Pascal Hesse*

(*Anmerkung der Redaktion: Pascal Hesse ist unabhängig von seiner Tätigkeit als Redakteur des INFORMER ebenso als angestellter Bundespressesprecher der Piratenpartei Deutschland in Berlin tätig. Die Redaktion achtet auf die strikte redaktionelle Trennung beider Tätigkeiten.)

Nach sieben Jahren verlässt Prof. Dr. Michael Welling auf eigenen Wunsch hin den Fußball-Regionalligisten Rot-Weiss Essen. Seine Nachfolge tritt Ex-Arminia-Bielefeld-Geschäftsführer Marcus Uhlig an. Er übernimmt damit zwar einen schuldenfreien RWE, zugleich aber einen sportlich ramponierten Verein. Als Welling im Jahr 2010 in das Management an der Hafenstraße einsteigt, ist die Insolvenz des Traditionsvereins gerade überstanden. Viele sahen in ihm den großen Hoffnungsträger. Einen, der RWE zurück in die Bundesliga bringen soll. Als erster Vorsitzender schafft es der Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer Welling zwar, die Finanzen im schwarzen Bereich zu halten. Fußballerische Erfolge lassen jedoch bis heute auf sich warten. Der Aufstieg aus der NRW- in die Regionalliga – eher das Ergebnis eines Etats, mit dem kein Liga-Konkurrent auch nur ansatzweise hätte mithalten können. Die siebenjährige Bilanz Wellings, sie fällt eindeutig aus: eindeutig nüchtern.

Welling wurde nach Insolvenzanmeldung im Juni 2010 vom damaligen Insolvenzverwalter Dr. Frank Kebekus ausgewählt und zum 1. Oktober 2010 zum 1. Vorsitzenden bestellt. Unter seiner Mitwirkung konnte das Planinsolvenzverfahren zum Juli 2011 beendet werden. „Als Michael Welling vor einigen Wochen mit dem Wunsch auf uns zugekommen ist, seinen Vertrag vorzeitig zu beenden, war das für alle Aufsichtsratsmitglieder eine überraschende Nachricht und durchaus auch ein sehr emotionaler Moment“, betont Dr. André Helf, der Vorsitzende des Aufsichtsrats von Rot-Weiss Essen.

Nur vierte Liga

Dass seit dem Aufstieg in die vierte Spielklasse keine sportlichen Erfolge mehr zu vermelden sind, der Verein weiterhin in der Regionalliga spielt, spricht Helf jedoch nicht an. Wohl aber findet er Worte für die Erfolge außerhalb des Platzes: „Mit Michael Welling an der Spitze des Vereins haben wir in den vergangenen Jahren hervorragend zusammengearbeitet und konnten abseits des Platzes große Erfolge feiern. Wir haben den Verein wieder in der Stadtgesellschaft etabliert.“

Der Umzug des Traditionsvereins vom Georg-Melches-Stadion in das neue ‚Stadion Essen‘ der Stadt-Tochter GVE fand unter Wellings Leitung statt. Was seine Führungsqualitäten angeht, so gibt es jedoch viele Gründe, genau und durchaus kritisch hinzusehen.

Die Qualitäten eines Frontmanns hat er: Prof. Dr. Michael Welling. Die Fähigkeit, Rot-Weiss Essen weiter nach oben zu bringen, wurde ihm aber zunehmend von Kritikern abgesprochen. (Foto: INFORMER Archiv)

Der überschätzte ‚Messias‘ von der Hafenstraße

Michael Welling dankt ab. Er mag nicht länger die Geschäfte von Rot-Weiss Essen führen und bat den Aufsichtsrat um vorzeitige Beendigung seines Vertrags. Als Welling durch den Insolvenzverwalter zum Geschäftsführer bestellt wurde und kurz danach der Aufstieg gelang, sah man endlich wieder rosigen rot-weissen Zeiten entgegen. Es gab wieder Hoffnung an der Hafenstraße. Und auch jetzt liest sich sein Abschied, als verließe einer der ganz Großen den Traditionsclub. Doch betrachtet man die vergangenen sieben Jahre genauer, so ist die Bilanz vor allem eines: erschreckend ernüchternd – sportlich wie auch wirtschaftlich.

Michael Welling übernimmt Rot-Weiss Essen im Jahr 2010 in einer äußerst schwierigen Situation – könnte man fast meinen. Genau betrachtet, ist die Lage an der Hafenstraße jedoch eigentlich recht komfortabel: Existenzbedrohende Schulden hat der Verein nach der Planinsolvenz nicht mehr. Es sind die Stadt Essen und ihre Töchter, die den erfolgreichen Abschluss der Insolvenz und den damit geordneten Neuanfang finanziell überhaupt erst möglich machen – darunter auch die GVE, die Eigentümerin des neuen ‚Stadion Essen‘. Welling kann sich auf den Wiederaufbau des Vereins konzentrieren – ohne Altlasten, mit einem neuen Stadion und einem städtischen Sponsoring-Engagement im Rücken, das seinesgleichen sucht. „Welling hat die Lorbeeren geerntet. Die Stadt hat zig Millionen investiert. Doch passiert ist bei Rot-Weiss nichts“, betont jemand aus Insider-Kreisen, der seinen Namen nicht in der Öffentlichkeit lesen möchte. Dass Welling es in den nächsten sieben Jahren geschafft habe, keine neuen Schulden aufzubauen, könne man nicht als Verdienst ansehen. „Er hat schuldenfrei begonnen, da sollte es nicht so schwierig sein, schwarze Zahlen zu schreiben. Dafür wird er schließlich sehr üppig bezahlt.“

Solide Basis bei fehlenden Sponsoren?

Der Verein schreibt in einer Mitteilung zum Ausscheiden seines ersten Vorsitzenden: „Seit dem Amtsantritt von Michael Welling wurden die Mitgliederzahlen mehr als verdoppelt, wurde die Partnerbasis verbreitert, von 63 auf inzwischen weit über 400 Partner ausgebaut und konnte trotz signifikant sinkender kommunaler Sponsoringunterstützung der Vertriebsumsatz vervierfacht werden.“ Unerwähnt bleibt jedoch, dass unter Welling zahlreiche Sponsoren, die bislang immer zum Traditionsverein gehalten haben, als Wegbegleiter für den sportlichen Erfolg abgesprungen sind – darunter wichtige Großsponsoren wie der frühere Hauptsponsor, der Energieversorger RWE.

Der Aufstieg: Das Wunder von Siegen – nur ohne Wunder

Generell sind auf dem Weg zum sportlichen Erfolg die Meilensteine rar gesät. Der Aufstieg von der NRW- in die Regionaliga direkt nach der Insolvenz ist ein solches wichtiges Ereignis. Aber er ist ebenfalls kein Verdienst des ersten Vorsitzenden. RWE und die Sportfreunde Siegen sind damals die einzigen beiden Vereine in der fünften Liga, die unter Profibedingungen trainieren. „Es gab damals keine nennenswerte Konkurrenz in der NRW-Liga. Einzig die Sportfreunde Siegen hätten Rot-Weiss gefährlich werden können“, sagt ein Sportjournalist und Kenner der hiesigen Fußballszene im Gespräch mit dem INFORMER. „Und selbst der Etat der Sportfreunde war, wenn überhaupt, gerade einmal die Hälfte von dem, was RWE zur Verfügung hatte.“ Die übrigen Vereine hätten bestenfalls an die 100.000 Euro an Finanzmitteln für die Saison zur Verfügung gehabt. „Damit kann man keine großen Luftsprünge machen – und auch nicht aufsteigen. Da braucht man schon einen Millionen-Etat, wie ihn Rot-Weiss damals zur Verfügung hatte.“ Der sportliche Aufstieg sei demnach logisch gewesen und weder eine besondere noch eine sportlich anzuerkennende Leistung.

Festgebissen in Liga 4

Auf dem Platz läuft es auch 2017 für Rot-Weiss Essen immer noch nicht rund. (Foto: INFORMER Archiv)

Wer Welling also zuschreibt, dass er die Insolvenz gemeistert und den Aufstieg begründet hat, muss ihm gleichwohl ankreiden, dass er nicht in der Lage war, wichtige Sponsoren zu halten und den sportlichen Erfolg auszubauen. Seit dem Aufstieg im Jahr 2011 befindet sich der Verein in der vierten Liga. Im Kampf um die Meisterschaft hat er seitdem keine entscheidende Rolle gespielt. Auf die anfängliche Euphorie zu Saisonbeginn folgt für die Fans die Ernüchterung – und das gefühlt von Saison zu Saison immer schneller. Das fortwährend erklärte Ziel Wellings, der Weg Rot-Weiss Essens zurück in den bezahlten Fußball, hat er verfehlt und bleibt es mit seinem vorgezogenen Abschied dem Verein und den Fans schuldig.

Auf viele RWE-Fans wirkte Welling zeitweise gar wie ein Geizkragen. „Wenn man wat reißen will, muss man langsam auch ma Kohle inne Hand nehmen“ – in dieser Art und so simpel fassten nicht selten Fangespräche den Ist-Zustand zusammen. Dass Michael Welling nicht in die ‚Klotzen statt kleckern‘-Mentalität seiner Vorgänger verfallen ist, war sicherlich richtig. Seine Personalentscheidungen jedoch ware nicht gerade von Erfolg gekrönt. Im Endeffekt hat keiner der Trainer und Sportdirektoren, die er ausgesucht hat, wirklich überzeugt. Bis heute haben fünf Trainer und drei Interimstrainer in der Ära Welling die erste Mannschaft trainiert – annähernd jedes Jahr ein anderer. Kontinuität sieht anders aus.

Zu oft aufs falsche Pferd gesetzt

Sportlich, so ist aus engeren Kreisen um den Verein zu hören, steht sich Welling meist selbst im Weg. „Er hat immer allen reingeredet, sie nie selbst machen lassen. Das war sein größter Fehler und ist mitunter der Grund, warum RWE noch immer in der vierten Liga spielt. Er hat vom Sportlichen einfach keine Ahnung“, so ein Kenner der Vereinsinterna. Starke Persönlichkeiten akzeptiere der erste Vorsitzende ohnehin nicht an seiner Seite. „Die starken und gut qualifizierten Trainer hingegen wollten freie Hand haben. Doch das war mit Welling nicht zu machen.“ Wer ihn trotz alledem in den höchsten Tönen lobt, der betreibe Legendenbildung. „Die Ursache für den sportlichen Misserfolg des Vereins ist ganz stark mit dem Namen Welling verbunden und weniger mit den Trainern, Sportdirektoren und Spielern, die nur ausgeführt haben“, so der Szenekenner. Dass am Ende meist Abfindungen im Raum stehen, jenseits von gut und böse für einen Viertligisten, sei ebenfalls erwähnt.

Der ehemalige Vorstand Sport: Dr. Uwe Harttgen. (Foto: Susanne Dodt)

Prominentestes Beispiel des Personaldebakels an der Hafenstraße: Dr. Uwe Harttgen. Um sich sportlich professioneller aufzustellen, hatte man eigens die Funktion eines Sportvorstands bei RWE installiert, der mit einem großen Handlungsspielraum ausgestattet war. Zum 1. Februar 2014 trat Harttgen den Posten an. Wieder herrschte Euphorie im Traditionsclub. „Wir beginnen das Jahr mit einem Volltreffer“, ließ sich der damalige Aufsichtsratschef Christian Hülsmann zitieren. Ein Jahr später wurde Harttgen rausgeworfen. Der Verein fühlte sich getäuscht, Harttgen sich betrogen, der Fall landete vor Gericht und wurde zur Posse. Erst im September vergangenen Jahres konnte man sich schließlich doch noch außergerichtlich einigen. Wie diese Einigung aussah? Darüber wurde Stillschweigen vereinbart.

Die Eintscheidungen Harttgens während seiner Amtszeit, waren bei Verein, Mannschaft und Fans keineswegs unumstritten. Doch man ließ ihn gewähren, bis schließlich der Geschäftsführung dann doch der Kragen platzte, als der Sportdirektor den Vertrag von Ex-Trainer Marc Fascher eigenmächtig verlängerte. Der plötzliche Rauswurf Harttgens – keine Folge seiner Entscheidungen, sondern der Tatsache, dass er sie alleine traf.

Keine Puste ohne Rückenwind?

Gute Freunde soll niemand trennen: Seit Stadtdirektor a. D. Christian Hülsmann nicht mehr Aufsichtsratschef bei Rot-Weiss ist, werden auch die Stimmen gegen Michael Welling lauter. (Foto: Christoph Bubbe)

Warum der scheidende Fußballmanager ausgerechnet jetzt um die vorzeitige Beendigung seines bis 2020 laufenden Vertrags gebeten hat, bleibt spekulativ. Die zunehmende Kritik an seiner Person macht aber deutlich: Welling ist an der Hafenstraße nicht mehr unumstritten – nicht bei den Fans, nicht beim Verein und nicht bei den Sponsoren. Seitdem sein großer Fürsprecher, der frühere Aufsichtsratsvorsitzende und Ex-Stadtdirektor Christian Hülsmann, seinen Stuhl im Aufsichtsrat geräumt hat, ist die Luft für Welling dünner geworden. Hülsmann habe ihm immer die notwendige Rückendeckung gegeben, sind sich Welling-Kritiker einig. Insbesondere als Kenner der Stadt Essen, der Verwaltung und Beziehungsgeflechte im Konzern Stadt, hat der frühere Stadtdirektor seine Netzwerke und seine Lokalkompetenz für RWE zu nutzen gewusst. Davon, so die besagten Kritiker, habe Welling gleichermaßen profitiert. Ohne den starken Mann im Hintergrund wirke Welling nun jedoch weniger eloquent.

Auf Michael Welling folgt nun Marcus Uhlig. Uhlig leitete bis 2015 die Geschäfte der Arminia Bielefeld, die in dieser Zeit sogar das Halbfinale im DFB-Pokal erreichte. „Marcus Uhlig hat bereits in der 3. Liga und der 2. Bundesliga nachgewiesen, dass er die Geschäfte eines Vereins erfolgreich führen kann“, so RWE-Aufsichtsratschef Dr. André Helf. Für den Club und die Fans von der Hafenstraße bleibt zu hoffen, dass sich diese anfängliche Euphorie bestätigt. Zu mutmaßen hingegen bleibt, was passiert wäre, wenn Welling seinen Platz an der Spitze nicht aus freien Stücken geräumt hätte.

 

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