Vernetzen:
Mittwoch, 13. December 2017
StartseiteKolumnenPolit-Kolumne: Millionengrab Zollverein

Polit-Kolumne: Millionengrab Zollverein

Kolumne Hesse ist überall. Foto: Chistoph Bubbe

Liebe Leserinnen und Leser,

seit dem Jahr 2001 zählen die Zeche und die Kokerei Zollverein zum Welterbe der UNESCO. Das einst größte Steinkohlebergwerk der Welt wurde damit zu einem Architektur- und Industriedenkmal erhoben. Bereits 1986 wurde die Kohleförderung eingestellt und die Zeche stillgelegt. Einzig aus Gründen der Wasserhaltung sind die Seilscheiben am Fördergerüst heute noch einige Male am Tag in Bewegung. Seit der Stilllegung sind Unsummen nach Zollverein geflossen, hunderte Millionen und Abermillionen an Steuergeldern, die dort versickern. Denn geschehen ist bislang nicht viel. Im Gegenteil: Während andere ‚Orte der Industriekultur‘ es geschafft haben sich mit verhältnismäßig deutlich weniger Finanzmitteln und einem nicht so üppigen Personaleinsatz wie bei der Stiftung Zollverein weiter zu entwickeln, scheint das Welterbe Zollverein in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. Ein Prinz ist nicht in Sicht. Viele Gebäude, Anlagen und Skulpturen sind dem Verfall preisgegeben. So etwa die 1992 nach Zollverein gekommene Skulptur ‚Castell‘ des Düsseldorfer Bildhauers Ulrich Rückriem. Sie hat wahrlich schon bessere Zeiten erlebt. Mich persönlich stimmt es traurig ansehen zu müssen, wie mit der Industierkultur, der Kunst und dem Welterbe umgegangen wird.

Hermann Marth, der scheidende Vorstandschef der Stiftung Zollverein hat es in seiner Amtszeit bislang leider nicht ansatzweise geschafft, das Gelände weiter zu entwickeln – nicht als Ort der Industriekultur, des Designs, als Museum oder Gastronomie- und Veranstaltungsort. Klar, es finden regelmäßig Veranstaltungen auf Zollverein statt. Doch sie sind beliebig, nicht einzigartig. Sie könnten genauso gut im Gasometer Oberhausen stattfinden, im Landschaftspark Duisburg-Nord und selbst in der Berliner Kulturbrauerei. Was Zollverein fehlt, ist eine Struktur, ein roter Faden, ja ein sichtbares Konzept, wie man es nach 16 Jahren Welterbestatus erwarten könnte.

Ich habe in den vergangenen Jahren zahlreiche Welterbestätten besucht und mich auf Zollverein stets gewundert: Der Besucher scheint dort als störendes Element wahrgenommen zu werden. So gibt es kein Besucherzentrum, lediglich einige Infopunkte, die aber nicht mehr als eine erste Anlaufstelle sind und abseits der Saison meist geschlossen sind. Stattdessen wird die Halle 4, die ideal wäre für ein Besucherzentrum zu einer weiteren Gastronomie umgebaut. Es ist ja nicht so, als ob es davon nicht schon genug gibt, angefangen beim ‚Casino Zollverein‘, dem Bistro ‚Butterzeit‘, jenem in der Kohlenwäsche sowie dem Kokerei-Café. Statt die Besucher in einem angemessenen, leicht zu erreichenden Besucherzentrum im Windschatten des Fördergerüsts zu informieren, versteckt sich die Information aktuell in luftiger Höhe am Ende der Rolltreppe in der Kohlenwäsche. Durch das Freiziehen der Information an ihrer bisherigen Stelle würde ausreichend Platz für eine sinnvolle Erweiterung des Ruhr Museums bestehen. Warum nur werden derartige Potenziale seit Jahren nicht genutzt?

Statt den Standort Zollverein, der schon im Jahr 2012 mehr als eine halbe Milliarden Euro verschlungen hatte, endlich einer Ex-Kulturhaptstadt würdig zu entwickeln, werden ständig die gleichen Fehler gemacht. Zollverein braucht keine Verwalter, wie seinen Noch-Vorstandschef Hermann Marth oder seine beiden Nachfolger, der Historiker Prof. Heinrich Theodor Grütter und der Diplom-Geograph Prof. Dr. Hans-Peter Noll, der eine Chef des Ruhr Museums, der andere Vorsitzende der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien. Was Zollverein braucht ist eine Intendanz, junge, dynamische und unverbrauchte Köpfe mit Visionen, keine Grundstücksverwalter.

Die Lüftung des Anstoßes

Dass die Stiftung Zollverein nun bereits seit Monaten mit einem ihrer Mieter wegen einer simplen Lüftung, die sie mietvertraglich zugesichert hat, im Clinch liegt, unterstreicht eindrucksvoll, wie die Stiftung Zollverein tickt. Es kann doch nicht so schwierig sein zwei Löcher für Zuluft und Abluft in die Wand zu bohren, Denkmalschutz hin oder her. Was alleine dieses unsinnige Verfahren den Steuerzahler kostet, der es über Zuschüsse des Landes und der Stadt Essen mitfinanziert, will ich gar nicht wissen. Es würde mich bloß noch mehr ärgern.

In diesem Sinne: Glück auf!
Ihr Pascal Hesse
Kolumnist der Polit-Kolumne ‚Hesse ist überall‘

print

Kommentare