Putins Endspiel – In Syrien bestimmt Russland die Nachkriegsordnung

 

Für Wladimir Putin hat das Endspiel im syrischen Bürgerkrieg begonnen: Er ließ Baschar al-Assad aus Damaskus in die Olympiastadt Sotschi am Schwarzen Meer einfliegen und gratulierte seinem Schützling zum „unvermeidlichen Sieg im Kampf gegen die Terrortruppen.“ Zum aus der Sicht des Kreml „diplomatischen Marathon“ des russischen Präsidenten zählte in der vergangenen Woche schließlich das Gipfeltreffen Putin mit dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani und dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan, um die Nachkriegsordnung auszuhandeln. Und auch Irans regionaler Gegenspieler Saudi-Arabien, dessen König vor kurzem zum erstem Mal von Putin in Moskau empfangen wurde, sucht die versprengten syrischen Oppositionskräfte für die nächste Runde der Genfer Syrien-Verhandlungen zu gewinnen. Am 2. Dezember schließlich kommen in Sotschi fast 1500 Vertreter der syrischen Volks- und Religionsgruppen zusammen: Ein „Nationalkongress“ soll eine Reform der syrischen Verfassung zu diskutieren.

Die aktuelle Entwicklung offenbart, wie sehr sich die Machtbalance im Nahen Osten verändert hat. Während Putin letzte Woche Russland demonstrativ als internationale Ordnungsmacht präsentierte, begnadigte US-Präsident Donald Trump zum Thanksgiving traditionsgemäß zwei Truthähne und frönte anschließend dem Golfspiel in Florida. Deutlicher konnte er Amerikas Rückzug aus der Krisenregion nicht demonstrieren. Zwar unterstützten amerikanischen Spezialkräfte nach dem fast beendeten Feldzug gegen den extremistischen „Islamischen Staat“ noch die kurdischen Einheiten im Norden Syriens – sehr zum Verdruss des türkischen Staatschefs. Aber das Heft des Handelns liegt bei Russland.

Populär war Putins militärisches Engagement seit 2015 daheim nie. Auch deshalb ließ er seinen Generalstabschef Waleri Gerassimow jetzt – mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im kommenden März – verkünden, noch in diesem Jahr mit dem Rückzug der russischen Soldaten zu beginnen. Zurück bleiben zwei Militärstützpunkte und ein Zentrum zur Überwachung der Feuerpausen. Und der Diktator Assad. Nach fast sieben Jahren Blutvergießen, 500 000 Toten, über 13 Millionen Vertriebenen und geschätzten wirtschaftlichen Schäden von mindestens 225 Milliarden US-Dollar hat er klar die Oberhand: Die Regierungstruppen kontrollieren, abgesehen von wenigen Rebellenbastionen, nahezu das ganze Land. Noch wird in Syrien geschossen, noch bedarf es des Endes aller Kampfhandlungen, um den Friedensprozess in Gang zu bringen.

Die Gewinner und Verlierer dieses brutalen Stellvertreterkrieges um Macht und Vorherrschaft im Nahen Osten stehen längst fest. Gestärkt geht der schiitische Iran aus dem Konflikt hervor, der seinen ideologischen Einfluss ausgeweitet hat. Geschwächt sind das sunnitische Saudi-Arabien und die Golfstaaten. Außen vor sind die Europäer. Obwohl die Flüchtlingsströme zeigen, wie sehr sie betroffen sind.

Richard Kiessler           26.11.2017

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