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Mittwoch, 24. Januar 2018
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Welterbe Zollverein: Arabische Investoren zeigen Interesse

Norbert Brauckmann mit einigen seinen Mitarbeiterinnen in der 'Butterzeit'. Foto: Pascal Hesse
Mit seinem Vermieter, der Stiftung Zollverein, liegt Norbert Brauckmann vor Gericht. Der Gastronom und Inhaber der ‚Butterzeit‘ auf dem Weltkulturerbe Zeche und Kokerei Zollverein denkt mittlerweile über die Veräußerung seines Unternehmens samt langjährigem Mietvertrag nach. Foto: Pascal Hesse

Von Pascal Hesse

Norbert Brauckmann, Geschäftsführer der 'Butterzeit'. Foto: INFORMER

Norbert Brauckmann, Geschäftsführer der ‚Butterzeit‘. Foto: INFORMER

Eine Lüftung in der Küche, die mietvertraglich vereinbart ist für rund 6.500 Euro, um mehr geht es nicht im Streit zwischen Gastronom Norbert Brauckmann und der Stiftung Zollverein unter Leitung von Hermann Marth. Der INFORMER berichtete hierüber als erstes. Das sich hin ziehende Gerichtsverfahren, die Sorge um die Jobs seiner Mitarbeiter und nun auch noch die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit an der Lüftungs-Posse der ‚Butterzeit‘ belasten den 59-Jährigen schon lange, macht der Rüttenscheider im Gespräch deutlich. Der INFORMER, Zeitungen und zuletzt das Fernsehen hätten sich für seinen Rechtsstreit mit der Stiftung interessiert. „Ich bin hier angetreten, um ein gutes gastronomisches Angebot für die mittlerweile wenigen Besucherinnen und Besucher von Zollverein anzubieten. Doch die ganze Sache nervt mich – gerade im Hinblick auf die Perspektive der Halle IV, die ein Damoklesschwert über meinem Betrieb und meinen Mitarbeitern darstellt. Eröffnet dort wie geplant eine Gastronomie, bedeutet das für die ‚Butterzeit‘ das Aus, denn die Halle IV spricht die gleiche Zielgruppe an, die auch ich bewirtschafte. Und das nur gut 200 Meter entfernt. Bei ihrer Planung, über die ich nicht informiert wurde, fühle ich mich von der Stiftung ausgenutzt und von Anfang an getäuscht. Meine ‚Butterzeit‘ wurde als Interimsgastronomie missbraucht, bis die Halle IV nach langjährigen, kostspieligen und mühseligen Versuchen der Stiftung Zollverein einen Betreiber findet – und eröffnet.“ Bereits in der Gerichtsverhandlung wurde dieser Sachverhalt zum Thema gemacht.

Lieber hätte der Gastronom für die Halle IV „eine sinnvolle Planung“ umgesetzt gesehen, wie er im Gespräch mit dem INFORMER deutlich macht. Doch der Stiftung gehe hier es seiner Ansicht nach nur um das eine: Mieteinnahmen statt zufriedenen Besucherinnen und Besuchern. Brauckmann: „Leider soll die Halle IV nicht als ebenerdiges und gut sichtbares Besucherzentrum mit behindertengerechten Toiletten in unmittelbarer Nähe zu Doppelbock und ‚RuhrMuseum‘ genutzt werden. Das ‚RuhrMuseum‘ würde durch Platz, der durch einen Umzug des bisherigen Besucherzentrums entstehen würde, zusätzliche und beeindruckende Ausstellungsflächen hinzu gewinnen. Um solche Flächen würde sich jeder Museumsdirektor reißen. Mit einer Gastronomie ist diese einmalige Chance vertan. An vergleichbaren Orten der ‚Route der Industriekultur‘ im Ruhrgebiet wird viel weiter gedacht. Auch an diesem eindrucksvollen Beispiel wird wieder einmal deutlich: Auf Zollverein geht Kommerz vor Kultur.“

In der ursächlichen Lüftungsfrage sei seitens der Stiftung bislang nichts geschehen; die mediale Aufmerksamkeit und Berichte hätten jedoch unerwartetes Interesse an Norbert Brauckmanns Betrieb geweckt: „Es meldete sich unter anderem ein Vertreter einer arabischen Investorengruppe bei mir. Er sei Unternehmer, komme gebürtig aus dem Libanon und könne sich eine Kooperation wie ebenfalls die Übernahme meines Unternehmens samt Mietvertrag mit der Stiftung Zollverein vorstellen, wenn denn der Preis stimmt. Mein Vertrag geht noch neuneinhalb Jahre. Die Gastronomie mit ihrem großen Außengelände eigne sich schließlich perfekt für das Feiern von großen Hochzeiten und Familientreffen, wie auch für interkulturelle Partys. Ob dort unter der Woche, wenn nicht geheiratet wird, Shishas geraucht werden könnten, wird aber noch zu prüfen sein. Bei dieser Frage war ich überfragt. Das bedarf sicher eine entsprechende Konzession, aber so etwas kann man ja bekommen.“ Brauckmann, der an die unternommenen Anstrengungen der Maßnahme ‚Zollverein Mittendrin‘ zur Stadtteil-Integration erinnert, könne sich eine derartige interkulturelle Begegnungsstätte auf dem Welterbe gut vorstellen. „Das hat Charme und wäre sogar förderungswürdig“, so der 59-Jährige.

Brauckmann: „Verloren haben am Ende die Menschen aus dem Bezirk Zollverein“

Hermann Marth (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein). Foto: RAG Montan Immobilien Immobilien

Hermann Marth, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein. Foto: RAG Montan Immobilien

Integration im Stadtteil, darum hat sich Brauckmann schon früher bemüht: Während der ‚Gourmet-Meile‘ ‚Metropole Ruhr’ stellte der Gastronom vor wenigen Jahren einen Pommes- und Bierwagen auf seinem Außengelände auf, um den Besuchern und Anwohnern des Bezirks Zollverein (Katern- und Stoppenberg sowie Schonnebeck) eine günstige und bodenständige Alternative zur Spitzen- und Sterneküche zu bieten. Doch daraus wurde nichts. Brauckmann: „Kurzerhand wurde ein mit Planen verhängter Bauzaun um mein Grundstück errichtet. Bis heute weiß ich nicht, wer den damals bezahlt hat und ob dabei Steuergelder im Spiel waren. Das sollte aber mal untersucht werden, denn dafür wären Fördergelder aus dem Landesetat schließlich nicht da. ‚Billigbier‘, wie es die WAZ damals fälschlicherweise nannte, habe ich aber nicht verkauft. Bei mir gab es Stauder.“ Die Situation eskalierte, die Medien berichteten. Eine ähnliche Dramaturgie hatte die Situation bei weiteren Veranstaltungen. Brauckmann wundert sich: „Die Stiftung vermietet mir eine Gastronomie und einen Biergarten. Ich zahle da jeden Monat Miete für. Nach der ‚Gourmet-Meile‘ fängt die Stiftung an zu diskutieren, was ich in meinem Biergarten darf und was nicht. Natürlich mit anwaltlicher Unterstützung, finanziert durch den Steuerzahler. Alleine das ist schon eine Frechheit!“

Seinerzeit sei Brauckmann mitgeteilt worden, dass die Stiftung für rechtliche Auseinandersetzungen einen großzügigen Etat von rund 50.000 Euro jährlich hätte. Heute liegt er bei etwa 82.500 Euro, wie aus einem internen Bericht der Stiftung Zollverein hervor geht. Er liegt der Redaktion vor. Warum die Erhöhung des Etatpostens notwendig war, wo doch Stiftungschef Hermann Marth selbst Jurist ist, ergibt sich daraus nicht. Zahlreiche Gespräche später, teils ebenfalls mit anwaltlicher Unterstützung, einigen sich Brauckmann und die Stiftung Zollverein auf einen Kompromiss. „Ich habe fortan verzichtet während der Gourmet-Meile einen Pommes- und Bierwagen für die Besucher aufzustellen, dafür erlässt mir die Stiftung im Winter stets zwei Monatsmieten für die ‚Butterzeit‘. Seither ist die Sache erledigt. Verloren haben am Ende die Menschen aus dem Bezirk Zollverein, die sich keine Gourmet-Speisen und kein Gourmet-Getränke leisten können, aber dennoch am gesellschaftlichen Spektakel auf Zollverein teilhaben wollen.“

Verlauf der ‚Butterzeit’: bereits ein Angebot abgelehnt

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ‚Butterzeit‘ auf Zollverein droht der Verlust ihres Arbeitsplatzes. Die Verantwortung dafür sieht Norbert Brauckmann bei der Stiftung Zollverein und ihrem Vorstandsvorsitzenden Hermann Marth. Foto: INFORMER

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ‚Butterzeit‘ auf Zollverein droht der Verlust ihres Arbeitsplatzes. Die Verantwortung dafür sieht Norbert Brauckmann bei der Stiftung Zollverein und ihrem Vorstandsvorsitzenden Hermann Marth. Foto: INFORMER

Sein Gerichtsverfahren mit der Stiftung Zollverein vor dem Landgericht Essen (AZ 5 O 145/16) geht derweil in die nächste Runde. „Soweit mir bekannt ist, soll ich nun weitere 2.000 Euro für einen Gutachter bezahlen, der sich mit der Lüftungsthematik beschäftigt. Das mache ich natürlich gerne“, betont Brauckmann. Es gehe im Kern um das Ankreuzen einer ‚raumlufttechnischen Anlage‘ durch den Bauherren im Bauantrag. Ebenso dürfe der Begriff der ‚Aufwärmküche‘ auszulegen sein, denn diesen kennt das Baurecht in Deutschland nicht. Brauckmann: „Dass ich der Bauherr gewesen bin, wie die WAZ fälschlicherweise behauptet hat, möchte ich noch einmal ausdrücklich zurückweisen. Bauherr war nachweislich die Stiftung Zollverein. Leider hat es die Zeitung nicht für nötig gehalten sich zu korrigieren, obwohl ich sie schriftlich dazu aufgefordert und sogar Belege vorgelegt habe. Noch nicht einmal gemeldet hat man sich auf mein Schreiben hin. Hingegen haben sie einen zweiten Artikel gebracht und die von mir angemahnten Fehler auch darin nicht korrigiert. Als früherer Veranstalter des Landesmedienballs bin ich seitens der Presse eine andere Sorgfältigkeit und Qualität gewohnt.“

Ob Norbert Brauckmann am Ende sein Unternehmen verkaufen wird, weiß er noch nicht. „Es kommt ganz darauf an, ob für meine Mitarbeiter eine berufliche Perspektive besteht. Hätte ich nicht ein sehr gutes Team vor Ort und hohe Investitionen aus privaten Mitteln geleistet, wäre die Sache viel einfacher: dann hätte ich schon längst verkauft. Was das angeht, bin ich sehr weltoffen: Im vergangenen Jahr habe ich noch ein gutes Angebot eines türkischstämmigen Kollegen abgelehnt, aufgrund der fehlenden Lüftung. Diese müßige Auseinandersetzung wollte ich keinem Kollegen zumuten.“

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