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Mittwoch, 13. December 2017
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Der INFORMER-Ratgeber Gesundheit von Kampfkunst-Experte Sensei Alfons Pinders – Dezember 2017

Kampfsportlehrer sind sich selten einig –besonders, wenn sie aus unterschiedlichen Stilrichtungen kommen. Jeder vertritt seine Selbstverteidigungskunst mit erhobenen Fahnen und hält sie für die Beste überhaupt. Umso bemerkenswerter, dass mir Michael, ein Taekwondolehrer, im Gespräch zustimmt, dass es nicht hauptsächlich um das ‚Was ich mache‘, sondern um das ‚Wie ich es mache‘ in der Selbstverteidigung geht. Einigkeit herrscht auch im Bezug auf diejenigen, die sich erst für ein Training der Kampfkunst entscheiden, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

JEDE GESCHICHTE IST PERSÖNLICH

Mir fiel sofort Claudia ein. Vor einigen Jahren leitete ich einen Selbstverteidigungskurs in Bredeney. Es war ein relativ großer Kurs mit ca. 28 Frauen. Claudia fiel mir durch ihren starken körperlichen Einsatz und stetiges Hinterfragen der Übungen auf. „Kann ich mich damit gut verteidigen? Würde eine Frau einen Mann damit k.o. schlagen können?“ Ihre Fragen bombadierten mich. Ich erklärte ihr, dass sich ein Erlernen der Selbstverteidigung nicht auf den technischen Teil reduziert. Automatisierung, körperliche Vorbereitung und mentales Training sind wichtige Faktoren, um die Verteidigung zu erlernen. Zur weiteren Erklärung verglich ich die Selbstverteidigung mit dem Klavierspielen. Man braucht Geduld – nach acht Stunden Klavierunterricht spiele ich auch keine Sonate. In ihren Augen stand ein Fragezeichen. Es war anders, als sie es sich vorgestellt
hatte, sie blieb aber weiter beim Training. Der Wille, etwas zu verändern, stand hinter ihr. Fünf Monate waren vergangen; Claudia trainierte fleißig und mit Erfolg. Ihr Körper hatte mehr Spannung erhalten, ihr Gang war dynamisch. Sie hatte das Erscheinungsbild einer selbstsicheren Frau gewonnen.

Eines Tages, nach dem Unterricht, kam sie zielstrebig auf mich zu und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du zu meiner Genesung beigetragen hast.“ Ich war verdutzt. Sie meinte: „Lange Zeit war ich psychisch instabil und in ärztlicher Behandlung. Mein Exfreund schlug mich. Nach der schwierigen Trennung von ihm bin ich auf offener Straße beraubt und verletzt worden. Vor den Ereignissen hätte ich es mir nie träumen lassen, in so ein Dilemma zu geraten. Es geschah von heute auf morgen. Das Training bei dir hat mich verändert. Seit gestern habe ich auch die Bestätigung. Auf dem Weihnachtsmarkt griff ein Mann von hinten zwischen meine Beine. Ohne zu Denken drehte ich mich um, schrie ihn an und schlug zu. Er ging zu Boden,
rappelte sich auf und lief davon.“

Am Ende meiner Geschichte über Claudia räusperte sich Taekwondolehrer Micheal und verkündete: „Ja, genau. So was kenne ich auch.“ „Nein“, entgegnete ich, „kennst du nicht. Denn jede Geschichte hinter dem Menschen ist seine eigene, ganz spezielle Geschichte.“ Das ist der Grund, warum sich jeder Trainer seiner Verantwortung, den Kursteilnehmern gegenüber, immer vergegenwärtigen sollte.

 

 

 

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