Deutsch, Deutscher und Tschüss – Hallo Türkei

Bild: Sabine Müller

Wer von Bürokratie, sozialer Absicherung und einer Rente mit der man auch im Alter gut leben kann redet, wird mit großer Sicherheit nicht als erstes an die Türkei denken. Doch genau das ist der Fall. Sabine Müller ist Auswanderin und erzählt uns, wie sie 1993 endgültig ihrer Heimat Deutschland den Rücken kehrte und all diese Dinge in der Türkei wiederfand.

von Sümeyye Algan

Alles fängt 1988 an. Als Langzeiturlauberin mit einem Rucksack auf dem Rücken entdeckt Sabine Müller, heute 50 Jahre alt, die Schönheit und Gastfreundlichkeit der Türkei. „Ich habe die Türkei und besonders seine netten Einwohner so sehr schätzen gelernt, dass ich zu Hause angekommen bereits die Tage gezählt habe, bis ich wieder in den Urlaub fliegen konnte“, erzählt sie. Sehr bald wird der Gedanke konkreter, doch es soll noch ganze fünf Jahre dauern, bis sie die Türkei als ihre neue Wahlheimat bezeichnen kann. Denn ihren Plänen stellen sich Hürden, die sie vorher nicht bedacht hatte. „Meinen eigentlichen Beruf in der Labormedizin konnte ich damals in der Türkei nicht ausüben. Für Ausländer war der nämlich nicht gestattet.“ Also fängt sie an, sich nach anderen Möglichkeiten umzuschauen, hängt ihren Job an den Nagel und beschließt als Reiseleiterin für einen kleinen Berliner Reiseveranstalter zu arbeiten. „Damals war der Tourismus noch komplett in den Anfängen. Die wenigen Gäste, die kamen, waren unheimlich interessiert an Land und Leuten und offen für das Landestypische.“

Sie beginnt die neue Herausforderung zu lieben und bleibt in ihrem neuen Job. Zunächst noch als Reiseleiterin und später dann, mit den steigenden Ansprüchen der Gäste und der steigenden Zahl an reisebegeisterten Türkeiurlaubern, als Chefreisebegleiter-Assistentin bei bei Alltours. 2010 wechselt sie zu Meeting Point, der FTI-Incoming-Tochter, und ist gebietstechnisch von Kemer bis Alanya zuständig. „Zu dieser Zeit wurde der Tourismus immer internationaler und das Landestypische trat immer mehr in den Hintergrund und machte dem Massentourismus Platz“, stellt sie fest.

Von der Rucksacktouristin zur Auswanderin

Bevor sie den Schritt wagt, stellt sie sich die Frage, ob das Leben in der Türkei denn immer noch genauso schön sei, wenn sie denn hier leben würde. Aber lange verschwendet sie keinen Gedanken über eine Antwort, denn für sie steht fest, dass sie nicht wieder in das kalte und anonyme Deutschland mit seinem Alltagstrott zurückkehren möchte. „Inzwischen hatte ich eine Wohnung erworben und war sogar stolze Besitzerin eines Rennpferdes. Das war schon immer mein Kindheitstraum,“ erzählt sie glücklich. Um sich von den dortigen Arbeitsbestimmungen unabhängiger und freier zu machen, beschließt sie, neben der deutschen Staatsangehörigkeit, auch die türkische zu beantragen und merkt jetzt, dass sich die Bürokratie in der Türkei kein bisschen von der deutschen Bürokratie unterscheidet. „In beiden Ländern ist die Bürokratie einfach nervenaufreibend und steht und fällt weniger mit den Gesetzen, als vielmehr mit der Intelligenz der Verwaltungsangestellten.“ 2006 bekommt sie den türkischen Pass. „Das ist das Land in dem ich „alt“ werden möchte“, ist sie überzeugt.

Die Türkei – ein Land voller Möglichkeiten und Facetten

Für Sabine ist ihre neue Wahlheimat ein buntes Land mit einer Mischung aus modernen Errungenschaften und traditioneller Lebensweise. „Hier wird alles viel intensiver gelebt, spontaner, mit viel Neugier und einer unerwartet hohen Toleranz, Hilfsbereitschaft und Offenheit. Unabhängig von politischer Einstellung, Religion, Geschlecht oder welchen Fußballverein man favorisiert. Frei nach Goethes Faust: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, sagt Sabine und fügt hinzu: „Die Türkei, in die ich mich 1988 verliebt habe hat sich natürlich stark verändert, zum Glück fast nur zum Besten. Von ganz banalen Dingen wie Katzenfutter, das es Mitte der 90’er Jahre nur in einem Geschäft in Alanya zu kaufen gab und jetzt in jedem Supermarkt zu finden ist, bis zur Rente, von der man hier in der Türkei, im Gegensatz zu der Rente in Deutschland, auch leben kann.“

In der Türkei sei die Beziehung zu den Nachbarn teilweise stärker als die zu der eigenen Familie oder zu den Freunden. Inzwischen ist Sabine mit einem türkischen Mann verheiratet und wurde als „deutsche Schwiegertochter“ herzlich in die Familie aufgenommen. „Und nein, niemand hat von mir erwartet, dass ich zum Islam konvertiere oder ein Kopftuch trage. Man wird einfach als Mensch akzeptiert, auch von den Familienmitgliedern, die ihren Glauben aktiv ausleben.“

Skepsis vs. Offenheit

Sie erinnert sich: „Nicht selten hatte man mich gefragt, wie ich denn als Frau alleine in der Türkei leben kann? Ob das nicht zu schwer sei? Aber für mich war das nie eine relevante Frage. Mittlerweile spricht Sabine Türkisch und kann sich gut verständigen. Sie erzählt von ihren alltäglichen Erfahrungen, wie dem Gemüsehändler „der einem den Großeinkauf bis zum Auto trägt“ oder von den Menschen „die einem im Bus selbstverständlich einen Platz anbieten“. Insgesamt fünf Mal hatte sie bereits einen Platten. „Aber bisher hatte ich nur einmal die Chance, den Reifen auch selber zu wechseln, obwohl ich es sehr wohl kann! Innerhalb von ein paar Minuten hat jedes Mal jemand wildfremdes gehalten, um mir den Reifen zu wechseln und mir partout nicht erlaubt, es selber zu tun. Das würde einer Frau in Deutschland bestimmt nicht passieren.“

Heute lebt Sabine in Manavgat, einer Stadt bei Antalya. Sie ist sich sicher: „Einmal Türkei, immer Türkei. Die Türkei steht jedem offen, man muss nur offen sein und sich auf Land und Leute komplett einlassen.“



    
 
       
 
    
 
 
   
 
   

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