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Mittwoch, 20. June 2018
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True Warriors – ein Leben zwischen Terror und Alltag

Am 11. Dezember 2014 kam es in Kabul während einer Theatervorführung zu einem Selbstmordanschlag. Ronja von Wurmb-Seibel und ihr Partner Niklas Schenck verarbeiten in ihrer Dokumentation True Warriors dieses Ereignis mit den Betroffenen. Sie erzählen authentisch, hautnah und distanzlos über die Vorfälle. Der Zuschauer wird in 90 Minuten berührt, bewegt, zum Nachdenken gebracht, ohne sich den Eindrücken entziehen zu können. Mit viel Gefühl und Händchen bringen Ronja und Niklas die Vorstellungskraft der Zuschauer bis an die Grenzen und haben mit True Warriors ein Meisterwerk des Brückenbaus und der Abbildung der afghanischen Realität geschaffen.

Ich habe beide nach der Aufführung getroffen.

Von Sümeyye Algan

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Wie seid Ihr auf die Idee zu dieser Dokumentation gekommen?

Niklas Schenck: Wir lebten damals für ein Jahr in Kabul und haben wenige Tage vor der Aufführung einige der Schauspieler kennengelernt. Sie luden uns zu ihrer Premiere ein. Für genau diesen Tag hatten wir aber unseren Rückflug gebucht und konnten diesen auch nicht mehr verschieben. Als wir dann zurück in Deutschland waren, haben wir in den Medien von dem Anschlag erfahren. Wir haben natürlich sofort versucht, unsere Freunde zu erreichen. Sie erzählten uns verblüffende, bewegende, brutale Details zu dem Anschlag – alles Geschichten, die man in den Nachrichtenmeldungen zu solchen Anschlägen nicht erfährt. An dem Abend lief in der Tagesschau die klassische Meldung: „Bei einem Anschlag in Kabul ist ein Deutscher getötet worden.“ Danach tauchte das Ereignis in deutschen Medien nicht mehr auf – bis jetzt. Unser Film erzählt, wie die Geschichte weiterging. Was man sonst nicht erfährt: Wie die Leben von 350 Menschen, die an dem Tag im Saal saßen, durch den Anschlag für immer verändert wurden.

Ronja v. Wurmb-Seibel: Bevor wir mit den Interviews gestartet sind, haben wir mit Traumatherapeuten gesprochen. Wir wollten wissen, ob wir die Überlebenden mit unseren Fragen zu sehr aufwühlen könnten – bzw. wie wir die Interviews anlegen, damit das möglichst nicht passiert. Die meisten wollten unbedingt bei dem Film mitmachen, aber wir haben auch viel darüber gesprochen, wie gefährlich es sein kann, sich so exponiert zu zeigen und kritisch zu äußern. Einige deutsche Entwicklungshelfer wollten nicht vor der Kamera mit uns sprechen, weil sie ihren Familien noch gar nicht erzählt hatten, dass sie bei dem Anschlag dabei waren.

Niklas Schenck: Wir waren sehr beeindruckt, wie mutig die Protagonisten auf ihre Angst zugegangen sind, auch in den Interviews. Zum Beispiel der Leiter der afghanischen Musikschule ANIM, Ahmad Sarmast. Nach einer Stunde Interview haben wir ihn gefragt, wie er sich fühlt, wenn er uns von dem Tag erzählt. Er fing an zu lachen und sagte: „Jetzt tut es gut, dass wir reden. Aber vorher, am Anfang des Interviews, hätte ich fast alles abgebrochen. Ihr habt kurz miteinander auf Deutsch geredet und plötzlich war ich überzeugt, dass ihr mich umbringen wollt. Aber dann hab‘ ich mir gesagt: Nein, das ist nur deine Angst. Du musst sie überwinden.“

„Wir haben die Interviews mit den Afghanen in einem Underground Club geführt, weil es dort schalldichte Wände gab.“

Mit welchen anderen Hürden wurdet Ihr vor und während des Drehs noch konfrontiert?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Die größte Hürde war die Finanzierung. Wir haben erst nach 18 Monaten das erste Geld zugesagt bekommen – kurz bevor unser Erspartes komplett aufgebraucht war. Und der Schnitt war extrem aufwendig. Wir waren acht Monate, teilweise in Tag- und Nachschichten damit beschäftigt. Das war eine intensive Zeit. Wir haben mit 70 Stunden Interview-Material in zwei Sprachen angefangen, die wir dann nach und nach so ineinander verschnitten haben, dass die fast 30 Protagonisten zusammen eine Geschichte erzählen, und nicht jeder nacheinander seine eigene. An vielen Stellen bedeutete das: nach jedem Satz ein Schnitt zur nächsten Person. Gerade weil unser Film fast nur aus Interviews besteht, war es uns wichtig, erzählerisch die Spannung zu halten – da mussten wir viel hin- und herprobieren. Viele Zuschauer haben uns jetzt gesagt, dass die Handlung so fesselnd ist, dass man meinen könnte, True Warriors sei ein Spielfilm. Das ist natürlich schön.

Niklas Schenck: Beim Dreh in Kabul war es nicht ganz einfach, einen Ort zu finden, an dem man die Kampfhubschrauber von draußen nicht hört. Wir haben die Interviews mit den afghanischen Überlebenden dann in einem Underground Club gemacht, weil es da schalldichte Wände gab – damit man draußen die Rockmusik nicht hört. Dort konnten die ausländischen Interviewpartner aber nicht hin, weil der Ort nicht den Sicherheitsauflagen ihrer Versicherungen entsprach. Diese Interviews haben wir dann in der deutschen Botschaft geführt – wo wiederum die meisten Afghanen keinen Zutritt bekamen.

Ronja v. Wurmb-Seibel: Daran sieht man das absurde Verhältnis, in dem Afghanen und Ausländer in Kabul zusammenleben. Sie wohnen in der gleichen Stadt, aber sie begegnen sich kaum.

Niklas Schenck: Und was den einen Sicherheit bringt, nämlich die hohen Mauern der Botschaften, wirkt für die anderen wie eine Falle, weil sie auf der Straße festsitzen, wenn es zu einem Anschlag kommt. So wie bei dem Anschlag nahe der deutschen Botschaft im Mai: Dort starben 150 Menschen, alle Afghanen.

Seht Ihr einen Unterschied zu dem Afghanistan, das wir hier in den Medien wahrnehmen, und zu dem Afghanistan, das Ihr persönlich erlebt habt?

Ronja von Wurmb-Seibel

Ronja v. Wurmb-Seibel: Total! Ich erinnere mich noch an den Abend, bevor ich das erste mal nach Afghanistan geflogen bin. Das war mit der Bundeswehr. Damals habe ich gedacht, ok, ich fliege jetzt in den Krieg – in der Form, wie wir in ständig in den Nachrichten sehen. Ich bin also im Grunde derselben Vorstellung aufgesessen, die viele von Afghanistan haben: ein einziger Kampfschauplatz. Die Wirklichkeit ist natürlich anders. Ja, es gibt Krieg und der zerstört langfristig alles. Aber es gibt trotzdem auch Alltag, in dem die Menschen versuchen, so gut wie es geht, klarzukommen – trotz aller Schwierigkeiten.

„Ich habe gedacht, ok, ich fliege jetzt in den Krieg.“

Niklas Schenck: Das Erstaunliche war: Jedes Mal, wenn wir wieder in Deutschland waren, hat sich unser Angstkonto wieder aufgefüllt – weil wir Nachrichten konsumiert haben; meist von Deutschland aus geschriebene Texte oder solche von Reportern, die nur für kurze Zeit im Land sind und unter Einfluss von viel Adrenalin schreiben. Wenn wir dann wieder zurück in Kabul waren, ist diese Angst wieder verflogen. Es macht wirklich einen großen Unterschied, ob man das Alltägliche sieht oder nicht.

Was waren Eure ursprünglichen Absichten, in Afghanistan zu leben, und haben sie sich mit der Realität gedeckt?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Ich hatte keine konkrete Vorstellung vom Leben dort. Wenn überhaupt, habe ich es mir vielleicht weniger ‚normal‘ vorgestellt. Ich habe wirklich gern in Kabul gelebt und wir haben schnell Freunde gefunden, mit denen uns bis heute viel verbindet. Ich hatte mir vorgenommen, in meinen Geschichten zu zeigen, was ‚im Krieg leben‘ eigentlich Tag für Tag bedeutet. Du bist ein junger Mensch und planst gerade dein Studium oder bereitest dich auf eine Prüfung vor – und plötzlich passiert ein Selbstmordanschlag. Selbst wenn niemand von deinen Angehörigen betroffen war, bist du für drei Tage in einem anderen Film, weil du alle deine Freunde und Verwandten abtelefonieren willst und vielleicht eine Cousine nicht ans Telefon bekommst.

Niklas Schenck: Ich habe lange gedacht, dass Leute sich im Alltag mit der Notwendigkeit des Krieges abfinden oder sich an seinen Effekt gewöhnen – aber das hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Jeder, der Gefechte oder einen Anschlag auch nur einmal aus nächster Nähe erlebt hat, spult danach bei jeder Explosion, die er hört, das eigene Erlebte wieder ab. Mit der Zeit wird also der Effekt immer schlimmer.

Ronja v. Wurmb-Seibel: Solange man – wie wir – keine Explosion aus nächster Nähe erlebt, fühlt man sich mit jedem neuen Ereignis, bei dem man selbst nicht getroffen wird, ein klein wenig sicherer, etwas weniger verwundbar – das ist natürlich Quatsch, aber es ist eben so ein Gefühl. So war das auch bei den Schauspielern in unserem Film. Obwohl sie im Krieg aufgewachsen sind, fühlten sich einigermaßen sicher. Sie hatten keine Angst auf der Bühne. Bis sie dann eben diesen Anschlag erlebten. Ab da kippt alles. Danach werden die Betroffenen mit jedem Anschlag immer tiefer und tiefer verwundbar.

Es gibt Alltag, aber die Gewalt ist nicht alltäglich.“

Sind die Menschen im Alltag sehr vom Krieg beeinträchtigt?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Auf jeden Fall. Ich würde sagen, bei den allermeisten ist eine gewisse Grundanspannung permanent vorhanden – aber die Menschen müssen ja trotzdem ihren Alltag irgendwie weiterleben. Man kann ja nicht sagen: So, jetzt setze ich mich in mein Wohnzimmer und warte, bis der Krieg vorbei ist. Man muss sich irgendwie arrangieren, ob man will oder nicht. Für uns Ausländer ist die Situation überhaupt nicht vergleichbar. Wir haben unseren Pass und damit die Sicherheit, jederzeit ausreisen zu können, wenn der Bürgerkrieg eskaliert. Keiner meiner afghanischen Freunde würde einfach so ein Visum bekommen. Die meisten Menschen in Kabul sitzen fest, und das wissen sie auch.

Niklas Schenck: Traumatherapeuten sind in Afghanistan anfangs mit dem westlichen Konzept von einer posttraumatischen Belastungsstörung vorgegangen. Aber sie haben schnell gemerkt: Man braucht eigentlich neue Konzepte. Denn in Afghanistan ist nichts ‚posttraumatisch‘. Man kann nicht mit dem Ansatz arbeiten: „Dein Körper fürchtet eine Gefahr, aber wir machen deiner Psyche jetzt deutlich: Diese Gefahr ist gebannt!“ In Afghanistan geht die Gefahr weiter. Man müsste eher von einem ‚kontinuierlichen traumatischen Stress‘ sprechen. Und die schlägt sich in Schlafstörungen, Aggression, Wut und Gewalt nieder – natürlich sind viele Konflikte dann schwer aufzulösen. Das ist keine Frage des Charakters, sondern ein psychisches Phänomen, bedingt durch die ausweglose Situation.

„Hoffnung bedeutet weiterzumachen, obwohl es kein Anzeichen gibt, dass es besser wird.“

Habt Ihr diese Spannung im Alltag – z. B. beim Busfahren oder Einkaufen – gespürt?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Eher nicht. Das Gehirn verdrängt ja auch viel. Ich glaube, wenn sich die Menschen in Kabul jeden Moment klarmachen würde, in welcher Gefahr sie leben, wären sie vor Angst total gelähmt. Das einzige, was uns wirklich aufgefallen ist, dass die Menschen viel bewusster mit Abschieden umgehen. Wenn sie morgens aus dem Haus gehen, wissen sie, dass es vielleicht das letzte Mal sein könnte, dass sie ihre Angehörigen sehen. Das ging uns mit der Zeit auch ein bisschen so.

Ronja von Wurmb-Seibel (l.) mit Sümeyye Algan (r.)

Niklas Schenk: Das Signal ist so fatal, wenn nach Anschlägen Botschaften dicht machen, Gelder abgezogen werden oder medienwirksam die Helfer aus dem Land ausreisen. Das hinterlässt bei vielen Menschen vor Ort das Gefühl, dass sie im Stich gelassen werden – und gleichzeitig steigen die Zahlen der zivilen Opfer. Ich komme auch nicht klar mit Sätzen, wie politisch interessierte Leute hier in Deutschland sie über Afghanistan oft sagen: „Dieses Land ist für immer verloren.“ oder „Die kommen aus dem Kriegszustand nie wieder raus.“ – das finde ich übergriffig. Für Millionen Menschen in Afghanistan ist es ja gar keine Option, die Hoffnung aufzugeben.

Ronja v. Wurmb-Seibel: Hoffnung bedeutet ja auch, weiterzumachen, obwohl es kein Anzeichen gibt, dass es besser wird.

Wie ist die ‚Junge-Leute-Szene‘ in Afghanistan? Gibt es dort junge Menschen, die sich für Demokratie und Menschenrechte engagieren? Und wenn ja, wie machen sie das?

Ronja v. Wurmb-Seibel: An meinem zweiten Tag in Kabul wurde der Tag des Friedens gefeiert. Ich war auf einer Konferenz, bei der über 400 junge Leute dabei waren. Und jeder dieser Teilnehmer arbeitet für eine NGO oder hat sogar selbst eine gegründet. Ich habe einige von ihnen gefragt, was ihre Hoffnungen sind und wie sie sich die Zukunft für Afghanistan vorstellen. Ein junger Mann sagte zu mir: „Wenn mein Sohn mich später fragt, was ich gemacht habe, damit der Krieg aufhört, will ich wenigstens sagen können, dass ich es versucht habe.“

„Es fehlt ihnen an Rückgrat, es fehlt die Distanz zu diesen Verbrechern und es fehlt der Wille, die jungen Leute zu stärken.“

Gibt es Unterstützung seitens der Regierung für das Engagement der Jugendlichen?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Leider fast gar keine. Das ist wirklich der größte Missmatch. 65 % der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, aber gleichzeitig haben die Alten die Macht. Die jungen Leute haben im eigenen Land keine politische Vertretung und auch die internationale Unterstützung fehlt. Mich beeindruckt es sehr, dass die jungen Leute letztlich für etwas kämpfen, was die meisten von ihnen gar nicht kennen, weil sie es einfach noch nie erlebt haben: Für Frieden, für Sicherheit; dafür, das Land selbst zu gestalten.

Niklas Schenck: Stattdessen trifft sich der deutsche Botschafter mit einem früheren Warlord wie Abdul Rasul Sayyaf, weil der viel Einfluss hat. Es fehlt vielen an Rückgrat und einer gesunden Distanz zu diesen Verbrechern – und es fehlt der Wille, die jungen Leute zu stärken.

Ronja v. Wurmb-Seibel: Letzten Endes beschwert sich jeder, dass sich nichts ändert. Aber diejenigen, die zu einer Veränderung beitragen könnten, bekommen keine Unterstützung. Ein positives Beispiel ist der ehemalige Botschafter Martin Jäger. Er wusste, dass er bei offiziellen Anlässen nicht mal so eben die ‚normalen‘ Leute – die ohne Macht – kennenlernt. Also hat er sie auf Twitter angeschrieben und zu sich in die Botschaft eingeladen, damit er ihre Perspektive erfährt.

Plant Ihr denn ein neues gemeinsames Projekt?

Ronja v. Wurmb-Seibel (lacht): Im Moment sind wir froh, wenn wir wieder durchatmen können. Die Zeit des Drehs und danach war schon sehr intensiv. Wir leben zusammen, wir arbeiten zusammen und wir waren nach dem Dreh acht Monate jeden Tag zehn bis zwölf Stunden im Schnittraum. Jetzt fahren wir mit dem Film ein paar Monate lang durchs Land, weil wir es wichtig finden, die Leute mit dem Film nicht allein zu lassen, und weil wir ins Gespräch kommen wollen.

Wie seht Ihr die Zukunft für die Menschen in Afghanistan?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Besser als in die Zukunft, kann man in die Vergangenheit schauen. Ich bin 2012 das erste Mal dort gewesen. Seither gibt es jedes Jahr mehr Verletzte, mehr Binnenflüchtlingen, mehr Arbeitslose, mehr Wohnungslose. Im Moment deutet leider alles darauf hin, dass es erstmal schlechter wird, als dass es sich bessert.

Niklas Schenck: Auch viele Freunde von uns, die immer bleiben wollten, sagen mittlerweile, dass sie es nicht mehr aushalten. Es betrifft die gesamte Bevölkerung, also nicht nur die Künstler. Aber der Weg raus aus dem Land ist für viele zu teuer, zu gefährlich, zu ungewiss.

Niklas Schenck

Eine letzte Frage noch, so von Frau zu Frau: Wie ist es als Frau in Kabul? Kann man sich ohne Gefahr in der Öffentlichkeit bewegen?

Ronja v. Wurmb-Seibel: Also ich hatte nie das Gefühl, in Gefahr zu sein. Ich habe Kopftuch und afghanische Kleidung getragen, aber man sieht mir natürlich an, dass ich keine Afghanin bin. Klar gab es Menschen, die nicht mit mir sprechen wollten, weil ich Ausländerin bin. Aber das fand ich auch völlig in Ordnung. Ich finde es eine absurde Vorstellung, in einem fremden Land irgendwelche Regeln verändern zu wollen. Ich habe mich als Gast gesehen und mich dementsprechend auch als Gast verhalten. Als afghanische Frau ist es etwas anderes, dort zu leben. Vieles im Alltag ist weit entfernt von Gleichberechtigung. Aber ganz ehrlich: In Deutschland sind wir auch noch weit entfernt von wirklicher Gleichberechtigung. Ich finde, jeder soll sich erstmal in seinem eigenen Land um Veränderungen bemühen, bevor er anderen sagt, wie sie zu leben haben.

„Wer sind wir zu urteilen, was die Frauen in Afghanistan möchten?

Wer sind wir, dass wir uns ein Urteil darüber erlauben, was die Frauen in Afghanistan möchten? Wir sollten hier anfangen mit den Frauenrechten. Und wenn unsere Männer sich vorbildlich verhalten, dann wird ihr Vorbild in die Welt strahlen. In Kabul habe ich zum Beispiel sehr viele feministische Männer kennengelernt.

Vor allem die ganze Debatte um Kopftuch und Burka finde ich vollkommen absurd. Ich habe viele starke Frauen mit Kopftuch getroffen – in Afghanistan und in Deutschland. Emanzipation lässt sich nicht an Kleidungsstücken messen, egal ob Bikini oder Burka. Und ganz ehrlich, die Frauen, die ich in Afghanistan kennengelernt habe, haben ganz andere Probleme: Armut und mangelnde medizinische Versorgung. Die Kindersterblichkeit ist in Afghanistan nach wie vor extrem hoch und viele Frauen sind Witwen. Mich stört diese Überheblichkeit in Deutschland – auch in der Berichterstattung. Jedes Mal, wenn in einem Beitrag die Burka erwähnt wird, ist die Rede von ‚Wesen, die über die Straße huschen.‘ Das sind verdammt nochmal ‚Frauen‘, die ‚gehen‘! Mehr nicht.

Niklas Schenck, Ronja von Wurmb-Seibel und INFORMER-Redakteurin Sümeyye Algan nach dem gemeinsamen Interview.

Liebe Ronja, lieber Niklas, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns, Euch bald auch in Essen willkommen zu heissen und wünschen Euch weiterhin eine erfolgreiche Deutschlandtour und viele neugierige Menschen, die die Kinosäle füllen.

 

 

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