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Samstag, 21. April 2018
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„Zufrieden? bin ich nicht wirklich. Es gibt immer noch mehr zu erreichen.“

Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer. Foto: Christoph Bubbe
Ob Essens scheidender Kultur- und Sportdezernent  Andreas Bomheuer zufrieden mit seiner Arbeit ist, will INFORMER-Redakteur Pascal Hesse wissen. Seine Antwort: „Ehrlich gesagt: ich bin nie zufrieden. Denn es gibt immer noch mehr zu erreichen. Daran verzweifelt auch meine Büroleiterin.“ Foto: Christoph Bubbe

Von Pascal Hesse*

Alles beginnt mit einer gigantischen Party, damals 2010, als mit Andreas Bomheuer ein neuer Kulturdezernent in Essen seine Arbeit aufnimmt. Oliver Scheytt, sein Vorgänger im Amt, hatte zuvor den Titel ‚Europäische Kulturhauptstadt‘ erfolgreich in das Ruhrgebiet geholt und fortan die Organisation der prestigeträchtigen kulturellen Sause als Chef der damaligen ‚Ruhr.2010 GmbH‘ übernommen. Ein Jahr lang feiert sich das Ruhrgebiet selbst. Im Essener Rathaus muss Scheytts Stuhl neu besetzt werden, mit jemandem, der etwas von Kunst, Kultur, Bilanzen und Rotstiften versteht. Bomheuer übernimmt.

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

In der Stadt ist ‚der Neue‘ jedoch kein Unbekannter: Nach dem Studium der Kunst, Pädagogik und Sozialwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen wird Bomheuer einer der ersten hauptamtlichen Mitarbeiter des in den 1970er Jahren von Altenessener Bürgern, Jugendlichen und der örtlichen Kirchengemeinde gegründeten sozio-kulturellen Zentrums in der Zeche Carl. Bomheuer war bei der Gründung des ‚Vereins Initiative Zentrum Zeche Carl‘ 1978 mit dabei. Der Umbau des alten Casino-Gebäudes der Zeche Carl stand im Vordergrund, gleichzeitig dessen Bespielung und Nutzung. 1988 verlässt Bomheuer Essen beruflich, um den Kulturrat in Bottrop zu leiten, dann die ‚Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren‘. Als einer von drei Sprechern des erfolgreichen Bürgerbegehrens Saalbau / Philharmonie macht sich der parteilose Sozio-Kulturexperte in Essen einen Namen. Als selbstständiger Unternehmer und Berater sowie später Geschäftsführer und Gründungsdirektor des ‚rock‘n‘popmuseums‘ für Populärkultur im westfälischen Gronau empfiehlt sich Andreas Bomheuer als Geschäftsführer der Kulturstiftung NRW, wird 2006 Kulturamtsleiter in Bonn und zwei Jahre später auf Bestreben der Grünen und Christdemokraten Beigeordneter der Stadt Hattingen. Nicht zu vergessen: er war lange Jahre zudem Vorsitzender des Kulturbeirates der Stadt Essen.

Acht Jahre im Amt

2009 wählt der Rat der Stadt Essen den damals 57-Jährigen auf Vorschlag einer bunten Mehrheit aus CDU, Grünen, FDP und EBB einstimmig zum neuen Kulturdezernenten. Mit dem 31. Dezember 2017 endet nun die achtjährige Amtszeit Bomheuers und damit ebenso sein Wirken im Verwaltungsvorstand der Stadt Essen. Gemeinsam mit dem INFORMER blickt Bomheuer zurück auf seine Amtszeit, auf Erfolge und Misserfolge, auf verwirklichte und nicht verwirklichte Ideen und Visionen.

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Neben dem Kulturdezernat kümmert sich Bomheuer zunächst ebenso um die Integration und später um den Bereich Sport. Die kurz vor bzw. im Jahre 2010 neu eröffneten Institute Alte Synagoge, das Haus jüdischer Kultur, sowie das Stadtarchiv mit dem Haus der Essener Geschichte mussten für die Zukunft betrieblich abgesichert werden. In seine Amtszeit fällt ebenso die Neuausrichtung des Kulturbüros.

Herr Bomheuer, damals 2010: Essen war ein Jahr lang Kulturhauptstadt Europas. Sie haben damals Ihren Schreibtisch im Gildehof eingeräumt — und angefangen als Dezernent. Wie war das damals?

Bomheuer: In der Rückschau sage ich heute: Das war eine große Party — für Essen und das Ruhrgebiet. Aus der kulturellen Entwicklung betrachtet ist die Kulturhauptstadt durch Initiativen von Roland Günter oder auch der Zeche Carl vorbereitet worden. Sie haben die neue Identität der Region geprägt. Sie haben dazu beigetragen, dass identitätsstiftende Orte wie Zechen, alte Fabrikhallen oder Bahnhöfe auch als Zeugen der Geschichte erhalten blieben. Menschen wie ihnen, allen voran übrigens Karl Ganser, ist zu verdanken, dass zum Beispiel die Zeche und die Kokerei Zollverein nicht abgerissen wurde. Denn der Abriss war damals im Gespräch — und wurde gerade noch rechtzeitig verhindert. Mit dieser Entwicklung war es völlig konsequent und richtig, dass wir Kulturhauptstadt Europas 2010 geworden sind: Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel. Das war und ist unser Leitsatz.

Folglich war das Kulturhauptstadtjahr Ihr persönlicher Höhepunkt als Dezernent?

Bomheuer: Nein, kein persönlicher. Ein Höhepunkt war sie, die Kulturhauptstadt, gemacht von Oliver Scheytt. Natürlich war es dadurch einfacher, Kulturarbeit in unserer Stadt zu machen. Wenn man sich als Region mit 53 Städten und Gemeinden für ein solches Ereignis wie die Kulturhauptstadt entscheidet, dann ist seit der Bewilligung oder schon seit der Bewerbungsphase eine Art Schutzschirm über der Kultur. Und das ist auch richtig und gut so, denn sonst gelingt so ein Ereignis nicht. Wir haben das in Essen hervorragend nutzen können — doch den Rückschlag nach 2010 —, er war deutlich zu spüren. Denn es hieß: Jetzt sind auch mal andere dran, andere als die Kultur. Es ist doch so, dass nach einer Party auch in gewisser Hinsicht aufgeräumt werden muss. Das gehörte ein Stück weit zu der Aufgabe.. Das wusste ich, als ich mich dafür entschieden habe. Das war nicht immer leicht, aber es war notwendig.

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer und seine Büroleiterin Romana Milovic im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer und seine Büroleiterin Romana Milovic im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Herr Bomheuer, wir waren doch bei Ihrem persönlichen Höhepunkt stehengeblieben. Gab’s da einen?

Bomheuer: Wie definiert man Höhepunkt in diesem Zusammenhang? Für mich gab es viele, kleine und große. Alle sehr unterschiedlich. Dass wir in Ruhe die Idee eines Kreativquartiers in der nördlichen Innenstadt entwickeln konnten — das ist ein Höhepunkt für mich, ein Highlight für diese Stadt. Denn da tut sich was. Das Viertel wächst zusammen und es entwickelt sich heute bereits eine Eigendynamik. Das ist für mich ein ganz wichtiger Höhepunkt. Wir haben die Renovierung des Eisenhammers im Deilbachtal nun so weit voran gebracht, dass er der Nachwelt erhalten bleiben wird. Ich bin sicher, dass der Deutsche Tanzpreis wieder in Essen verliehen wird und nicht zuletzt hat der Publikumszuspruch für die ‚Lit.Ruhr‘ zu einem besonderen Ereignis geführt und ein Spotlight auf die reichhaltige und qualitativ hochwertige Literaturlandschaft in unserer Stadt geworfen. Ein Highlight ist zweifellos auch, dass wir in Zeiten angespannter Haushaltslagen die Finanzierung der Freien Kulturszene verbessern konnten. Im Sport war es sicher auch der Bau des Bades am Thurmfeld, wir blieben im Budget und im Zeitfenster.

Also ist die Langzeitwirkung der Kulturhauptstadt mittlerweile erschöpft? Oder schlummert sie weiterhin im Verborgenen, wie die restlichen Kohlenflözen unter unseren Füßen?

Bomheuer: Ich bin mir sicher, dass dieses Ereignis die Kulturstadt Essen in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger langfristig stabilisiert hat, und dies ebenso in der regionalen Wahrnehmung und Bedeutung. Geblieben ist der unausgesprochene Auftrag, aus diesem Ereignis heraus abzuleiten: Kultur hat in dieser ehemals bildungsfernen Region eine ganz zentrale Bedeutung in der Zukunft. Man muss sich vorstellen, dass hier einst Menschen hin gekommen sind, um zu arbeiten und zwar ausschließlich um zu arbeiten, um ihr Leben fristen zu können.. Die Stiftung des Grillo-Theaters vor 125 Jahren spielt eine wichtige Rolle für die Kulturentwicklung – es war ja für alle Bürgerinnen und Bürger gedacht – ein ähnlicher Ansatz wie ihn später auch Folkwang verfolgte. Es hieß lange Zeit: So etwas wie mit dem Grillo, dass ein Essener Bürger seiner Stadt einen solchen Bau schenkt, wird es nie wieder geben. Doch etwas anderes ist eingetreten. Berthold Beitz und die Krupp-Stiftung haben das Gegenteil bewiesen. Das bürgerschaftliche Engagement ist etwas ganz Besonderes in unserer Stadt, jede Kultureinrichtung wird durch bürgerschafltiches Engagement unterstützt. Anders als in Bayern, Baden-Württemberg oder Niedersachsen leben wir nicht von dem, was uns der Feudalismus übriggelassen hat. Hier sind es die Bürger und Bürgerinnen selbst, die eine Kulturlandschaft aufgebaut und finanziert haben — mit ihrem eigenen Engagement. Ein Paradebeispiel ist hier etwa auch der Folkwang-Museumsverein. Es ist in dieser Stadt durch die Kulturhauptstadt eine breitere Identität gewachsen, eine, die alle gesellschaftlichen Milieus umfasst und zwar als Einheit. Auf diese Entwicklung können wir stolz sein.

Bis Ende Mai waren Sie ebenfalls für den Bereich Integration zuständig. Gibt es auch hier einen ganz persönlichen Höhepunkt in Ihrer Amtszeit, den Sie unseren Leserinnen und Lesern mitteilen wollen?

Bomheuer: Die Integration war lange ein ganz zentraler Teil meines Dezernats, nicht nur vor dem Hintergrund der Geflüchteten, die ab 2015 nach Essen kamen. Es hat sich gezeigt, dass wir seit 30 Jahren Erfahrung mit Integrationsarbeit haben, Strukturen gelegt hatten, auf die wir zurückgreifen konnten — sei es bei den eigenen Strukturen oder denen von Dritten oder beim Bewusstsein für dieses Thema überhaupt. Runde Tische und das immense bürgerschaftliche Engagement in diesem Bereich haben uns den Rücken gestärkt und mir persönlich wirklich gut getan. Wir haben sehr früh nach meiner Amtsübernahme in einer interfraktionellen Beratungskonferenz festgestellt, dass wir uns innerhalb der Verwaltung anders aufstellen müssen. Denn Integration ist nicht nur die Arbeit einer Abteilung in der Verwaltung, sondern ein integraler Bestandteil aller Lebensbereiche, und insofern in allen Verwaltungsteilen relevant, in der Stadtentwicklung ebenso wie in der Feuerwehr. Das ist uns in Teilen gelungen, so in der Kulturarbeit und im Sport. Für mich war in der Verbindung von Integration und Kultur auch wichtig zu betonen, dass wir mit denen, die zu uns gekommen sind, auch unterschiedliche kulturhistorische Zusammenhänge als Grundlage für die jeweiligen Lebensentwürfe annehmen müssen, mit denen wir uns im Rahmen der Integration und der Kulturarbeit noch stärker beschäftigen müssen. Denn hier sind die Normen und Werteunterschiede, die oft zu Missverständnissen führen begründet. Da geht es also nicht alleine um die türkischsprachige Kunstführung im Museum. Mit welcher Berechtigung zeigen wir Opern? Andere Kulturen gehen mit Bildern ganz anders um. Die Literatur hat für sie eine ganz andere Rolle und Bedeutung als für uns. Manchmal muss man anders denken, wenn man Probleme verstehen will. Man muss seinen Horizont erweitern. Ich habe dafür sorgen können, dass die Bereiche Kultur und Sport und vielleicht auch noch der eine oder andere Bereich innerhalb der Stadtverwaltung für Integrationsthemen sensibilisiert werden konnte. Das sehe ich ebenfalls als einen Höhepunkt meiner Zeit als Dezernent an.

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Hat alles gut funktioniert oder hätte Essen andere Wege gehen müssen im Vergleich zu anderen Städten, gerade im Hinblick auf die kulturelle Integration?

Bomheuer: Ich war oftmals zu ungeduldig, denn viele Prozesse haben länger gedauert, als es mir lieb war. Was aber als positiver Effekt zu sehen ist und meine Ungeduld ein wenig zügelte ist, dass Kultur und Sport in Essen inmitten der Flüchtlingskrise zu einer sozialen Befriedung beitragen konnten. Die Menschen lebten in Zelten, in denen man nicht wirklich schlafen kann, weil es zu laut ist, in denen man kaum Privatsphäre hatte, wo man sich fremd fühlt und die unverarbeiteten Erlebnissen der Flucht im Kopf hat,. In dieser Situation haben Angebote, in denen es um den Zeitvertreib ging, deutlich mehr bewirkt – ja sogar das Erlernen der deutschen Sprache. Flüchtlinge, die im Museum gemalt, getöpfert oder einfach nur gesessen haben, oder jene, die Fußball gespielt haben, konnten einfach mal zur Ruhe kommen. Die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer haben das mit möglich gemacht. Ein Erlebnis beschäftigt mich heute noch: Eines Tages kam Ulf Gebken, Professor an der Universität Duisburg-Essen in ein Zeltlager für Flüchtlinge, mit einem Ball unter dem Arm, und hat mit den Bewohnern gebötscht — wie wir früher als Kinder auf der Straße. So entsteht Kommunikation. Sport und Kultur funktionieren hier auf ähnliche Weise: Beide Bereiche fördern das Sozialverhalten auf ihre ganz eigene Art und Weise und bilden die Persönlichkeit. So wächst die Gesellschaft zusammen.

Aber es lief sicher nicht immer alles rund in Ihrer Zeit als Dezernent. Ich erinnere mich da ebenso an manche Zeitungsartikel; einige habe ich selbst verfasst. Daher, ganz losgelöst von einzelnen Themen: Was hat nicht funktioniert? Wo gab es Probleme?

Bomheuer: Als Nicht-Verwaltungsmann musste ich lernen, dass es Querschnittsbereiche innerhalb der Verwaltung gibt und dass dort unterschiedliche – wenn man so will – Kulturen gepflegt werden. Jemand wie ich, der aus eher betriebswirtschaftlich orientierten Instituten kommt (Museen, die Zeche Carl, der Non-Profit-Bereich), muss zum Teil schmerzhaft lernen und erfahren, dass die Organisationsstruktur der öffentlichen Hand eine sehr spezifische ist.

Schmerzhaft, wo?

Bomheuer: (Lacht) In Hattingen war ich Dezernent, wenn auch nur für anderthalb Jahre. Ich war für sehr viele Bereiche zuständig, quasi für die gesamte Software der Stadt. Ich konnte sehr einfach Synergieeffekte zwischen einzelnen Bereichen in meinem Zuständigkeitsbereich herstellen. Das geht in Essen, als Dezernent, der nur für die Bereiche Kultur, Sport und Integration zuständig ist, nicht so leicht. Ich musste erst verstehen, dass die Bereiche in Essen jeweils wesentlich größer waren, als mein gesamter Apparat in Hattingen, sprich quantitativ ganz andere Dimensionen umfasst. Das Kulturleben in Hattingen ist wirklich hochwertig, aber ebenso auch völlig anders. Die Bandbreite im Sport- und Kulturbereich in Essen ist hingegen sehr groß. Hinzu kommen die Querschnittsbereiche meiner Kolleginnen und Kollegen im Verwaltungsvorstand. Einfach Personal einstellen, obgleich mein Budget es hergegeben hätte, ging nicht. Denn es galt gerade in Zeiten knapper Kassen jede Entscheidung gesamtstädtisch zu verstehen und zu betrachten. Bei den Finanzen ging es gut. Hier gab es nur hin und wieder Probleme, die ausgeräumt werden konnten. Aber die Immobilienwirtschaft oder die Personalwirtschaft, das sind Bereiche, die ein ganz besonderes Lernfeld für mich waren. Der 1000-Stellen-Beschluss fiel in meine Zeit. Sehr viele überplanmäßige Stellen in meinem Dezernat, eingerichtet für das Kulturhauptstadtjahr, mussten wieder abgebaut werden. Alles in allem habe ich nicht nur die geforderten 20 Prozent Stellen des Stellenplans während der Jahre 2009 bis 2015 eingespart, sondern durch die überplanmäßigen Stellen unterm Strich gut 25 Prozent.

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Wie sind Sie mit dieser Problematik umgegangen? Konnten Sie die fehlenden Stellen auffangen?

Bomheuer: Ja, wenngleich mit erheblichen Anstrengungen. Im Haus der Geschichte – Stadtarchiv, der Alten Synagoge – dem Haus der jüdischen Kultur, im Schloss Borbeck und im Kulturbüro — in jeder dieser bedeutenden, aber kleineren Einrichtungen — war mehr Verwaltungs-Know-How vonnöten, als die jeweilige Einrichtung aus finanzieller, personeller und räumlicher Sicht vorhalten konnte. Ich habe mich daher dazu entschlossen, eine Art Back-Office einzurichten, das die jeweiligen Institutsleiter bei Spezialfragen im Bereich der Finanz-, der Immobilen- oder auch der Personalwirtschaft unterstützt. Anfangs stieß dieses Vorgehen auf Skepsis. Die Sorge der Institutsleiter, ihnen würde jemand vor die Nase gesetzt, war groß — aber unbegründet. Von diesem Service profitieren heute alle mit großer Zufriedenheit.

Kommen wir zu den offenen Baustellen. Viele, etwa die Studiobühne in Kray-Leithe, haben Sie ja fertigstellen können. Das Gebäude wird saniert, der Theaterbetrieb im Stadtteil erhalten. Welche anderen Baustellen sind noch nicht abgeschlossen? Wo muss Ihr Nachfolger ansetzen?

Bomheuer: Wir haben das ‚Soul of Afrika Museum‘ in Rüttenscheid noch nicht gesichert. Hier ist noch viel zu tun., damit die Vergrößerung gesichert ist. Mir liegt dieses kleine aber feine Museum sehr am Herzen. Die Sammlung hat internationalen Rang, sie muss jedoch in ein Gesamtkonzept eingebettet werden. Ein neues Kulissenhaus für das Grillo-Theater muss ebenfalls her. Am Herzen liegt mir auch das dezentrale Bibliotheksnetz , vor allem was Altenessen betrifft. Die Stadtteilbibliothek ist hier zu weit ab vom Schuss und müsste im Stadtteil einfach viel präsenter sein. Wir müssen zu den Menschen, die wir mit unseren Angeboten erreichen wollen, müssen die Bibliotheken sichtbarer machen. In diesem Zusammenhang wird auch der Wandel der Bibliotheken von der reinen Ausleihe von Büchern, über den Weg der Ausleihe von Medien, bis hin zum Wissensmanagement und Lernort zu gestalten sein. Bibliotheken als Lernort, die über das Netz digital angebunden sind — das ist die Zukunft. Die Ausleihe alleine steht hierbei nicht mehr im Vordergrund. Was ich leider auch nicht mehr geschafft habe, ist einen Fonds zur Anmietung von leerstehenden Gebäuden in der City. Nord einzurichten — verbunden mit einem Leerstands-Management für Kreative. Diese Idee, übrigens von Ex-EMG-Geschäftsführer Karl-Heinz König, finde ich für die City.Nord wirklich wegweisend.

Beschäftigen wir uns mit der Theater und Philharmonie GmbH, kurz TuP. Das Damoklesschwert hing ja schon häufiger über dem Kulturbetrieb. Womit ist in den kommenden Jahren zu rechnen?

Bomheuer: Die TuP, der Geschäftsführer, die Intendanten der GMD machen einen super Job angesichts der finanziellen Ausstattung eine tolle Qualität, die ich dort wahrgenommen habe.. Dass es immer mal wieder künstlerisch einen Flop gibt liegt in der Natur des Künstlerischen, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Als ich als Dezernent nach Essen kam, war die ‚Märkische Revision‘ gerade dabei die TuP finanziell zu durchleuchten. Sie hat die Finanzstruktur in den Jahren 2010 / 2011 klar offengelegt. Das war ein Aha-Erlebnis nicht nur für den Kulturausschuss. Es wurde transparent, dass die TuP ein mittelständisches Unternehmen ist, bei dem knapp 700 Personen arbeiten. Es wurde auch deutlich, dass die wesentlichen Kostenpositionen die Personalkosten sind. Diesen personell intensiven Apparat bekomme ich nicht technisiert oder automatisiert. Ich kann ja nicht für das Orchester, die Tänzerinnen und Tänzer Roboter einsetzen und ebenso wenig für die vielen Techniker und Handwerker, die in so einem Betrieb arbeiten. Ich kann hier keine Einsparpotenziale mehr erzielen. Wir sind übrigens das günstigste Fünf-Sparten-Haus bundesweit. Wenn wir da Teile raus brechen, wir das Schauspiel oder das Ballett schließen, brechen wir aus dem fünf-säuligen Gebilde aus. Damit bricht auch das Dach weg, mit ihm die Synergieeffekte und am Ende die gesamte TuP zusammen. Wer sagt, die Theater müssten fusionieren, weil wir genug im Ruhrgebiet haben, dem entgegne ich: Wir haben in NRW fünf Regierungsbezirke, allein im Ruhrgebiet drei. Wenn die Bezirksregierungen fusionieren, dann machen die Kultureinrichtungen ihnen das gerne nach. . Bei der Kunst aber bedeutet das dann, dass wir die künstlerische, die kulturelle Vielfalt einbüßen und damit auch ein Stück der Freiheit der Kunst. Ich will das nicht und ich denke nicht, dass jemand daran ein Interesse haben kann. Berlin oder Wien sind beste Beispiele dafür, dass Vielfalt in Kunst und Kultur wichtig ist.

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Im Interview: Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer im Gespräch mit INFORMER-Redakteur Pascal Hesse. Foto: Christoph Bubbe

Sparen im Sport, auch das war immer wieder ein Thema. Es gibt Stimmen, die sagen, Sie seien mit dem Sportbereich stiefmütterlich umgegangen. Ist da was dran?

Bomheuer: Ich sehe das nicht so. Wenn man sich überlegt, welche Rolle der Sport gesellschaftlich und für jeden einzelnen hat, ist es eine ganz zentrale Aufgabe für eine Stadt, seinen Bestand zu sichern. Der Sport ist Ergebnis eines ungeheuren bürgerschaftlichen Engagements, es wäre – wie in der Kultur auch – fatal, hier nur seinen Freizeitwert zu sehen. Allein die Gesundheitsvorsorge durch Sport ist doch von wesentlicher Bedeutung. Natürlich muss man die Akteure und Strukturen des in Essen gewachsenen Sportbereichs kennen — ich kannte sie damals nicht, als ich Dezernent wurde. Wir haben es im Sport wie in der Kultur nicht nur mit den Vereinen zu tun. Die Akteure bilden je nach Selbstverständnis, Auftrag und Interessenlage eher eine Triangel: auf der einen Seite die Stadt, dann die Non-Profit-Vereine und nicht zu unterschätzen die Sportwirtschaft, zu der beispielsweise große Fitness-Studios zählen. Diese Bereiche stehen untereinander in Beziehung. In dem Augenblick, in dem die Vereine Angebote entwickeln, die andere Bereiche, etwa die Sportwirtschaft tangieren besteht eine Konkurrenzsituation – allerdings mit dem Unterschied, die Vereine kümmern sich auch um Aufgaben, mit denen man kein Geld verdienen kann, die aber unerlässlich sind. Es wird zukünftig eine Herausforderung sein, die Schnittstelle zwischen den gemeinnützigen und den wirtschaftlichen Bereichen in Essen künftig zu gestalten. . Wir müssen aufpassen, dass wir die gewachsenen bürgerschaftlichen Entwicklungen im Sport nicht verlieren. Behutsames, ganzheitliches Handeln ist meines Erachtens hier erforderlich, Das gilt im Sport wie in der Kultur.

Blicken wir in den Norden der Stadt, zum Weltkulturerbe Zeche und Kokerei Zollverein. Wenn ich mir den Standort angucke, bleibt der prophezeite Wandel aus. Es passiert mit Blick auf das Millionen-Budget und den riesigen Personalstamm relativ wenig, oder?

Bomheuer: Natürlich muss man sich überlegen, wie man den Standort zukünftig als Weltkulturerbe sinnvoll weiter entwickelt. Wenn ich zurückblicke, dann muss ich sagen: Es ist vielleicht nicht ganz so klug, einen Kulturdezernenten nicht in die Systematik Zollverein zu implementieren. Hier hätte ich mir eine engere Verzahnung gewünscht. Wir müssen über den Standort Zollverein nachdenken, seine Geschichte beschreiben und die Frage stellen: Was bedeutet denn dieses Weltkulturerbe eigentlich für die Stadt, die Region, das Land aber auch insgesamt für die Bundesrepublik? Er handelt von einer besonderen Ära unserer Kulturgeschichte, der Industrialisierung. Es ist zu überlegen, wie wird der Transformationsprozess, den wir bereits begonnen haben durch den Erhalt der Industrieanlagen, weiter vorantreiben. Wie transformieren wir die Energie aus der Kohle in die Energie der Zukunft? Kreativität, Digitalisierung, das sind hier die Schlüsselkompetenzen.

Fehlt hier folglich eine Intendanz, oder woran hapert es auf Zollverein?

Bomheuer: Damals, als Wolfgang Reiniger noch Oberbürgermeister und ich noch nicht Dezernent war, habe ich ihm geschrieben: Lassen Sie uns darüber nachdenken, Zollverein zu einem Design-Standort zu machen. Folkwang dort hinzubringen, Existenzgründungs-Programm, anzubinden, es als Inkubator für Kreative zu nutzen, im Verbund mit dem Deutschen Plakatmuseum – heute sind wir soweit. Wir haben ebenfalls einen Anfang gemacht mit dem Ruhr Museum. Was ich oder wir nicht geschafft haben, muss ebenfalls angesprochen werden: Ich hätte es toll gefunden vor dem Hintergrund der Designgeschichte, die wir im Ruhrgebiet haben, des westdeutschen Impulses, wenn wir den Titel ‚City of Design der UNESCO‘ verleihen bekommen hätten.. Ich war schon sehr enttäuscht, dass wir sind das nicht geworden sind. Der Impuls kam damals von Zollverein. Ich glaube dass mit kompakten Veranstaltungsformaten, Schwerpunkt-Veranstaltungen und thematische Bündelungen wie zum Beispiel mit der Lit.Ruhr eine gute Möglichkeit besteht, Zollverein auch als Veranstaltungsort zu etablieren.

Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer. Foto: Christoph Bubbe

Der scheidende Kultur- und Sportdezernent Andreas Bomheuer. Foto: Christoph Bubbe

Abschließend gefragt: Sind Sie zufrieden mit Ihrer Zeit als Dezernent und wie geht es nun ganz persönlich für Sie weiter?

Bomheuer: Ehrlich gesagt: ich bin nie zufrieden. Daran verzweifelt auch meine Büroleiterin. Ich hätte mir schon manchmal mehr Feedback über die Strecke erhofft. Kulturdezernent zu sein, das ist manchmal schon ein einsamer Job – obwohl man ganz viele Leute trifft. Dass ich nicht im Rathaus mein Büro hatte, ist schon ein Problem. Es gibt keine Wildwechsel, man trifft sich nicht auf dem Gang oder in der Kantine, kommt nebenbei ins Gespräch. Die informelle Kommunikation zu den Kollegen fehlt, die ist anders wenn ich im Rathaus sitzen würde. Es wäre vielleicht klug, eine Vorstandsetage zu schaffen – aber ich will keine klugen Ratschläge erteilen. Auf der anderen Seite: Alles, was ich in sieben Jahren habe machen können, habe ich gemacht. Mehr war nicht drin. Von daher darf ich eigentlich schon sagen, ja — ich bin zufrieden. Wie es nun weiter geht: Mal gucken. Ich habe noch nichts Konkretes vor.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bomheuer.

*Anmerkung der Redaktion: Pascal Hesse ist unabhängig von seiner Tätigkeit als Redakteur des INFORMER ebenso als angestellter Bundespressesprecher der Piratenpartei Deutschland in Berlin tätig. Die Redaktion achtet auf die strikte redaktionelle Trennung beider Tätigkeiten.
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