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Montag, 26. February 2018
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Türkei entfacht neuen Brand in Syrien – Verlierer sind die Kurden

Das Kalifat zerfällt, das Paradies ist entzaubert. Die Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) sind besiegt. „Fast 100 Prozent des eroberten Territoriums“, triumphierte US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, „sind zurückerobert.“ Als staatliches Gebilde mag der IS Geschichte sein, seine Einnahmequellen sind versiegt, seine Rückzugsgebiete und Ausbildungslager nicht mehr nutzbar. Doch der Terror ist nicht gestoppt, die Pläne der überlebenden Gotteskrieger für Anschläge in den Staaten der „Ungläubigen“ sind nicht Makulatur.

Nach dem militärischen Sieg über den IS ist im Krieg um Syrien eine neue Phase eröffnet, die Einfluss-Sphären unterschiedlicher Akteure werden neu abgesteckt. Als Verlierer auf dem geopolitischen Schachbrett stehen vor allem die Kurden da. Im zerrissenen Irak bekriegen sie sich mit den erstarkten Truppen der Zentralregierung in Bagdad. Im zersplitterten Syrien nutzt der türkische Machthaber Erdogan die verworrene Lage für eine völkerrechtswidrige militärische Offensive. Türkische Leo II-Panzer aus deutscher Produktion stoßen durch die Hügel im syrischen Nordosten nach Westen vor,  Kampfjets  fliegen seit zehn Tagen Angriffe gegen militärische Stellungen der kurdischen YPG-Milizen. Das sind die „Volksschutzeinheiten“, ein Ableger der „Kurdischen Arbeiterpartei“ (PKK).

Wie zynisch dieser neue Brandherd im Nahen Osten in den letzten unzerstörten Regionen Syriens angefacht wird, zeigen die unterschiedlich und zum Teil widerlaufenden Interessen der beteiligten Akteure: Erdogan punktet mit seiner Gewalt-Strategie gegen die Kurden innenpolitisch, weil er neben seinen Anhängern auch die Opposition hinter sich geschart hat. Die USA haben die von der Türkei als „Terroristen“ eingestuften YPG-Milizen im Kampf gegen den IS mit Waffen unterstützt und werden sowohl in Syrien wie im Irak mit Spezialeinheiten präsent bleiben, um das Vordringen der Regionalmacht Iran einzudämmen. Paradox, aber wahr: Trump suchte Erdogan vergeblich zur Mäßigung in seinem Vormarsch gegen YPG anzuhalten, versprach aber zugleich, die vom Westen als „Terroristen“ gebrandmarkten Kurden in den von der PKK beherrschten Gebieten zu unterstützen. Sollte Erdogan seine Drohung wahrmachen und seine Soldaten weiter vorrücken lassen, könnten die Leo II von Panzerabwehrraketen des Typs „Milan“ angegriffen werden. Die haben die Deutschen den kurdischen Peschmerga-Kämpfern für ihre Aktionen gegen die hochgerüsteten IS-Milizen geliefert…

Als Profiteure dieser verwirrenden Schlachtordnung können sich Wladimir Putin und sein syrischer Lakai Baschar al-Assad die Hände reiben: Die russischen Soldaten haben sich aus der YPG-Hochburg Afrin zurückgezogen und die Kurden fallen gelassen. Den Streit zwischen den Nato-Partnern USA und Türkei verfolgt man in Moskau mit Häme. Und Assad wird bereits von den bedrängten Kurden aufgerufen, „seinen staatlichen Pflichten bezüglich Afrins nachzukommen und seine Grenze gegen die türkischen Besatzer zu verteidigen.“

Richard Kiessler    28.01.2018

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