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Sonntag, 22. April 2018
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Die ‚Grüne Hauptstadt‘ in Essen war ein teurer Flop

Pascal Hesse, Redakteur für Politik und Wirtschaft sowie Kolumnist des INFORMER. Foto: Christoph Bubbe / INFORMER
Pascal Hesse, Redakteur für Politik und Wirtschaft sowie Kolumnist des INFORMER. Foto: Christoph Bubbe / INFORMER

Grüne Hauptstadt

In seiner Polit-Kolumne ‚Hesse ist überall‘ bezieht INFORMER-Kolumnist Pascal Hesse regelmäßig Stellung zu aktuellen Themen, die die Metropole Ruhr bewegen. In dieser Kolumne beschäftigt er sich mit der ‚Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017‘.

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Jahr lang waren wir ‚Grüne Hauptstadt Europas‘. Zumindest auf dem Papier. Mitbekommen habe ich davon, abgesehen von Pressemitteilungen im Posteingang eher wenig, weder im Alltag noch im Stadtbild. Natürlich: Es gab 453 Projekte, darunter 210 Bürgerprojekte, die sicherlich mit viel Herzblut und Elan von Einzelnen und Gruppen durchgeführt wurden. Das vorbildliche Engagement der Volunteers darf an dieser Stelle ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Der große Wurf für Essen war die ‚Grüne Hauptstadt‘ jedoch nicht, wie ein Blick in die Statistik und in die nackten Zahlen zeigt: Zehn Millionen Euro hatte der Rat der Stadt Essen ursprünglich für das Hauptstadtjahr bewilligt, darunter die Hälfte aus dem Etat der notorisch klammen Stadtkasse. Am Ende lag das Budget Dank zusätzlicher Mittel des Landes und des Bundes bei 16,5 Millionen Euro. Was das Sponsoring angeht, so waren darin ursprünglich 2,5 Millionen Euro eingeplant. Am Ende erreichten externe Sponsorengelder jedoch nur 1,5 Millionen Euro. Hier wurde das Ziel deutlich verfehlt. Die organisatorische Verantwortung dafür liegt bei der Projektleitung, die Umwelt-, Bau- und Sportdezernentin Simone Raskob innehatte.

Kosten: 82,50 Euro pro Besucher

Doch bleiben wir beim Gesamtbudget: 16,5 Millionen Euro stehen etwa 200.000 Besucher und Teilnehmer der ‚Grünen Hauptstadt‘ gegenüber. Das heißt unterm Strich: Jede einzelne Person hat die ‚Grüne Haupstadt‘ rund 82,50 Euro gekostet. Das ist ein enorm hoher Betrag. Im Vergleich: Eine Rückrunden-Dauerkarte für Rot-Weiss-Essen gibt es schon für 49 Euro, eine Jahreskarte für den Grugapark für 29,50 Euro. In den 200.000 Besuchern und Teilnehmern sind bereits jene 30.000 Menschen enthalten, die die Eröffnung im Grugapark mitzelebriert haben. Und ebenso 35.000 Menschen, welche die Ausstellung ‚Grün in der Stadt Essen. Mehr als Parks und Gärten‘ im RuhrMuseum auf dem Welterbe Zollverein besucht haben. Die zentrale Ausstellung zum Grünen Hauptstadtjahr war für alle Interessierten kostenfrei zu sehen beziehungsweise hieß es am Eingang: „Zahlen Sie, was es Ihnen wert ist.“ Dass diese Strategie nicht aufgegangen ist, unterstreichen die rückläufigen Einnahmen aus Ticketverkäufen und Führungen des RuhrMuseums im vergangenen Jahr. Der Plan ging nicht auf. Museumsdirektor Prof. Heinrich Theodor Grütter blieb mit seinem Museum hinter den Erwartungen zurück.

Die Zahl der insgesamt erreichten Personen im Grünen Hauptstadtjahr ist auch aus diesem Grund insgesamt als sehr dürftig zu betrachten und nicht gerade ein Grund, um in Jubel auszubrechen. Was ebenfalls auffällt: Die Personalkosten nehmen mit 3,04 Millionen Euro stolze 18 Prozent des Gesamtbudgets ein. Die Relation steht hier ebenso in keinem verträglichen Verhältnis.

‚SchachtZeichen‘, das war großes Kino!

Gerne wird der Vergleich zwischen dem Kulturhauptstadtjahr 2010 bemüht, wenn auf die Signalwirkung und den touristischen Einfluss der ‚Grünen Hauptstadt‘ hingewiesen wird. Doch dieser Vergleich hinkt enorm. Alleine schon, weil es damals ‚Essen für das Ruhrgebiet‘ hieß. Als Bannerträger war die Stadt seinerzeit ins Rennen gegangen; die gesamte Region hat jedoch profitiert und sich mit eigenen Aktionen und Projekten beteiligt. Erinnern wir uns an das ‚Stilleben‘ auf der A40. Das war ganz großes Kino! Genauso wie die Aktion ‚SchachtZeichen‘, eine Visualisierung von Standorten der zumeist ehemaligen Kohleschächte im Ruhrgebiet mit dem Ziel, den Strukturwandel sichtbar und erfahrbar zu machen. Es ging ein ‚Wir sind Kulturhauptstadt‘-Gefühl durch die Stadt und das gesamte Ruhrgebiet. Die Menschen haben sich mit dem Thema identifiziert – ein Jahr lang und noch lange Zeit darüber hinaus.

Die ‚Grüne Hauptstadt‘ hat ähnliches nicht annähernd erreicht. Vergleichbare Leuchtturmprojekte wie das ‚Stilleben‘ oder die Aktion ‚SchachtZeichen‘ gab es ebenso wenig. Dass der Baumbestand im Nachklang zu Sturm ‚Ela‘ immer noch nicht ideal ist und am Ende 1.100 Bäumen gepflanzt wurden, das ist gut und schön: Aber von einer Ex-Kulturhauptstadt und ‚Grünen Hauptstadt‘ erwarte ich ein wenig mehr Kreativität und Engagement. Immerhin wurden für diese kreative Leistungen eigens Personen mit üppigen Honoraren und Gehältern beschäftigt. Kam zur Eröffnung im Kulturhauptstadtjahr 2010 mit Bundespräsident a.D. Horst Köhler noch das damals amtierende Staatsoberhaupt nach Essen, war die Eröffnung der ‚Grünen Hauptstadt‘ deutlich provinzieller besetzt, mal ganz abgesehen von einer lautstarken Protestaktion der Kohle-Gegner, welche die Organisatoren mehr als nur überfordert hat.

14.724 Follower – kein Grund für Euphorie

Dass sich die Projekverantwortlichen der ‚Grünen Haupststadt‘ mit 7.301 Presse-Veröffentlichungen national gedruckt und online brüsten, überzeugt mich ebenso wenig. Hier hätte ich eine deutlichere Trennung erwartet, etwa zwischen konkreten Berichten über Projekte, Vorhaben und Aktionen sowie simplen Terminankündigungen, wie ich sie nahezu täglich aus der hiesigen Tageszeitung kenne. Auch der Verweis in der Pressemappe auf 14.724 sogenannte ‚Follower‘ in den sozialen Medien Facebook, Twitter und Instagram kommt in einer Großstadt wie Essen mit ihren fast 600.000 Besuchern eher piefig daher. Aus diesem Grund muss ich leider insgesamt feststellen: Das Projekt ‚Grüne Hauptstadt Europas – Essen 2017‘ war am Ende nicht mehr als ein teurer Flop. Schade!

In diesem Sinne: Glück auf!
Ihr Pascal Hesse

Weitere Beiträge aus Essen und der Metropole Ruhr gibt es auf: www.informer-online.de

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