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Mittwoch, 20. June 2018
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Strategisches Patt am Hindukusch – Keine Hoffnung auf Frieden in Afghanistan

Sie haben über Krisen und Kriege geredet, sie stritten über die Konflikte im Nahen Osten, in der Ukraine oder in der Sahel-Zone. Doch der 17 Jahre währende Krieg in Afghanistan stand nicht auf der Agenda der Münchner Sicherheitskonferenz. Zwar war Verteidigungsminister Tariq Sheh Bahramee aus Kabul angereist, aber der einzige afghanische Regierungsvertreter vermochte allenfalls in den Salons des „Bayerischen Hofes“ die schier ausweglose Lage des Krieges am Hindukusch anzusprechen.

Und die ist brisant, wie der neue UN-Report am Wochenende bitter bilanziert: Mehr als 10 000 zivile Opfer, darunter 3 438 Tote, forderten die Kämpfe 2017. Das sind zwar neun Prozent weniger als im Jahr davor. Aber für Bruno Kahl, den Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) „ist es schwierig, in Afghanistan von Erfolgen zu sprechen.“ Wie denn auch: Die Streitkräfte mussten abermals einen hohen Blutzoll in ihrem Kampf gegen die aufständischen Taliban entrichten – 2017 verloren sie über 10 000 Soldaten und Polizisten. Jahr für Jahr fällt fast ein Drittel der afghanischen Armeeangehörigen.

Die etwa 30 000 Kämpfer der Taliban und des „Islamischen Staates“ (IS) sind in der Lage, selbst in der reichlich mit Sicherheitskräften ausgestatteten Hauptstadt Kabul verheerende Anschläge zu verüben. So starben Ende Januar nach der Explosion eines mit Sprengstoff gefüllten Krankenwagens über 100 Menschen, darunter viele Kinder. Die prekäre Sicherheitslage, prophezeit der BND, „wird sich vorerst nicht signifikant ändern.“

Ein vertraulicher Bericht der Bundeswehr spricht von einem „strategischen Patt.“ Weder die Taliban noch die afghanische Regierung, ihre Streitkräfte und deren ausländische Partner kommen ihren Zielen näher. Das auf ein Minimum von 980 Soldaten geschrumpfte Kontingent der Bundeswehr harrt in seinem Feldlager aus und verfügt deshalb nicht einmal über ein eigenes Lagebild. 40 Prozent des Landes, heißt es im UN-Report, seien nicht unter der Kontrolle der Regierung in Kabul. Die Amerikaner reagieren darauf auf ihre Weise: Ihre Luftwaffe fliegt so viele Bombeneinsätze wie seit sechs Jahren nicht mehr. Präsident Trump setzt auf Krieg: „Jeder Taliban, der nicht verhandeln will, wird früher oder später von uns getötet“, beschreibt der Oberbefehlshaber, Vier-Sterne-General John Nicholson die für die US-Spezialkräfte aus Washington angeordnete Killer- Strategie.

In einem Brief haben die Taliban letzte Woche „das amerikanische Volk“ aufgefordert, ihre Regierung zum Abzug ihrer Soldaten zu bewegen. Dann seien sie zu Friedensverhandlungen bereit. Aber daraus wird wohl nichts werden.

Richard Kiessler   18.02.2018

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