Die ‚skate-aid Charity‘ am 6. März in Essen – Skaten gegen Vorurteile und Ideologien

Der Vater der deutschen Skateboard-Szene: Titus Dittmann, geboren 1948 in Kirchen an der Sieg, studierte in Münster Pädagogik, Sport und Geografie. Das Thema seiner Examensarbeit lautete: ‚Skateboarding im Schulsportunterricht?‘ Foto: Maurice Ressel

Er gilt als der Skateboard-Papst Deutschlands: Ende der 70er holte Titus Dittmann den Trendsport aus den USA in die Bundesrepublik. 1988 veranstaltete er in der Halle Münsterland ein Skateboard-Turnier. Ein Jahr später wurde das Event zur ersten offiziellen Weltmeisterschaft ernannt. Als ‚Lord of the Boards‘ prägt Titus seit Jahrzehnten die deutsche Skater-Szene.

Das Interview führte Lars Riedel.

Sein Wirken rund um das Rollbrett jedoch kennt keine nationalen Grenzen. Vor zehn Jahren gründete Titus die Hilfsaktion ‚skate-aid‘, aus der ein Jahr später eine Hilfsorganistation wurde. Das Ziel: Mittels Skateboarding Entwicklungshilfe für Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt zu leisten.

In Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika will skate-aid den Kindern und Jugendlichen in Krisengebieten Hoffnung auf vier Rollen zu bringen. Aber auch in Deutschland leistet Dittmanns Organisation wertvolle Sozialarbeit. Nach dem Erfolg der jährlichen ‚skate-aid night‘ in Münster findet nun die große ‚skate-aid Charity‘-Gala in Essen statt. Am 6. März werben Titus und der skate-aid Essen e. V. gemeinsam im GOP Varieté-Theater für die Arbeit von skate-aid – in Afghanistan und Deutschland. Was man sich genau unter der Entwicklungshilfe mittels Skateboarding vorstellen kann? Das erklärte uns Titus im Interview.

Kurz erklärt, Titus, was verbirgt sich hinter skate-aid? Was genau macht Deine Organisation?
Titus Dittmann: skate-aid ist der Name meiner Hilfsorganisation, die unter dem Dach der Titus Dittmann Stiftung mit der pädagogischen Kraft des Skateboardens Kinder stark macht. Das Skateboard ist dazu ein fantastisches Werkzeug, denn selbstbestimmte Sportarten wie das Skateboarding fördern Jugendliche nicht nur motorisch, sondern auch kognitiv. Sie wecken intrinsische Motivation und stärken die Sozialkompetenz. So fördert skate-aid im Rahmen der Jugendhilfe die selbstbestimmte Persönlichkeitsentwicklung in Deutschland und weltweit in insgesamt 37 Projekten.

Aus welchem Antrieb heraus hast Du skate-aid gegründet?
Titus Dittmann: 2008 stieß ich in den Medien auf zwei Australier, die in Kabul eine Skateboard-Schule eröffnen wollten. Ich habe schnell gespürt, dass das Brett hier auch seine besondere Stärke für die Kids ausspielen kann und mich an die Sache drangehängt. Daraus wurde dann unsere erste Hilfsaktion und es kam eins zum andern: Ich war eh dabei, die operative Führung der TITUS GmbH an meinen Sohn zu übergeben und mein Herz für eine neue Sache brennen zu lassen. So errichtete ich 2009 dann schließlich meine Stiftung und skate-aid.

Wie genau kann Skateboarding in Krisen- und Entwicklungsländern helfen?
Titus Dittmann: Das passiert gleich auf mehrere Arten. Erstmal ist das Geniale am Skateboarding, dass es junge Menschen verbindet, denn Skateboarding kennt weder Grenzen noch Krieg, Hautfarbe oder Hass, arm oder reich. Es ist somit fantastisch für Krisen- und Kriegsgebiete geeignet, da es hier eben seine ganze verbindende und integrative Kraft entfalten kann. Ist doch super, wenn die junge Generation auf diese Weise Unterschiede überwindet, wo es den Altvorderen nicht mehr gelingt – (lacht) bei denen ist das Brett vorm Kopf ja auch schon wesentlich dicker. Hinzu kommt, dass wir durch den Bau von Skateparks und unsere Kurse dort sichere Räume und feste Anlaufpunkte mit strukturierter Beschäftigung für Kinder und Jugendliche schaffen. Das zeigt ihnen eine Perspektive auf und ist definitiv die bessere Wahl, als die eigene Freizeit beispielsweise in kriminellen Gangs, mit Drogen oder, sich selbst überlassen, auf der Straße zu verbringen. Daher ist unser Claim ‚Wir machen Kinder stark‘ auch sehr treffend. Die bewegungsorientierte Jugendkultur des Skateboardings schafft für die Jugendlichen selbstbestimmte Freiräume ohne Erwachsene, in denen sie ein eigenes Wertesystem entwickeln können. Das ist auch eine Art ‚Alleinstellungsmerkmal‘, denn Kinder sind beim Skateboarden grundsätzlich besser als Erwachsene. Und es gibt gerade den Kindern in Afghanistan ein gesundes Selbstbewusstsein, wenn sie etwas besser können als der Vater, der Lehrer oder der Mullah. Das immunisiert auch gegen mögliche Indoktrination mit irgendwelchen zu hinterfragenden Ideologien. Und was braucht ein gebeuteltes Land denn mehr als eine nachkommende Generation aus starken, selbstbestimmten Persönlichkeiten, die den Mut haben, die Dinge anders zu sehen und zu ändern?

Aber ist in einem Land wie Afghanistan, das von vielen Jahren Krieg geprägt und in dem aktuell immer noch terroristische Anschläge den Alltag bestimmen, überhaupt eine zielgerichtete Arbeit von skate-aid möglich?
Titus Dittmann: Es ist in der Tat schwierig, gerade in Afghanistan. Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert. Vor einiger Zeit mussten wir eine geplante Projektreise abbrechen, weil uns die Einreisevisa verweigert wurden. Was hilft, sind gute Kontakte vor Ort und die Zuversicht, etwas tun zu können. Von daher ist es ein echter Gewinn für uns, dass insbesondere dem skate-aid e. V. Essen mit der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft jetzt ein starker Partner für alle Herausforderungen vor Ort zur Verfügung stehen wird.

Wir in Deutschland können uns den Alltag in Afghanistan kaum ausmalen. Aber es fällt schwer, sich vorzustellen, dass unter ihren Lebensumständen die afghanische Jugend für so etwas, ich sag mal ‚Banales‘, wie Skateboarding Interesse aufbringt.
Titus Dittmann: Wer Skateboarding für etwas ‚Banales‘ hält, schaut nicht weit genug. Es ist ja so viel mehr. Kinder suchen nach etwas, das sie begeistert. Und Skateboarding ist für sie diese selbstbestimmte, mit Begeisterung verbundene Beschäftigung, bei der sie so unheimlich viel für sich selber lernen können. Viel mehr als vermeintlich ‚banale‘ Bewegungsabläufe auf dem Board: Was heißt es, sich einer Herausforderung zu stellen und diese zu meistern? Sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen? In einer Gruppe anerkannt zu sein usw.? Als erstes lernen sie ja tatsächlich, dass nach dem Hinfallen das Wiederaufstehen kommt und dass man einen Trick halt so lange versuchen muss, bis er klappt. Das brauchen die Kids in Krisengebieten. Denen fehlt doch, gerade im Vergleich zu unseren Verhältnissen, viel von dem, was eine unbeschwerte Kindheit ausmacht. Mit dem Skateboard machen wir offiziell Jugendhilfe, bringen aber eigentlich ein Stück Hoffnung ins Rollen und schenken den Kindern Lebensfreude, die angesichts der Lebensumstände vielfach fehlt. Wir geben ihnen sozusagen ein Stück Kindheit zurück. Der beste Beweis sind die Kids in all unseren Projekten, die mit Begeisterung regelmäßig in unsere Skateparks kommen.

Wie kommen die Projekte überhaupt in der Bevölkerung an? Nach vielen Jahren unter dem Taliban-Regime könnte ich mir gut vorstellen, dass man dem Skateboarding eher skeptisch begegnet.
Titus Dittmann: Das war in diesem Fall tatsächlich anders. Dadurch, dass es das Skateboarding in Af­ghanistan noch gar nicht gab, es auch nicht als Teil der westlichen Kultur von den Mullahs verteufelt werden konnte, konnten wir relativ vorurteilsfrei starten. Sogar Mädchen durften sofort mitskaten. Die Erwachsenen fanden es eher belustigend. Ein Hausmeister an einer Schule hielt das Skateboard für ein „Mäustetaxi“.

Mitskatende Mädchen? Da gab es keine Ressentiments in der Islamischen Republik Afghanistan?
Titus Dittmann: Wie gesagt, Skateboarding war in Afghanistan nicht vorbelastet und noch nicht in eine Schublade eingeordnet, von daher auch von vornherein für Mädchen erlaubt – was gut war. Die Mädchen rollen ebenso begeistert und gut wie die Jungen. Und das insbesondere die Mädchen dann davon profitieren, liegt ja auf der Hand. So gesehen, macht das Skateboarding in Afghanistan auch ganz besonders die Mädchen stark.

Was hat skate-aid schon in Afghanistan erreichen können? Was ist für die Zukunft dort geplant?
Titus Dittmann: Mit unserem Skatepark in Karokh haben wir ja schon etwas erreicht, vor allen Dingen viele Kids, die die Anlage nutzen und von unserem Engagement profitieren. Aber die angespannte Gesamtsituation macht es schwieriger als in anderen Ländern, hier tatkräftig zu helfen. Geplant ist, dass wir den Park wieder auf Vordermann bringen und wieder eine geregelte und regelmäßige Betreuung etablieren. Außerdem möchten wir unsere ‚ambulanten‘ Einsätze in Kabul besser organisieren. Dafür hat der skate-aid e. V. mit seinen Vorständen Oliver Noack und Tim Klötzing die Patenschaft für dieses Projektland übernommen und ein eigenes Charity-Event für den 6. März 2018 im GOP Essen geplant, um dringend benötigte Spendengelder zu sammeln – ohne Unterstützung geht gemeinnützige Arbeit nun mal nicht.

 

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.