Putins Superwaffen – Die neue Rüstungsspirale ist brandgefährlich

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER.
Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer. Foto: INFORMER

 

Die Computer-Animation zeigt einen nuklear getriebenen Marschflugkörper, der nach dem Start von einem russischen U-Boot im Nordpolarmeer kreuz und quer den Erdball umrundet und schließlich auf die Westküste der USA zurast. Damit würde Russland über eine Waffe mit nahezu unbegrenzter Reichweite verfügen, die mit Atomenergie betrieben und mit einem nuklearen Sprengkopf bestückt ist. Der Münchner Raketenforscher Robert Schmucker hält die Einsatzreife einer solchen Cruise Missile für „völlig undenkbar“, weil jahrelang notwendige Tests im Westen nicht unbeachtet geblieben wären. Werkstoffe, die derartige Geschwindigkeiten und hohen Temperaturen aushielten sind bislang nicht bekannt. Und die Reichweiten gelten wegen der gewichtigen Treibstoffmenge als begrenzt.

Als Russlands Präsident Wladimir Putin in der Moskauer Manege in seiner Rede zur Lage der Nation letzte Woche versicherte, die neue Waffe sei „kein Bluff“, erhoben sich die Abgeordneten beider Kammern des Parlaments, die Vertreter der Regionen und die religiösen Würdenträger zum begeisterten Applaus. Denn Putin hatte in seiner Videoschau, zwei Wochen vor der Präsidentenwahl und vierten Amtszeit, noch zwei weitere Superwaffen im Köcher: Die Hyperschall-Waffe „Kinschal“ (Dolch), die mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit und 2 000 km Reichweite „wie ein Meteorit“ (Putin) einschlage. Und die 200 Tonnen schwere Interkontinentalrakete RS-38 „Sarmat“ mit einer Reichweite von 10 000 km und einer Sprengkraft von 40 Megatonnen, die mit 10 größeren oder 16 kleineren Atomsprengköpfen bestückt jedes gegnerische Luftabwehrsysteme überwinden könne.

Während der Wahlkämpfer Putin seinen Landsleuten Russland als „unangreifbar“ zu präsentieren trachtet, empört sich der Westen scheinheilig über das russische Wettrüsten, zeigt sich aber kaum überrascht, spottet über „Hirngespinste“ oder „plumpe Animationen“ – und rüstet selbst kräftig auf. Es mag sein, dass die Experten einige der Videos bereits seit Jahren kennen. Brandgefährlich sind die Umstände, unter denen sich Putin zu Wort meldet: Der Kreml-Gewaltige beklagt den Mangel an Respekt, der Russland aus dem Westen gezollt wird („Mit uns wollte niemand reden“), seit die USA 2002 den ABM-Vertrag zur Begrenzung von Abwehrsystemen einseitig aufkündigten und stattdessen in Osteuropa ein neues Raketenabwehrsystem in Stellung brachten. Dass sich Russland davon in seiner Zweitschlagskapazität bedroht fühlt und zudem die NATO immer dichter an die russische Grenze vorrückt, ist kein bloßes Hirngespinst.

Auch wenn Russland „einen Rüstungswettlauf mit dem Westen nicht gewinnen kann“, wie die Londoner „Times“ abwiegelt – allein die Simulationen eines Atomschlage und das Gerede über die Führbarkeit eines Krieges mit Kernwaffen sind in diesen unsicheren Zeiten ein Alarmsignal.

 

Richard Kiessler     04.03.2018

 

 

 

 

 

 

 

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