Panorama / Hannover

Käßmann: „Mir tun Muslime leid, die für irre Terroristen in Haftung genommen werden.“

Margot Käßmann im Gespräch mit Autor Peter Dettmer. Foto: Dettmer

Margot Käßmann hat am 3. Juni in Hannover ihren 60. Geburtstag gefeiert. Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover und  die Evangelische Kirche Deutschland verabschieden die Trägerin des großen Bundesverdienstkreuzes am 30. Juni mit einem Gottesdienst in der Hannoverschen Marktkirche in den Ruhestand. Anlass zu einem Interview und einen Rückblick mit der streitbaren Theologin.

Die Evangelische Kirche feierte im Vorjahr ‚Luther 2017 – 500 Jahre Reformation‘ und Margot Käßmann wurde zur Botschafterin für das Jubiläum ernannt. Diese Aufgabe hindert die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche und langjährige Bischöfin der Landeskirche Hannover, aber nicht daran, sich neben dem Umgang mit Terror, Tod und Krieg auch zu den dunklen Seiten von Martin Luther zu äußern. „Die Talkshows würden ihn lieben. Er wäre politcal incorrect und würde aufrufen die Bibel zu lesen“, beschreibt die Ehrendoktorin der Universität in Hannover und der Theologischen Hochschule Mexiko augenzwinkernd, wie sie den Reformator heute sehen würde.

Reformator gegen Juden, Hexen und Homosexuelle

Der Reformator ist halt nicht Everybodys Darling: In seinem Kommentar zum Römerbrief hatte Luther Homosexualität als „sittliche Abirrung der Menschen infolge ihres Gottesverlustes“ bezeichnet, wollte „der erste sein, der Feuer an sie (die Hexen) legt“, Juden waren für ihn gottlos, christenfeindlich, verflucht und stammen vom Teufel ab… Trotzdem appelliert die gebürtige Marburgerin, zum Reformator zu stehen. „Ich finde wir können feiern, dass wir heute auch die Schattenseiten von Luther sehen, ansprechen, darüber reden wie es war, warum das so war und auch zu sagen: Da irrte Martin Luther – diese Freiheit haben wir heute.“

Demokratie-kompatible Muslime und der IS

Schon 2006, als Bischöfin der Landeskirche Hannovers, setzte sich die Theologin für einen intensiven Dialog zwischen Christen und Muslimen ein, warnte anlässlich des Reformationsfestes 2007 vor anti-islamischer Stimmung. Gleichzeitig spricht sie heute die Schreckensbilder des IS und der Terroristen in Paris an und und deren Wirkung auf die Menschen.

Für sie selbst steht dagegen fest: „Das hat meine Einstellung nicht verändert. Mir tun die Muslime leid, die friedliebend sind, die in der Demokratie leben, einen Demokratie-kompatiblen Islam leben wollen und immer wieder in Haftung genommen werden, für solche irren Terroristen, die ihren Glauben missbrauchen, um ihre Gräueltaten zu rechtfertigen.“ Muss ein Christ auch in solchen Fällen den Mördern vergeben können? „Vergebung ist ein großes und schweres Wort und das bei Charlie Hebdo stand ‚Alles ist vergeben’, ist eine Diskussion wert. Vergebung kann nie dem Opfer oktroyiert werden, aber ich weiß von Opfern, dass diese, wenn sie vergeben konnten wesentlich freier weitergelebt haben.“

„Mir ist mein Pazifismus oft um die Ohren gehauen worden.“

„Ich lasse mir meinen Pazifismus nicht nehmen, den ich oft genug um die Ohren gehauen bekommen habe“, bekräftigt die 57-Jährige ihre grundsätzliche Haltung. Die gilt auch bezüglich der Waffenlieferung an die Kurden im Kampf gegen den Islamischen Staat. „Ich finde es wäre eine souveräne Antwort, Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten, sondern wie in Paris mit einer großen Demonstration für die Freiheit zu antworten. Ich finde auch die Vertreter der Bundesrepublik tun gut daran, wenn nun, wie vor dem Brandenburger Tor, Muslime, Christen, Juden und nicht-religiöse Menschen gemeinsam für die Freiheit eintreten.

‚Das Zeitliche segnen‘ – eine Position zur Sterbehilfe

In Ihrem Buch Das Zeitliche segnen (adeo Verlag) setzt sich Margot Käßmann mit dem Tod auseinander und ihren eigenen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Verlust eines geliebten Menschen. „Ich befürworte Sterbehilfe insoweit, als das Menschen nicht zwangsläufig lebensverlängernde Maßnahmen erhalten sollten, dass sie sterben dürfen, wir sie auch sterben lassen. Wenn wir gesetzlich regeln, dass Menschen, die des Lebens müde sind, durch die Hand eines anderen in den Tod geführt werden, dann fürchte ich, verändert sich die Gesellschaft zu einer Ökonomisierung. Wir wissen alle, dass wir in den letzten Jahren unseres Lebens die Krankenkassen am meisten belasten und ich fürchte, manche Menschen hätten dann einfach Angst, nur noch Last zu sein. Mir geht es nicht um Recht, mir geht es um die Geduld mit dem Sterben. Ich habe den Eindruck, man muss heute alles effektiv machen. Die Geburt muss effektiv sein, wir haben heute mehr als ein Drittel der Geburten als Kaiserschnitte, weil man dann den Zeitpunkt selbst festlegen kann und beim Sterben erscheint es mir fast auch so, dass man dann sagen kann: O.k., wir machen das am 13. April um 15 Uhr.“

Rücktritt von Bischofsamt und EKD-Ratsvorsitz

Auf ihren Rücktritt von Bischofsamt und EKD-Ratsvorsitz blickt die Jubilarin heute mit spürbarem Abstand zurück: „Ich habe den Anlass bereut (Auslöser war im Februar 2010 eine Autofahrt unter Alkoholeinfluss), aber nicht die Entscheidung. Ich glaube bis heute, das war richtig in der Konsequenz und ich würde das heute wieder ganz genau so machen.“

Gemeinsam mit der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers verabschiedet die EKD Margot Käßmann am 30. Juni mit einem Gottesdienst in der Hannoverschen Marktkirche in den Ruhestand.

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