Ende einer Ära: FUNKE Mediengruppe stellt Borbecker Nachichten ein

Die FUNKE Mediengruppe stellt die in Essen erscheinende Wochenzeitung Borbecker Nachrichten ein.
Die FUNKE Mediengruppe stellt die in Essen erscheinende Wochenzeitung Borbecker Nachrichten ein. Foto: Pascal Hesse [recherche|kollektiv]

Mit den ‚Borbecker Nachrichten’ stellt die FUNKE Mediengruppe die einst auflagenstärkste lokale Wochenzeitung in Deutschland ein. Das berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT. Am 31. August erscheint die letzte Ausgabe. Bis zur Jahrtausendwende kämpfte die Heimatzeitung hartnäckig um ihre Eigenständigkeit.

Von Pascal Hesse

Ende August ist in Essen Schicht im Schacht – zumindest in der Redaktion der ‚Borbecker Nachrichten’ im von Bergbau geprägten Ruhrgebiet. Über den Ausstieg aus der Steinkohle wird am Jahresende nicht mehr berichtet. Und ebenso wenig über das alljährliche Marktfest oder das lapidar anmutende Schlagloch auf der Hauptstraße. Die Heimatzeitung wird eingestellt – nach fast 70 Jahren und einem Überlebenskampf, der seinesgleichen sucht.

Im Frühjahr 1949, genauer am 8. April, wird die Zeitung mit britischer Lizenz und dem Untertitel „Mitteilungen der Borbecker Bürger- und Verkehrsvereine, Heimatvereine und angeschlossene Vereinigungen” von Wilhelm Wimmer gegründet. Nach seinem Tod 1953 übernehmen seinen Söhne Walter und Franz-Josef die Regie. 1986 verkauft der eine seine Anteile an den westdeutschen Zeitungsriesen, ddie frühere WAZ- und heutige FUNKE Mediengruppe. Sie verlegt unter anderem die Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ). Im Konkurrenzkampf im Revier werden harte Bandagen angelegt: Ende der 1990er Jahre bringt die WAZ zusätzliche Lokalausgaben und ein Anzeigenblatt auf den Markt. Bis ins Jahr 2000 hält Wimmer den Kampf gegen den Zeitungsmonopolisten Stand. Der Ton wird rauer – auch auf der Straße: Mehrere Tausend Menschen protestieren für die weitere Unabhängigkeit ihrer Heimatzeitung. Aber der Druck ist zu groß; das Anzeigengeschäft bricht ein. Die aggressive Expansionspolitik macht den letzten Wimmer mürbe. Er verkauft – die Eigenständigkeit ist passé. In der Wochenzeitung Die Zeit bezeichnete Wimmer das Verhalten der Aufkäufer damals als nackte Gewalt. Günther Grotkamp ist seinerzeit Geschäftsführer der Gruppe, seine Frau Petra Gesellschafterin des Konzerns.

„Wir waren beeindruckt und sehr überrascht von Einsatz der Menschen für ihre Zeitung“, sagt Horst Röper, Geschäftsführer des Dortmunder Medienforschungsinstituts FORMATT.

Die Borbecker galt als letzte eigenständige Zeitung im Revier. Der Protest der Menschen, er versiegt. Dennoch: „So etwas hatte es vorher noch nie gegeben. Wir waren beeindruckt und sehr überrascht von Einsatz der Menschen für ihre Zeitung“, erinnert sich Horst Röper, Geschäftsführer des Dortmunder Medienforschungsinstituts FORMATT, Kritiker der Medienkonzentration und führender Zeitungswissenschaftler in Deutschland. So viele Leser wie damals auf die Straße gegangen sind, hat die Borbecker lange nicht mehr. Der demografische Wandel macht vor ihr nicht Halt. Und ebenso wenig das Internet, das in den sozialen Netzwerken mit sublokalen Meldungen aufwartet.

Heimatpostillen waren früher beliebter als heute

„Wir mussten in den vergangenen Jahren mit ansehen, wie heftig die Auflage gesunken ist. Das hat auch mit der Übernahme durch die WAZ-Gruppe zu tun“, sagt Röper. Sublokale Heimatzeitungen wie die Borbecker, die als Kauf-Wochenzeitung herausgegeben werden, gibt es heute kaum noch. „Das war mal anders, in den Hochzeiten dieser Gattung in den 1970er Jahren. Um 1980 gab es noch rund zwanzig Titel – und das alleine in NRW“, so der Wissenschaftler. Neben den Werdener Nachrichten, der Schwesterzeitung der Borbecker, und dem Kevelaerer Blatt gilt die Gattung als nahezu ausgestorben. Röper: „Als diese Zeitungen gegründet wurden, waren die Stadtteile noch deutlich eigenständiger und die Heimatpostille besonders wichtig. Als wir Anfang der 1990er Jahre den Medienatlas NRW erstellt haben, eine Studie im Auftrag der Landesregierung NRW, lobten wir die Borbecker in den höchsten Tönen. Sie war immer etwas Besonderes; alle anderen Zeitungen dieses Typs waren redaktionell bei weitem nicht so stattlich.“ Nicht ohne Grund entwickelte sich die Borbecker – trotz lokaler Konkurrenz – zeitweise zur auflagenstärksten lokalen Wochenzeitung in Deutschland. Doch diese Erfolgsgeschichte ist lange her.

Die ‚Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern’ (IVW) ermittelt und publiziert quartalsweise die Auflagenhöhe von Presseerzeugnissen in Deutschland. Anders als die gedruckte oder verbreitete Auflage stellt die verkaufte Auflage einen direkten messbaren Indikator für den Erfolg der jeweiligen Titel dar. Beim Blick auf die Borbecker ist dieser ernüchternd: In den vergangenen 20 Jahren verlor sie mehr als 83 Prozent ihrer verkauften Auflage und 77 Prozent ihrer Abonnenten. Aus 15.210 verkauften Exemplare wurden zu 2.531. Anfang der 1980er Jahre – in den glorreichen Jahren – schnellte sie noch auf 25.000 Exemplare zu.

Tageszeitungen WAZ und NRZ leiden unter Leserschwund

„Der Rückgang der Auflage ist substantiell und konnte bereits seit langem nicht mehr durch Anzeigengeschäfte und Lesermarkterlöse ausgeglichen werden.“, betont Dr. Tobias Korenke, Leiter Unternehmenskommunikation der FUNKE Mediengruppe. Er bestätigt die Einstellung der Borbecker. Bei den Tageszeitungen der FUNKE Mediengruppe ist das Bild gleichwohl ebenso so verheerend: WAZ, die Neue Rhein / Ruhr Zeitung (NRZ), die Westfalenpost (WP), die Westfälische Rundschau (WR) sowie der Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung (IKZ) büßten im gleichen Zeitraum zusammen 55,43 Prozent der verkauften Auflage und 54,47 Prozent der Abonnenten ein. Die verkaufte Gesamtauflage aller Titel zusammen liegt im ersten Quartal dieses Jahres bei 512.887 Exemplaren. Vor zwanzig Jahren sind es noch mehr als doppelt so viele, nämlich 1.150.857 Exemplare.

Über den Unfall mitten im Berufsverkehr, die Messerstecherei im Park oder das Einbrecher-Trio, das nach Wochen gefasst wird – ja davon erfahren die Leser heute fast zeitgleich auf ihrem Smartphone oder Tablet. Doch im Internet ist die Borbecker nicht vertreten – besser gesagt nicht mehr: Um die Jahrtausendwende zählt sie noch zu den Pionieren, die mit einem eigenen Internetauftritt aufwarten. Er fällt dem Rotstrich zum Opfer. Der Abwärtstrend ist zu dieser Zeit jedoch längst eingeläutet. „Ich finde es dennoch sehr bedauerlich, dass es jetzt passiert, dass die Zeitung eingestellt wird. Denn sie war ein Kulturgut“, beklagt Röper. Heute wird die Zeitung von Susanne Hölter redaktionell verantwortet. Was aus ihr und ihren freien wie fest angestellten Kollegen wird?

„Alle Abonnenten werden persönlich angeschrieben“, sagt Dr. Tobias Korenke, Leiter Unternehmenskommunikation der Funke Mediengruppe.

„Es sind keine Verlagsmitarbeiterinnen und –mitarbeiter betroffen. Mit den drei festangestellten Redakteuren bei den Borbecker Nachrichten ist der Verlag im Gespräch und versucht gemeinsam Lösungen zu finden“, so Korenke. Wie viele freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind betroffen sind und wie mit diesen verfahren wird – dazu äußert er sich auf Anfrage nicht. Immerhin: „Alle Abonnenten werden persönlich angeschrieben.“

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