Nordkorea pfeift auf atomare Abrüstung – Kim Jong-un spielt auf Zeit

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renomierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER. Foto: INFORMER

„Unsere Verbündeten“, verrät Donald Trump seinen jubelnden Fans in Montana, „sind in vielem schlimmer als unsere Feinde.“

Nun ja, während der sprunghafte US-Präsident auf den lästigen Konkurrenten Deutschland eindrischt und um Haaresbreite die westliche Allianz mit seinen Tiraden sprengt, preist er den nordkoreanischen Diktator als „großartige Persönlichkeit – und sehr smart.“ Trump hält Kim Jong-un für einen „talentierten Mann.“ Damit könnte er Recht haben, aber in einem umgekehrten Sinn als er denkt. Denn nur einen Monat nach dem spektakulären Treffen der beiden ungleichen befreundeten Feinde in Singapur mehren sich die Anzeichen, dass der talentierte Herr Kim gar nicht daran denkt, sein Versprechen einer vollständigen „Denuklearisierung“ der koreanischen Halbinsel einzulösen. Auf neuen Satellitenaufnahmen ist zu erkennen, dass Nordkorea den Ausbau seiner nuklearen Anlage in Yongbyon energisch vorantreibt. Zudem berichten amerikanische Geheimdienste von Erweiterungsbauten für die Raketenproduktion. 

In Singapur hatte Trump getönt: „Nordkorea ist keine Atommacht mehr.“ Ihm sage sein im früheren Immobilien-Business erprobter „Instinkt“, dass Kim ernsthaft abrüsten wolle. Warnungen, die Nordkoreaner hätten ihre Zusagen schon mehrfach nicht eingehalten, der Gipfel müsse in mehreren sorgfältigen Verhandlungsschritten auf den Weg gebracht werden, hatte Trump damals großspurig in den Wind geschlagen: „Ich brauche keine Vorbereitung.“ Stattdessen erfüllte der US-Präsident spontan eine Kernforderung Nordkoreas ohne erkennbare Gegenleistung: Er setzte amerikanische Seemanöver aus – zum Schrecken seiner südkoreanischen und japanischen Verbündeten, zur stillen Freude seiner chinesischen Rivalen. 

Kim Jong-un baut auf neuerliche Treffen mit dem großzügigen Trump.  Er lobt in einem Dankschreiben dessen „aufrichtigen Bemühungen und außergewöhnlichen Anstrengungen.“ Die Propaganda aus Pjöngjang bedauert dagegen  nach einer ersten Verhandlungsrunde mit US-Außenminister Mike Pompeo „Missklänge“ und spricht von „räuberischen Forderungen“ der USA. Jetzt wird deutlich, wie vage  die Versprechungen in Singapur waren, atomar abzurüsten. Unter der „Denuklearisierung“ der koreanischen Halbinsel versteht Kim den Abzug der US-Truppen einschließlich ihres nuklearen Schutzschirmes aus Südkorea. Einem vorgezogenen Verzicht auf sein atomares Arsenal aber wird Nordkorea nicht zustimmen wollen. Trumps Bruch des Atomabkommens mit dem Iran  lehrt Kim, dass er vor einem gewaltsamen Regimewechsel durch seinen neuen Partner in Washington nur sicher sein kann, wenn Nordkorea Atommacht bleibt.

 

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