Nordstream 2 gut für Deutschland? Über Trumps Lügen und Amerikas ökonomische Interessen

„Nordstream 2“ – eine Gaspipeline im deutschen Interesse? Foto: INFORMER

„Nordstream 2“ – eine Gaspipeline im deutschen Interesse? Hinter Trumps Lügen stecken Amerikas ökonomisch Interessen!

EIN KOMMENTAR VON DR. RICHARD KIESSLER

Für die aufgebrachten Gegner ist das Projekt ein „außenpolitischer Spaltpilz“,  den die deutsche Regierung zu verantworten hat. Der Bau der Pipeline „Nordstream 2“(NS-2), die über 1 120 Kilometer Gas vom sibirischen Wyborg durch die Ostsee nach Lubmin bei Greifswald pumpen wird, opfere Deutschland gemeinsame europäische Energieziele „auf dem Altar eines deutsch-russischen Sonderverhältnisses.“ Und US-Präsident Donald Trump, dessen Verständnis von Außenpolitik dem Geschäftsgebahren einer New Yorker Immobilien-Heuschrecke in nichts nachsteht, sieht Deutschland als „Gefangenen Russlands“, wenn NS-2 ab Ende kommenden Jahres 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas liefert. „Zwischen 60 bis 70 Prozent“, tönte Trump beim NATO-Gipfel in Brüssel, werde Deutschland „total unter russischer Kontrolle“ stehen.

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renomierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER. Foto: INFORMER

Einmal mehr verbreitet Trump fake news: Am deutschen Energiebedarf ist Russland mit gerade einmal neun Prozent betreiligt. 37 Prozent der Gasimporte kommen aus Russland, 29 Prozent aus den Niederlanden und 21 Prozent aus Norwegen. Und NS-2 ist ebenso wenig wie die parallele Gaspipeline NS-1 ein rein deutsch-russiches Projekt: Neben Wintershall und Uniper sind am Bau der 10 Milliarden Euro teuren Erdgasröhren Gazprom zu 50 Prozent, die britisch-niederländische Royal Dutch Shell, die französische Enie und die österreichische OMV beteiligt. Kaum bekannt ist, dass der ehemalige britische Premierminister David Cameron den russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Bau von NS-2 ermunterte, weil die westeuropäischen Gasquellen bald versiegen, Europa aber die absehbare Energielücke mit bis zu 140 Milliarden Kubikmeter Importgas ersetzen muss. Dass der über Jahrzehnte zuverlässige Gaslieferant Russland sich ebenfalls in eine Abhängigkeit von seinen Kunden begibt, blenden die NS 2-Gegner geflissentlich aus.

Trumps verstellte Sicht („Schrecklich, was Deutschland da macht“) ist denn auch weniger politischen als handfesten wirtschaftlichen Motiven geschuldet: Die USA wollen ihr im umstrittenen Fracking-Verfahren erschlossenes Schiefergas nach Europa verkaufen. Doch das Flüssiggas ist ungleich teurer als das sibirische Erdgas. Um den Druck auf die Europäer zu verstärken,  hat der US-Senat 2017 mit dem „Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act“ die am NS-2-Konsortium beteiligten Unternehmen mit Sanktionen bedroht. Hinter dem Bemühen, Russland vom europäischen Gasmarkt zu vertreiben, steckt ein konfrontativer Kurs des neokonversativen Establishments in Washington: Das geopolitische Ziel, Russland auszugrenzen und allzu enge deutsch-russische Beziehungen zu unterbinden, widerspricht freilich den Zielen der NATO, der KSZE und der Charta von Paris. Doch am Bau einer europäischen Friedensordnung von  Vancouver bis Wladiwostok wollen die amerikanischen Neokons nichts mehr wissen. Somit widersprechen sich die amerikanischen und die europäischen Interessen.

Die Regierung in Berlin hat zu Recht der wirtschaftlichen  Bedeutung des Pipeline-Projektes Vorrang eingeräumt und sich nicht anders verhalten als andere europäische Staaten: Sie handelt im nationalen energiepolitischen  Interesse. 

 

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