Reise / Palma de Mallorca

„Wir bräuchten eine Bombe“ – was mancher Mallorquiner so über den Tourismus denkt

Mallorca
Was den Mallorquinern wohl wirklich durch den Kopf geht? Foto: Barbara Röss

Es ist 14 Uhr – Mittagessenszeit für die mallorquinischen Damen im Haus. Sie leben im Luxus. Direkt am Meer mit Pool und mit hauseigenem Lokal. Das Mittagsmenü muss für die Damen und Herren, die keine Lust mehr haben selbst zu kochen, vor allem eines sein: Günstig!

“Also mehr als 5 Euro darf das nicht kosten” schimpft die 87-jährige Nachbarin, die ich liebevoll “den Karpfen” nenne, weil sie immer so niedlich nach Luft schnappt mit weit geöffnetem Mund.

Eigentlich hat diese Dame ausgesorgt. Sie hat Geld genug, trotzdem ist sie sparsam (wie die allermeisten Mallorquiner).

“Bevor die weißen Bäuche kamen” – das hat sie wirklich so gesagt – “war hier alles bezahlbar. Jetzt will jeder Restaurantbesitzer nur noch das Maximum rausschlagen. Muss er auch, die Mieten sind gestiegen, die Abgaben steigen stetig. Zwangsläufig muss er also jeden Touristen ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Leider werden die Einheimischen dabei auch mächtig abgezogen,” erklärt der Karpfen im Sprechtempo einer Schnecke. Ihre Tischnachbarin nickt heftig.

Dann sagt der Karpfen den Satz des Tages:

“Wir bräuchten mal wieder so eine kleine Bombe wie damals … da sind für eine Weile mal weniger Touristen gekommen.”

Ich denke erst, ich hätte mich verhört, doch dann setzt sie noch einen oben drauf: “Vielleicht wäre auch eine große Bombe besser.”

Die alte Dame bezieht sich bei der Bombenanalogie auf den Terroranschlag der ETA 2009 in Palmanova und Portixol, vermute ich. Aber jetzt bin erstmal ich die, die nach Luft schnappt.

Jetzt drehe ich mich um, und schaue ihr tief in die Augen. “Eine Bombe?” frage ich. “Ja. Was denn sonst? Die Politik wird es nicht richten.”

Sie hat nicht unrecht. Die Politiker hier waren in der Vergangenheit nie für ihre Unbestechlichkeit bekannt. Vetterngeschäfte, extrem großzügige Parteispenden – alles war dabei. Aber dass selbst beim Karpfen so viel Frust drin steckt, hätte ich nicht gedacht.

“Es sind doch immer nur ein paar wenige dicke Fische, die abkassieren. Die übrigen halten den Kopf dafür hin.“

Die alte Dame ist wütend: „Ich muss meine Enkeltochter finanziell unterstützen, weil sie trotz einer Vollzeitstelle in einem Hotel ihre Wohnung nicht mehr halten könnte. Alles wird teurer.”

Mittlerweile hat sich ihre Enkelin zu uns an den Tisch gesetzt. Sie fragt, worüber wir sprechen. Der Karpfen sagt: “Über die Bombe, die wir bräuchten.” Darauf die Enkelin völlig selbstverständlich und ruhig: “Ach so. Die Bombe. Ja. Aber du weißt doch Oma, der Tourismus ist wichtig für Mallorca.”

Der Karpfen wird einen Moment still. Dann sagt sie: „Recht hast du mein Kind. Aber ein paar Menschen weniger auf der Insel, das wäre trotzdem schön.“

 

Autoreninfo:
Barbara Röss ist Journalistin und bloggt auf mallorca-talks.com. Die ehemalige Hörfunk-Journalistin kommt aus der Nähe von Dortmund, lebt seit 2006 auch auf Mallorca. Die 38-jährige schreibt seit 2014 auch regelmäßig für verschiedenen Online- und Printmedien.

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