Künstliche Intelligenz in der Medizin: Ersetzt der Computer bald den Arzt?

Prof. Dr. Michael Forsting ‚füttert‘ die künstliche Intelligenz mit Röntgenbildern und Diagnosen. Und der Computer? Er lernt und irrt nie.
Prof. Dr. Michael Forsting ‚füttert‘ die künstliche Intelligenz mit Röntgenbildern und Diagnosen. Und der Computer? Er lernt und irrt nie. Foto: Christoph Bubbe

Künstliche Intelligenz im Krankenhaus – auf viele mag dieser Gedanke zunächst ungewohnt wirken, Bilder hervorrufen, wie wir unsere Gesundheit und unser Leben ganz der Computertechnologie anvertrauen. Dieses ‚Horrorszenario‘ sieht Prof. Dr. Michael Forsting, Direktor des Institutes für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie am Universitätsklinikum Essen, nicht. Mit der Nutzbarkeit von künstlicher Intelligenz in der Diagnostik beschäftigt er sich seit rund zwei Jahren, seit ihm zunehmend klar wurde, „dass die Radiologie, wie wir sie heute kennen, so nicht mehr funktionieren wird.“

Herr Prof. Forsting, künstliche Intelligenz im Krankenhaus klingt ein bisschen nach Science Fiction – und damit auch irgendwie erschreckend.

Forsting: Etwas Neues, das plötzlich kommt und die Welt umdreht ist immer irgendwie revolutionär. Und alle haben Angst davor. Wobei es eigentlich gar nicht schlimm ist. Das Auto war revolutionär, oder? Kaum jemand konnte sich vorstellen, wie es möglich sein soll, Kutschen ohne Gespann fahren zu lassen. Gleichzeitig war klar: Wenn doch, verändert das alles, was uns bisher als bekannt und gesichert erschien. Also wurde Lobbyismus betrieben, für die Kutsche und gegen das Automobil. Es gab einen ganzen Katalog an Gegenargumenten, aber es gab auch eine Firma, die hat gesagt: „Okay, wenn so ein Auto schneller fährt als eine Kutsche, dann braucht dieses Vehikel vermutlich auch gute Bremsen. Und da wir schon Bremsen für Kutschen bauen, gucken wir doch mal, ob wir nicht auch Bremsen fürs Auto machen können.“ Und diese Firma heißt ‚Bosch‘ und hat bis heute überlebt. Und so ähnlich ist das ja mit allen anderen disruptiven Technologien gewesen – von der Erfindung des Aquädukts bis zum Smartphone.

Also sollten wir uns damit abfinden, dass uns ab morgen nicht mehr der Arzt versorgt, sondern eine Software?

Forsting: Sagen wir besser, dass sie zukünftig wahrscheinlich immer öfter zusammen die Diagnose stellen. Und in bestimmten Punkten ist das nicht neu. Schlagwort: Big Data. Der Internet-Händler ‚Amazon‘ macht das sensationell. Wenn Sie dort ein Buch bestellen, kriegen Sie sofort den Tipp, wofür sich die letzten drei Millionen Menschen, die dieses Buch bestellt haben, noch interessierten. Und komischerweise trifft dieser Tipp auch noch Ihren Buchgeschmack, jedenfalls ungefähr. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, sondern das ist nur das Durchforsten und analysieren von Daten. Und das kommt jetzt in die Medizin bzw. ist schon da. Das wird gerne mal unter künstlicher Intelligenz subsumiert, ist aber eigentlich eine Stufe darunter. Bei der Medikation z. B. greifen wir bereits auf Datenbanken zurück. Es gibt Medikations-Tools, die – ohne dass sie wirklich intelligent sind – sagen können: „Pass auf! Dieses und jenes Medikament vertragen sich aber gar nicht.“

Aber was genau ist dann die küntliche Intelligenz?

Forsting: Stichwort ‚Deep Learning‘: ein Computersystem, das sich selbst etwas beibringen kann. Und da wird es aufregend. Ein Beispiel aus der Radiologie: Sie zeigen diesem Computer – und wir haben das gemacht – 700 Datensätze von Lungen-CTs. Und bei diesen 700 Datensätzen geben Sie die Diagnose dazu und sagen: „Das ist eine Lungenentzündung, das ist ein Pneumothorax und das eine Fibrose.“ Das prägt sich der Computer ein. Er sieht nicht das Bild, sondern nur die Abfolge von Einsen und Nullen und analysiert diese in tausenden von Dimensionen und merkt sich: „Dies ist das Muster für Lungenkrebs, jenes das einer Lungenentzündung.“ Wir programmieren ihm das nicht, sondern er merkt sich das selber. Und dann haben wir ihm zehn Datensätze gezeigt von Lungen, die er noch nie ‚gesehen‘ hatte und er hat zehnmal die richtige Diagnose gestellt – und zwar innerhalb von zwei Minuten. Da haben wir ein bisschen doof geguckt. Als Mediziner wissen wir nicht, wie er das lernt, wir wissen nur, dass er lernt. Und das ist künstliche Intelligenz.

Und wenn der Computer etwas Falsches lernt?

Forsting: Das ist es ja: Er tut es nicht! Zu uns kam mal ein Lungenpatient mit einer Fehldiagnose. Diese hat sich im Laufe der Zeit auch herausgestellt und schließlich zu einer richtigen Diagnose geführt. Den Computer haben wir aber mit den Datensätzen und der Fehldiagnose ‚gefüttert‘ – und er hat die falsche Diagnose eigenständig berichtigt. Er hat es selber gelernt. Und er hat den Menschen korrigiert! Das war anfangs schon ein bisschen unheimlich. Die Lunge ist ein relativ kompliziertes Organ. Aber letztlich können wir uns nicht nur in der Radiologie, sondern bei ganz vielen Anwendungen im Krankenhaus dieses Selbst-Lernsystem vorstellen. Dass wir in der Radiologie damit begonnen haben, liegt einfach daran, dass sie eines der technikaffinsten Fächer der Medizin ist. Wir sind ja bereits umgeben von Computern.

Eventuell hat aber mancher Mediziner Angst, sich mehr und mehr wegzurationalisieren.

Forsting: Dass dies der Fall sein wird, glaube ich so nicht. Aber das Anforderungsprofil an den Arzt wird sich verändern. Klar, am Ende der automobilen Revolution waren die Kutschenfahrer auch noch da, nur haben sie die Zügel gegen ein Lenkrad eingetauscht und umgeschult auf Chauffeur. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass z. B. in der Diagnose es dem Patienten gefallen wird, wenn ihm ein wie auch immer humanuit-gestalteter Computer erklärt: „Sie haben Krebs.“ – zumindest nicht in der nächsten und auch nicht in der übernächsten Generation. Da ist ein Arzt als sprechendes Medium immer noch ganz gut.

Also keine Gefahr für die ‚Götter in Weiß‘?

Forsting (lacht): Nein, im Gegenteil. Es ist ein Gewinn! Wir müssen ja auch mal ein bisschen weiter denken. Überall in der Welt, auch in Deutschland, stehen wir unter einem Wahnsinnsdruck. Wir müssen ja nicht nur Großstädte wie Essen, Berlin oder Hamburg mit Ärzten versorgen, sondern auch Ostfriesland, das Sauerland oder andere ländlichere Gegenden. Und das wird so wie heute auf Dauer nicht mehr funktionieren. Wenn Sie etwa meine Kollegen in Sachsen-Anhalt fragen, die in Dessau die Radiologie betreiben, die finden keinen Radiologen mehr. Das ist ja auch der Grund, warum wir mit dem Uniklinikum z. B. mehrere Krankenhäuser radiologisch mitversorgen: Es gibt einfach in Relation zu den Patienten zu wenig qualifizierte Fachärzte. Da wird uns die künstliche Intelligenz das Leben erheblich erleichtern. Denn diese Computersysteme machen uns besser und schneller! Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel.

Ein Interview von Lars Riedel.

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