Panorama / München

Exklusiv-Interview mit Konstantin Wecker: „Meine Wut zwingt mich dazu, mich einzumischen“

Musikalischer Nachschlag: Konstantin Wecker verlängerte seine Tour „Poesie und Widerstand“! Foto: Ufuk Arslan

Konstantin Wecker ist auch nach seinem 70. Geburtstag rastlos: Der Musiker, Autor und Schauspieler befindet sich noch immer auf großer Jubiläumstour, die er 2017 aus Anlass seines 70. Geburtstags begann. Der Titel: ‚Poesie und Widerstand. Über 70 Jahre Ungehorsam‘. Verändert habe sich der Künstler in seinem Leben schon oft, ein Anderer sei er nie geworden, wie der Sänger im Exklusiv-Interview mit Peter Dettmer beschreibt.

Verbogen hat sich Konstantin Wecker nie, sein Song „Ich singe, weil ich ein Lied hab“ ist und bleibe für ihn der freudigste und wahrhaftigste Grund zu singen. Also alles beim Alten? Mitnichten. Jetzt, wo die soziale Kälte wieder grölend Einzug feiere in Europa und in Deutschland, wehrt sich der Liedermacher nicht mehr dagegen, ein politischer Liedermacher zu sein: „Ich wollte immer Liebeslieder schreiben. Schon als 18-Jähriger, als ich begonnen hatte, meine Gedichte zu vertonen. Doch meine immer stärker werdende Wut über Neid, Fremdenhass und Profitgier zwingen mich dazu, mich mehr denn je einzumischen.“

Ich unterscheide nicht zwischen gutem und bösen Flüchtling

Fast täglich setzt der Münchener in seinen Facebook-Posts Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, unterstützt antirassistische Bündnisse und verschreibt sich uneingeschränkt seinen Grundwerten als Menschenfreund. „Ich betrachte einen Flüchtling nicht unter seinen religiös-ideologischen Gesichtspunkten, sondern zuerst ist es ein hilfesuchender Mensch. Zu unterscheiden – das ist ein guter, das ist ein böser Flüchtling – wäre gegen unsere Grundrechte, denen wir ja als demokratischer Staat verpflichtet sind. Ich habe selbst viel mit Flüchtlingen zu tun und habe nicht den Eindruck, dass in den Unterkünften die schweren Islamisten anzutreffen sind.“

Meine Lieder sind Ausdruck meiner Liebe zu den Menschen

Die Liebe und die Zärtlichkeit ging dem Poeten dabei nie verloren: „Im Grunde sind meine politischen Lieder Ausdruck meiner Liebe für die Menschen, meiner Leidenschaft für den Humanismus.“ Seine Bühnenpartner seien für ihn immer ein purer Gewinn, von ihnen habe er gelernt. Sich auf einen Stil festlegen will er nicht: „Meine Musik folgt immer meinen Texten. Von Schubert bis Hardrock – bei mir ist immer alles möglich.“ Und ist es noch immer. Dies sollen seine Fans auch bei seinen zahlreichen Zusatzkonzerten aktuell wieder spüren und erleben.

Wiedersehen nach zehn Jahren: Konstantin Wecker traf sich zuletzt mit Peter Dettmer 2008 im Theater am Marientor in Duisburg anlässlich der Premiere seines Musicals ‚Der kleine Lord‘. Foto: Dettmer

Wiedersehen nach zehn Jahren: Konstantin Wecker traf sich zuletzt mit Peter Dettmer 2008 im Theater am Marientor in Duisburg anlässlich der Premiere seines Musicals ‚Der kleine Lord‘.

Gegen Faschisten und Islamisten gilt es sich zu wehren

„Natürlich gibt es Extremisten, wie in jeder Gesellschaft. Islamismus ist für mich gleichzusetzen mit Faschismus – sie teilen sich ja ihre Verachtung beispielsweise von Schwulen und Frauen. Ich kenne viele Anhänger des Islam, die zwar – wie auch bei Juden oder Christen – zwar ihrer Glaubensrichtung angehören, aber diese nicht so ernst nehmen. Andere leben durchaus einen liberalen Islam. Gegen Extremisten gilt es sich zu wehren, dass ist keine Frage. Ich war aber auch erschüttert über den Shitstorm gegen Margot Käßmann, nach deren Aussage ‚Liebe Deine Feinde‘. Als Christin und Theologin muss man so etwas sagen dürfen. Ich mag das an ihr, wir haben ja auch gemeinsam ‚Entrüstet Euch‘, ein Buch über Pazifismus veröffentlicht. Sie ist konsequent und aufrichtig.“

Keine Ausflüge mehr abseits der Liedermacher-Szene

Das Musical ‚Oliver Twist sei sein vorläufig „letzter Ausflug abseits der Liedermacher-Szene.“ Filmrollen sind aktuell ebenfalls nicht geplant, „es sei denn es käme wieder so ein Rollenangebot, wie in ‚Wunderkinder‘, ein richtig guter Film, in dem ich einen SS-Mann gespielt hatte. Aber ich nehme nicht irgendeine Rolle an, nur um wieder Schauspieler zu sein.“ Der Schriftstellerei widmet sich das Multitalent dagegen erneut: Nach dem Buch ‚Dann denkt mit dem Herzen‘ („Das gesammelte Posting, das ich zur Willkommenskultur geschrieben habe: Ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit, Mitgefühl und Empathie“) erschien aktuell „Auf der Suche nach dem Wunderbaren – Poesie ist Widerstand“ (Gütersloher Verlagshaus). Der Autor beschreibt sein jüngstes Werk so: „Poesie findet sich nicht ab mit dem Machbaren.“

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