Macron im Sinkflug – Der einstige Senkrechtstarter ist den Franzosen fremd geworden

Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron ist seit dem 14. Mai 2017 Staatspräsident Frankreichs.
Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron ist seit dem 14. Mai 2017 Staatspräsident Frankreichs. Foto: Gouvernement français, CC BY-SA 3.0 fr, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35463584

Von Richard Kiessler – Der Abstieg vom Gipfel beginnt für die französischen Staatspräsidenten traditionell im ersten Amtsjahr. Aber keiner seiner sieben Vorgänger in der Fünften Republik hat es so weit ins Tal geschafft wie Emmanuel Macron: Die öffentliche Zustimmung für den 40-jährigen Senkrechtstarter ist auf weniger als ein Drittel gesackt. Damit übertrifft Macron sogar den ebenso ungelenken wie glücklosen Francois Hollande.

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER.
Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer. Foto: INFORMER

Macrons Sinkflug ist weniger den wirtschaftsliberalen Reformen geschuldet, die der Präsident in den 17 Monaten seiner Amtszeit gegen zum Teil heftige Widerstände durchdrückte. Auch er musste die Erfahrung machen, dass die Mühen der Ebene einsetzen, sobald Politik auf Wirklichkeit trifft. So ist es ihm, allen Verheißungen zum Trotz, bisher nicht gelungen, die Spaltung der französischen Gesellschaft zu überwinden. Nach wie vor überwiegt bei MacronsLandsleuten ein beharrliches Lagerdenken, bleiben die Ankündigungen des einstigen Senkrechtstartes unerfüllt, das Übel der Arbeitslosigkeit einzudämmen und die Gegensätze zu versöhnen.

Auch die Rochade in seinem Kabinett konnte den Niedergang Macrons in der Gunst des Publikums nicht stoppen. Mehrere Minister quittierten ihren Dienst, der Hausherr im Elysee-Palast handelte sich eine Reihe peinlicher Absagen ein und umgibt sich nun mit Vertrauten der ersten Stunde. Ein Neuanfang sieht anders aus. Zudem ließen einige Affären in seinem Umfeld Macron in einer Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen nicht gerade strahlend aussehen. Auf die Mehrheit der Franzosen wirkt der Präsident nicht nur entzaubert, sondern seltsam fremd und abgehoben. Ihm fehlen Volksnähe und die Fähigkeit, die Sehnsucht der meisten Franzosen zu erfüllen, nicht von Ideengebäuden belästigt zu werden, sondern einfach ihren Alltag gemanagt zu bekommen.

Wer gehofft hatte, da bremse ein jugendlicher Heilsbringer  und wackerer Kämpfer gegen die Pest des Nationalismus die Erosion Europas aus, sieht sich desillusioniert. Sein dringlicher Appell, Europa möge sich endlich seiner Stärke bewusst werden, stößt bei fast allen Regierungen in der EU auf taube Ohren, die vollauf damit beschäftigt sind, ihre europafeindlichen Kräfte im eigenen Land im Zaum zu halten, sofern diese nicht bereits selbst an der Zerstörung des europäischen Projektes arbeiten wie in Polen, Ungarn oder Italien. Auch die dem Zerfall nahe Koalition in Berlin hat Macron in seinem europäischen Enthusiasmus enttäuscht und wurschtelt ohne rechtes Konzept mutlos vor sich hin. Dabei brauchte der französische Staatschef gerade jetzt einen proeuropäischen Konsens mit Deutschland, um sein politisches Tief zu überwinden. Denn auf einem Feld folgen seine Landsleute ihrem Präsidenten noch weitgehend unbeirrt: in seiner aktionsbetonten Europa-Politik.

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.