Essener CDU Ratsherr: Statt Halloween-Party besser Martin Luther als „Galionsfigur“

Dirk Kalweit ist Mitglied der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Essen, Vorsitzender der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung Essen sowie vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Essen (EAK). Foto: CDU Essen

„Halloween überschattet den Reformationstag und den katholischen Feiertag Allerheiligen“, findet der Evangelische Arbeitskreis der CDU Essen (EAK) und fordert daher, „den Reformationstag – analog der Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein – auch in Nordrhein-Westfalen zum staatlichen Feiertag zu bestimmen.“ Haken an der Sache: Der Reformator war nur bedingt tauglich als „Galionsfigur“, wie Ratsherr Dirk Kalweit, Vorsitzender des EAK den prominenten Judenhasser und Anhänger von Hexenverbrennungen bezeichnet.

von Peter Dettmer

Der EAK fordert: „Der 31. Oktober markiert symbolisch unter anderem die Weichenstellung vom mythenbeladenen Mittelalter zur Neuzeit und steht für die Befreiung von Geistern, Gruseln und Furcht. Freude und Befreiung statt Angst und Kleinmut! Auch deshalb ist es so wichtig, dass der Reformationstag und all das, was sich damit verbindet, nicht aus dem Bewusstsein der Menschen verschwindet oder gar unter die Räder kommt.“

„Die Hexen, das sind die bösen Teufelshuren“

Der Reformationstag als Zeichen der Befreiung von Angst und Kleinmut? Von wegen: „Ich will der erste sein, der Feuer an sie legt“, ermunterte Martin Luther zu der in seiner Zeit weit verbreiteten Hexenjagd und dokumentierte seine kruden Ansichten für die Nachwelt: „Die Zauberer oder Hexen, das sind die bösen Teufelshuren, die da Milch stehlen, Wetter machen, die Leute schießen, lähmen, verdorren, die Kinder in der Wiege martern…“ In zahlreichen Predigten forderte Luther, die Hexen sollen getötet werden. Ein Wirken mit dramatischen Folgen: In protestantisch geprägten Gebieten war die Hexenjagd weit ausgeprägter, als in katholischen Landesteilen. Sie endete mit bestialischen Foltermethoden und schließlich in unzähligen Fällen auf dem Scheiterhaufen.

Lutherdenkmal in Wittenberg: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen. Foto: Tourist-Information Lutherstadt Wittenberg

Lutherdenkmal in Wittenberg: Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen.

„Feuer, Pech und Schwefel“ gegen Juden

Der Antisemitismus wurde schon 1542 salonfähig und der berühmte Theologieprofessor war in seiner Zeit bei weitem kein Einzeltäter, als er seine Hetzschrift Von den Juden und ihren Lügen verfasste. Er forderte für Juden unter anderem ein Verbot der Tätigkeit als Kaufleute, ihnen zu untersagen, sich frei auf der Straße zu bewegen, Zwangsarbeit, das Verbot von Gottesdiensten und Veranstaltungen für Rabbiner unter Androhung der Todesstrafe, oder die Zerstörung der Synagogen „mit Feuer, Pech und Schwefel.“ Eine Gebrauchsanweisung für den späteren Judenhass der Nationalsozialisten: NS-Anhänger Julius Streicher feierte Luther in seiner Wochenzeitung “Der Stürmer” als einen „Kämpfer gegen den Judengeist.“ Nebenbei ziert im Jahr des Reformationsjubiläums die Skulptur Judensau noch immer die Sankt Marienkirche in Wittenberg (Link führt zum Videobeitrag): http://www.myrbw.de/wittenberg/media/20170530055.mp4

„Es gilt gerade in der aktuellen Zeit, die christlichen Wurzeln in Deutschland zu stärken und nicht zu schwächen. Sie bilden einen maßgeblichen Anteil an der deutschen Leitkultur, die im Kontext der zunehmenden Diversität der Gesellschaft immer bedeutender wird als Charta des Zusammenlebens in unserem Land. Informieren möchten wir auch über das interessante Leben und Wirken der protestantischen Galionsfigur“, so der EAK-Vorsitzende und Essener Ratsherr in seiner Stellungnahme.

Das Portrait von Reformator Martin Luther. Foto: Cranach

Das Portrait von Reformator Martin Luther.

Frauen, Bauern und Homosexuelle

Eine Charta des Zusammenlebens? Die beschrieb Luther in seinem Weltbild so: „Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allemal, dass die Männer durch sie geboren werden“ war noch eines der milderen Zitate, um Luthers Frauenbild zu umschreiben. In einem seiner früheren Werke drückte dieser sich markanter aus: „Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

Auch die Bauern, die zunächst die Schriften des Reformators so deuteten, dass sie diesen auf ihrer Seite glaubten, wurden in ihrem Aufstand gegen die Fürsten und Grafen bitter enttäuscht. Der stellte sich auf die Seite der Obrigkeit und forderte: „Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“

In seinem Kommentar zum Römerbrief beurteilte Luther Homosexualität als „sittliche Abirrung der Menschen infolge ihres Gottesverlustes.“ Später bezeichnete er diese als Widernatürlich und pervers. Auch 2017 berufen sich religiöse Fundamentalisten noch auf diese Einschätzungen.

Margot Käßmann steht zu „Luthers Schattenseiten“

Margot Käßmann umschrieb derlei Einstellungen mit Zurückhaltung: „Martin Luther wäre heute political incorrect, aber die Talkshows würden ihn lieben.” Für die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum alles ebenfalls keineswegs ein Grund zur Distanz: „Der Reformator ist halt nicht Everybodys Darling. Ich finde wir können feiern, dass wir heute auch die Schattenseiten von Luther sehen und ansprechen, darüber reden wie es war, warum das so war und auch zu sagen: Da irrte Martin Luther — diese Freiheit haben wir heute.“

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