Hunger-Katastrophe im zerstörten Jemen – Die Welt schaut weg

Von Richard Kiessler – Alle zehn Minuten stirbt ein Kind. Auf 85 000 unter fünf Jahren schätzt die Kinderrechtsorganisation „Save the Children“ die bereits verhungerten Opfer. Über eine Million Menschen leidet unter der Cholera, die über mit Fäkalien verseuchtes Trinkwasser übertragen wird. Und die Welt schaut weg. Die menschengemachte Katastrophe im Jemen an der Südspitze der arabischen Halbinsel ist aus dem Blick geraten.

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER.
Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer. Foto: INFORMER

Erst jetzt, nach dem brutalen Auftragsmord des saudischen Königshauses an dem Journalisten Jamal Khashoggi, drängen die amerikanischen Verbündeten auf eine Feuerpause im mörderischen Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran, der seit 2015 im Jemen tobt. In diesem Armenhaus droht 14 Millionen verzweifelten und mangelernährten Menschen eine akute Hungersnot, drei Millionen sind auf der Flucht vor einem Gemetzel, das die Infrastruktur sowie die spärliche Wasser- und Gesundheitsversorgung in weiten Teilen zerstört hat. 22 Millionen Jemeniten sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Doch die vom saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman geführte Kriegskoalition erschwert systematisch die Lieferungen internationaler Hilfsorganisationen mit gewaltsamen See-, Luft- und Landblockaden. So muss der Hafen Hudaida wegen aufflammender Kämpfe immer wieder geschlossen werden. Und die Transporte über unwegsame Bergkämme in abgeschiedene Dörfer stecken voller Risiken. In seinem bitterarmen Hinterhof hat das reiche Saudi-Arabien einen hemmungslosen Krieg gegen die vom Iran mit Waffen unterstützten Huthi-Rebellen um die Vorherrschaft im Jemen und in der Region. Die Erfolge des Kronprinzen aus Riad sind überschaubar. Militärisch ist dieser Guerilla-Krieg nicht zu gewinnen. Auch wenn die USA und ihre Verbündeten, darunter Deutschland, die Saudis und ihre Koalitionäre aus den Golfstaaten mit todbringenden Produkten aus ihrem Waffenarsenal versorgen. Die bislang über 18 000 Luftangriffe werden auch mit „Eurofightern“ geflogen, Kampf-Jets, an denen deutsche Rüstungsschmieden mitgebaut haben.

Wohl um die westliche Öffentlichkeit wegen ihrer fatalen Allianz mit Saudi-Arabien zu beruhigen, verlangen die USA jetzt eine Feuerpause im Jemen. Doch die aufkeimenden Hoffnungen auf einen Frieden lassen bereits Zweifel aufkommen. Denn US-Außenminister Mike Pompeo verlangt von den schiitischen Huthi-Kämpfern, als erste die Waffen ruhen zu lassen. Amerika und seine Partner sind neben ihren Waffengeschäften vor allem interessiert, den iranischen Einfluss einzudämmen, das sunnitische Saudi-Arabien zu stützen und die eingesickerten islamistischen Terroristen zu bekämpfen. Die Friedensgespräche, denen die Kriegsparteien formal zugestimmt haben, empfindet in Wahrheit Saudi-Arabien als Affront, obwohl der US-Präsident trotz des Skandals um den ermordeten Regime-Kritiker Khashoggi gerade den Schulterschluss versichert hat. Ein Termin für die in Schweden geplanten Gespräche steht noch aus.

Mit dem Foto eines jemenitischen Mädchens hat die „New York Times“ dieser Tage den Blick auf die von der UNO bezeichnete „größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart“ zu schärfen gesucht. Inzwischen ist die kleine Amal – arabisch für ‚Hoffnung‘ – gestorben. An Hunger.

 

Zum Kolumnisten: Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer.

 

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