Chaostage an der Themse – Der unerfüllte Traum vom alten Empire

Wohin steuert das Königreich? Foto: INFORMER

Sie kämpft unverzagt, unbeugsam, ausdauernd und leidenschaftlich. Und doch wirkt die britische Premierministerin dieser Tage in schier auswegloser Lage  wie eine tragische Endzeitfigur,  gedemütigt und einsam. Theresa May im chaotischen Endkampf um den Brexit freilich als eine auf Zeit spielende clevere Überlebenskünstlerin darzustellen, die sich an ihr Amt klammert, greift zu kurz. In Wahrheit ist sie das Opfer einer verkorksten, verlogenen Politik in einem längst abgedankten Weltreich, das seine lustvolle Selbstbeschädigung auf die Spitze treibt. Die Briten hätten allen Anlass, in gelben Westen gegen ihre unfähige politische Klasse aufzumarschieren. VON RICHARD KIESSLER

Das britische Pfund sackt ab, die Ökonomie der fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt zeigt Dellen, noch bevor der Austritt aus der Europäischen Union vollzogen ist. Im heftigen Streit um das Procedere gibt es drei Monate vor dem Scheidungsdatum im Parlament an der Themse nur negative Mehrheiten: Für den qualvoll mit der EU ausgehandelten Deal, der das Brexit-Verfahren auf 600 Seiten regelt, gibt es keine Mehrheit. Für den krachenden Brexit ohne Vertragsgrundlage können sich bei den zerstrittenen Konservativen allenfalls deren Hardliner erwärmen. Für ein neues Referendum, das zu einem Verbleib des Vereinten Königreiches in der EU führen könnte, tritt nur eine Minderheit der Parlamentarier ein. Und die ebenfalls innerlich zerrissene Labour Party konzentriert ihre Rolle in der Opposition einzig auf den Sturz der Premierministerin, in der Hoffnung, nach Neuwahlen die Regierung übernehmen zu können.

Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für den INFORMER.
Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer. Foto: INFORMER

Die Weltsicht der Brexit-Befürworter in ihrer insularen Randlage mag in  weiten Teilen von einem nostalgischen Bild des alten Empire geprägt sein – aber nicht nur: Für den Bruch  Großbritanniens mit  der EU stimmten etliche Bürger aus der traditionellen industriellen Arbeiterklasse, die sich abgehängt fühlen, weil sich ihre Lebensverhältnisse verschlechtert haben und die gesellschaftliche Ungleichheit gewachsen ist. Gegen Europa wandten sich beim Referendum vor zweieinhalb Jahren vor allem ältere und mit geringer Bildung ausgestattete Menschen.

Der Brexit mit seinen chaotischen Begleiterscheinungen stellt das europäische Projekt in Frage, das dem alten Kontinent nach den Verheerungen zweier Weltkriege Frieden und Wohlstand bescherte. Auch dem britischen Inselreich. Die EU mit ihren 27 verbleibenden Mitgliedsstaaten wird  im Interesse ihres Zusammenhaltes darauf achten müssen, nicht zur Projektionsfläche profilsüchtiger britischer Politdarsteller zu werden. Wo immer die mitunter hasserfüllten Rankünen im britischen Unterhaus enden, die bedrängte Theresa May wird einen Ausweg weisen müssen. Wie der aussieht, weiß die Premierministerin derzeit noch nicht.

Über den Autor: Dr. Richard Kiessler ist ein deutschlandweit renommierter Experte in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Für den Spiegel war er als diplomatischer Korrespondent tätig, sowie als Chefredakteur der NRZ und der WAZ Mediengruppe. Seit 2011 ist er freier Publizist und schreibt regelmäßig Kolumnen für das Redaktionsnetzwerk Informer.

 

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