Die tägliche Glücksgesichte aus dem Ruhrgebiet: Ein falsches Leben – Kathrin, Servicekraft

Glücksgeschichten aus dem Ruhrgebiet Foto: INFORMER

Eine bewusste Entscheidung war es nicht. Eher die Unfähigkeit, das Leben zu leben, für das sie so viele Opfer erbracht hatte. 

Abitur und dann drei Jahre Studium. Und nun hatte sie die Abschlussprüfung absolviert und saß vor dem Personaler in Frankfurt im Einzelgespräch. Und als sie ihn über Marketingstrategien und Kundenberatung und visuelle Kommunikation reden hörte und wie er all diese Worte benutzte, mit denen man heute die Welt absteckt, wusste sie, dass sie dieses Leben nicht würde leben können. Sie hatte Geomatik studiert, um Berge zu vermessen, Karten anzulegen, und nun erzählte ihr einer was von teamorientiertem Arbeiten. 

Als der Fahrkartenkontrolleur im Zug zurück nach Essen sie nach ihrem Ticket fragte, brach sie in Tränen aus. Am Abend kellnerte sie wie gewohnt. Sie kellnerte auch die nächsten Wochen und Monate, machte ihren Studentenjob einfach weiter. Sie arbeitete abends, das mochte sie. Sie liebte das Licht, brauchte den Tag für sich.

Aus Scham verschwieg sie der Mutter, wovon sie lebte, doch die erfuhr es dennoch. Einmal, als diese sie besuchen kam, brach sie in Tränen aus. „Es tut mir so leid“, beeilte sie sich zu sagen. „Wie hast du nur glauben können, dass ich mich deinem Glück widersetzen würde“, gab die Mutter zurück. 

 

Zur Autorin:

Gila Lustiger (55) ist erste „Stadtschreiberin Ruhr“. Die vielfach ausgezeichnete Autorin („Die Schuld der anderen“) lebte ein Jahr im Ruhrgebiet, mit dem Selbstverständis einer Kulturbotschafterin. In der Begegnung mit den Menschen des Reviers entstanden die „Glücksgeschichten“.

Das Brost-Stifung hat das Projekt „Stadtschreiber(in) Ruhr“ 2017 ins Leben gerufen.

Diesen Beitrag teilen

Mehr aus

Keine Inhalte gefunden

  • Vergewissern Sie sich, dass alle Wörter richtig geschrieben sind
  • Probieren Sie andere Suchbegriffe.